aber blieb sie, da sie überhaupt noch unschlüssig gewesen, ob dies nicht das Bessere sei, damit sie erst noch einmal, wenn Scheurl nüchtern sei, mit ihm sprechen und sich seiner fortdauernden Unterstützung versichern könne. –
Man war es gewohnt, das Herr Scheurl, wenn er vielleicht später oder mit einem grösseren Rausch als gewöhnlich heimgekommen, bis in den Tag hinein schlief, und weder seiner Frau noch der Dienerschaft fiel es auf, dass er bis um acht Uhr sich noch nicht gezeigt hatte. Als aber noch eine Stunde nach der andern vergangen war, im Comptoir Leute auf ihn warteten, und auch Georg Behaim kam, sich mit ihm über eine eilende Geschäftsangelegenheit zu besprechen, ging Elisabet mit diesem selbst in sein Gemach, dessen Tür wie gewöhnlich nicht verschlossen war.
Da lag Scheurl halb aus dem Bette gesunken, regungslos mit gebrochenen Augen und krampfhaft verzerrtem Gesicht, das blau und dunkel unterlaufen einen entsetzlichen Anblick bot. Die zusammengeballten hände zeugten ebenfalls von vergeblichen Anstrengungen und Kämpfen; es schien, als habe er versucht aufzuspringen, vielleicht nach hülfe zu rufen, und sei von körperlichen Schmerzen überwältigt und gelähmt zusammengesunken, unfähig sich von der Stelle zu bewegen. Er war noch halb angekleidet, und so musste das Uebel oder der Tod gleich bald nach seiner Heimkehr über ihn gekommen sein, denn er pflegte dann immer augenblicklich sein Lager zu suchen. Denn der Tod war es doch, obwohl es weder Elisabet noch Georg im ersten Schrecken als möglich erschien.
Sie hoben Beide vereint den schweren Körper auf sein Lager, Elisabet suchte vergeblich an ihm nach einem Puls- oder Herzschlag, und Georg rief die Dienerschaft zusammen, zu Doktor und Bader zu laufen, sie eiligst herbeizuholen, und fragte Alle, wann der Herr diese Nacht nach haus gekommen und wer ihn zuletzt gesehen? Aber darauf gab Niemand Antwort, wie gross auch die allgemeine Bestürzung war; Niemand wollte ihn gesehen haben, auch Katarina nicht, die von Elisabet speciell befragt ward, als sich diese besann, dass dieselbe noch gegen Mitternacht an ihre Tür gekommen, um ein Getränk zu bringen, das eine Stunde vorher von ihr verlangt worden war.
Katarina behauptete, es könne nicht so lange Zeit gewesen sein – und sie habe sich gleich gewundert, dass Frau Scheurl indess schlafen gegangen und sie gescholten. Es sei möglich, dass sie der Schlaf in der Küche übermannt habe, ohne dass sie es gewusst, denn es sei allerdings sehr spät und sie sei sehr ermüdet gewesen; den Herrn habe sie nicht kommen hören. Bestürzung und Entsetzen zeigte Katarina gleich den Andern.
Elisabet verlor zwar weder ihre gewohnte Geistesgegenwart noch Kraft, aber sie war todtenblass und zitternd vor Schreck, Tränen strömten aus ihren Augen und ihre Worte klagten sich selbst an, dass sie in dem qualvollsten Todeskampf des Gatten fern von ihm gewesen und die Pflichten eines treuen Weibes nicht hatte an ihm in seinen letzten Stunden über können. Sie hatte den Gatten nicht geliebt, und die achtung, die sie damals vor ihm besass, als sie ihm ihre Hand reichte, die hatte sich allerdings auch gegen ihn gemindert und verloren, seit sie mit ihm vermählt war und sein ausschweifendes und zügelloses Leben kennen gelernt hatte. Aber die eigene Selbstachtung hatte ihr geboten, seine Schwächen und Fehler zu verschleiern, ihm achtung vor der Welt zu zeigen und eine pflichttreue Hausfrau zu sein, die alle Schwüre hielt, welche sie ihm am Altar gelobt hatte. Darum fiel es gerade jetzt doppelt schwer auf ihr Gewissen, dass er hatte sterben müssen ohne ihre zarte pflegende Hand, ohne ihren sorgsamen Beistand, der ihn vielleicht hätte retten können. Zwar war sie auch daran unschuldig, denn es war mit Bewilligung ihres Gemahls geschehen, dass sie seit ihrer Krankheit in einem andern Flügel des Hauses schlief als er; denn seine lärmenden Gewohnheiten hatten die Leidende gestört, und er fand es auch bald bequemer, dass seine Gemahlin nicht immer wusste, wo und wie er seine Nächte zubrachte, und hatte gern in ihren Vorschlag gewilligt. Aber dennoch empfand es Elisabet jetzt wie eine Pflichtverletzung, dass sie nicht aufgemerkt, wann er nach haus gekommen, und einen möglichen Hülferuf von ihm nicht gehört hatte, dass er vielleicht vergeblich nach ihr verlangt in seiner letzten Stunde; denn er war ja auch immer gut und aufmerksam gegen sie gewesen, er hatte sie auf den Händen getragen und ihr alle Wünsche mit stolzer Freude erfüllt – wenn er auch daneben sich selbst so wenig als ihr jeden erlaubten, sich selbst auch keinen unerlaubten Wunsch versagte. Sie hatten immer in Eintracht neben einander gelebt, wenn auch weder mit- noch für einander. Und so gesellte sich zu Elisabet's Selbstvorwürfen auch das tiefste Mitleid für den so ganz verlassen und qualvoll Gestorbenen, dem sie gern die aufmerksamste Pflegerin gewesen wäre.
Als sie dies Alles schon fühlte, noch ehe es klar zu denken oder auszusprechen, war sie der überzeugung, dass er bei irgend einem schwelgerischen Nachtmahl sich übernommen, zu haus und im Bette sich habe erholen wollen und vom Schlag gerührt worden sei, wie gerade oft bei den kräftigsten Körpern ein plötzlicher Tod erfolgen kann.
Aber da der Doktor und Bader kamen und die Leiche untersuchten, da schüttelten Beide bedenklich Achseln und Köpfe, murmelten erst heimlich zusammen, und sprachen es dann laut aus vor dem ahnenden Schwager und der schönen witwe, die selbst mit forschte nach dem Urteil der gelehrten Herren:
"Es ist nicht anders möglich: Euer Eheherr ist an Gift gestorben! Der ganze