Zustand des Leichnams bezeugt es – und da, auch am Boden diese dunklen Flekke von einer ätzenden Flüssigkeit. Waren diese schon früher?"
Elisabet starrte auf die bezeichnete Stelle, nicht weit von dem Bette, auf die sie vorher noch nicht gesehen. Sie wusste es genau, gestern waren diese Flecke noch nicht: ein grosser schwarzer Fleck und dann nach den Seiten gespritzt kleinere dunkle Punkte, wie wenn etwas von oben herab vergossen worden wäre.
Gift!
Aber wie war das möglich? Der lebenslustige, glückliche Scheurl war keines Selbstmordes fähig! das sagten Alle, das behauptete auch Elisabet. Man durchsuchte das ganze Zimmer; es hätte sich in diesem Falle vielleicht noch ein Gegenstand finden müssen, der das Gift entalten, aber es war keiner aufzufinden.
Aber welche fremde Hand sollte es getan haben? Der ganzen Dienerschaft war er ein gütiger, freigebiger Herr, ebenso erwies er sich fast der ganzen Stadt, und man konnte wohl sagen, dass er keinen Feind hatte in ganz Nürnberg, dass kein Hass ihn traf, der seiner person gegolten hätte. Es gab Leute genug, die sich über ihn lustig machten und ihn beneideten – aber man wusste keine, die an ihm etwas zu rächen gehabt, oder denen er bei Erreichung irgend eines Zieles im Wege gewesen wäre.
Elisabet sprach das selbst aus und wollte an den Mord so wenig glauben wie an den Selbstmord – aber Georg nahm sie leise bei der Hand, dass sie nicht weiter so sprechen sollte, und der Bader sagte bedenklich:
"Der Gemahl der schönsten Nürnbergerin konnte wohl Feinde haben, denen er im Wege war."
Elisabet schauderte – aber im nächsten Augenblick sagte sie: "Sendet nach den Schöppen; das Entsetzlichgeschehene muss auf das strengste untersucht werden – man wird mir den Tod des Gatten rächen helfen, der zu den ersten Geschlechtern und Ratsherren dieser Stadt gehört."
"Und dabei denkt auch, wie Ihr Euere eigene Ehre retten könnt," flüsterte der Bader ihr leise aber hämisch zu und ging.
Elisabet war wie vom Blitz getroffen – jetzt erst entüllte sich ihr die Gefahr, in der sie schwebte. Im Bewusstsein ihrer Unschuld an einem grossen Verbrechen hatte sie sich das kleine versehen: ihrem Gemahl nicht beigestanden zu haben, da er sich übel befand, was sie doch nicht wusste, als ein Verbrechen vorgeworfen – und jetzt konnten Andere sie als eine Schuldige betrachten, von der man das Leben ihres Gatten fordern würde!
Und mitten in diesem Augenblick eines neuen Entsetzens kamen Martin Behaim und Stephan Tucher, die abwesend gewesen waren, mit der Kunde zurück: dass man endlich Weispriach's Burg mit Sturm und Brand genommen, dass kein Stein des alten Raubnestes auf dem andern geblieben, und das, was die Flammen nicht gefressen und vernichtet, von den Stürmenden und der Rache der Hörigen der Erde gleich gemacht worden sei. Der Ritter von Weispriach sei entkommen, aber Eberhard von Streitberg gefangen genommen worden; im Triumph bringe man ihn in die Stadt, sammt vielen den Bürgern und Kaufleuten geraubtem Gut, darunter noch einen teil der überseeischen Schätze Martin Behaim's.
Jetzt war es mit Elisabet's Kraft zu Ende – mit einem Schrei fiel sie in ihres Bruders arme.
Auch dieser Schrei musste wider sie zeugen; denn derselbe Augenblick, in dem sie ihn ausstiess, war auch der, in welchem die herbeigerufenen Gerichtspersonen eintraten, um den Tatbestand zu untersuchen und die ersten Zeugen zu vernehmen. Mussten sie nicht diesen Schrei für den Schreckensruf nehmen, mit dem eine Verbrecherin sich selbst verriet – als diejenigen kamen, welche vorerst nur Rechenschaft von ihr fordern wollten und noch gar keine Anklage erhoben?
Dieser Schrei war sehr verdächtig!
Aber Elisabet hatte ihn ausgestossen vor der Nachricht, dass Streitberg gefangen war und nach Nürnberg gebracht. Im ersten Augenblick dachte sie noch gar nicht an sich, sondern an ihn; sein los war so gut als entschieden: er ward dem Henker überantwortet und auf offenem Markt gerichtet. Elisabet liebte ihn schon lange nicht mehr; sie floh jede Erinnerung an ihn wie ein Schreckgespenst mit verzerrten Zügen; sie hatte nur Widerwillen, Scham und Entsetzen empfunden, wenn sie ihn wiedersah; sie würde ruhig aufgeatmet haben, wenn sie erfahren hätte, dass er tot sei, und jetzt hätte sie täglich gewünscht, dass sein Schuldbewusstsein ihn zur Flucht treiben und dass diese gelingen möchte, damit er wieder weit von ihr sich entfernte und nie nach Nürnberg zurückkehre: aber dass man ihn hierher brachte, hier dem Henker überlieferte – das war zu viel für sie! Sie hatte ihn doch einst geliebt, und die Schande, die ihm widerfuhr, empfand sie wie ihre eigene! Er war das Ideal ihrer Jugend gewesen, und Alles, was sie von heiterem Jugendmut, von gläubigem Vertrauen an Menschenadel, von froher Hoffnung auf Lebensglück besass, das hatte nur da in ihr gelebt, da sie ihn liebte, das war da für immer vernichtet worden, als sie von dem Mann ihrer Liebe sich schmählich betrogen sah, einen Unwürdigen in ihm verachten musste. Sie konnte nicht an ihn denken, ohne immer wieder die alte Pein zu empfinden – und eine neue hatte sich hinzugestellt. Sie hatte es verborgen gehalten, dass sie einst geliebt hatte und betrogen worden war: nun hatte Streitberg's Verfolgen immer gedroht, dies noch offenbar werden zu lassen, und wie bei ihrem Widerstand seine leidenschaft mehr und mehr die Gestalt des Hasses und der Rachsucht angenommen, so musste sie fürchten,