sie durch den Verlust des Ringes empfinden werde, und Katarina berechnete schnell, dass der Vorteil, den sie jetzt erringen könne, doch dem vorgehe, den möglicher Weise ihr Jacobea gönnen werde, wenn sie ihr zu dem Ringe verhelfe.
Herr Christoph Scheurl kam wie gewöhnlich etwas taumelnd und mit rotglühendem gesicht heim.
Katarina leuchtete ihm schweigend voraus in sein Zimmer und zündete die darin befindliche Lampe an.
"Wie kommst Du denn heute hier herein?" fragte Scheurl mit lallender Zunge.
Katarina antwortete: "Nun, Ihr kam't ja hinter mir drein, und es schien mir, als wenn Ihr den Weg nicht gut allein finden würdet –"
"Was unterstehst Du Dich?" rief er aufbrausend, weil ihn nie etwas so sehr in Wut bringen konnte, als wenn man ihn betrunken hielt, auch wenn er es wirklich war, nur darum weil er eine Ehre darein setzte, Unmassen geistiger Getränke vertilgen zu können, ohne davon angefochten zu werden.
"Ei, so lasst einmal sehen," begann Katarina, sich dicht neben ihn stellend; "kennt Ihr mich oder kennt Ihr mich nicht?"
Scheurl sagte: "Was soll das freche Betragen einer Magd, die eben so schnell fortgejagt werden kann, als sie gemietet worden. Meine Frau hat Deine Vorgängerin fortgejagt, weil sie jung und nett war und mir gefiel – Dich kann ich fortjagen, weil Du das Gegenteil davon bist und mir nicht gefällst."
"Das lügt Ihr!" rief Katarina, "denn einst gefiel ich Euch!"
Herr Scheurl ward immer aufgeregter und roher Katarina aber immer dreister, legte ihrer Zunge keine, Fesseln mehr an, erinnerte Scheurl an seinen Aufentalt in Regensburg bei der schönen NestlerKati, und sagte Alles, was sie sich vorgenommen zu sagen. Es war ein Gespräch, das bei der innerlichen wie äussern Rohheit der Beteiligten und bei der niedern Culturstufe ihres Zeitalters, seiner Sitten und Ausdrucksweise sich nicht wiederholen lässt.
Herr Christoph Scheurl zeigte dabei weder ein Interesse für den Mönch gewordenen Sohn, noch für dessen Mutter, noch empfand er Reue über ein Vergehen, das er sich längst gewöhnt hatte, sich selbst niemals als ein solches anzurechnen; aber er wünschte doch nicht, dass ihn eine person wie Katarina zum Stadtgespräch machte, noch dass eine solche, die ihm so unbequem werden konnte, in seinem haus lebe. Er gab ihr einen Beutel mit Gold, den er bei sich hatte, und versprach ihr eine ansehnliche Summe, die er ihr alljährlich senden wolle, wenn sie noch diese Nacht sein Haus, so bald wie möglich auch Nürnberg verliesse und über Alles schweige, nach wie vor – ausserdem aber, fügte er hinzu, finde ein Ratsherr von Nürnberg noch Mittel und Wege, eine flüchtige Landläuferin unschädlich zu machen.
Indess Katarina noch überlegte, griff Herr Scheurl nach dem Becher, den sie einstweilen aus der Hand gestellt. "Was ist das?" fragte er.
"Es ist Met; ich wollte ihn Eurer Frau als Nachttrunk bringen."
"Sie mag sich ihn selber holen," sagte er; "wenn sie durstig ist, ich bin es auch wieder geworden."
Katarina dachte: mag er es trinken; während er einschläft, kann ich überlegen, was ich tun will; ich habe noch das halbe Pulver für Elisabet.
Aber Scheurl hatte kaum mit einem raschen zug den Becher zur Hälfte geleert, als er ihn fluchend zur Erde warf und sagte: "Das schmeckt zu schändlich!"
Katarina erschrak unwillkürlich, und da Scheurl auf sein Bett taumelte, dachte sie: mag er schlafen – indess versuche ich noch mein Heil bei Elisabet.
Und sie ging hinab in die Küche, den Trank noch einmal zu mischen.
Indess ahnte sie nicht, dass ihr Jacobea statt des Schlafpulvers ein Gift gegeben, das, wie sie gehört, nicht auf der Stelle tödten, aber den blühendsten Organismus in einen hässlichen, verwelkenden verwandeln sollte, und zwar allerdings während einer Nacht voll Schlaf und Ohnmacht. Ein solches Zaubermittel glaubte Jacobea gefunden zu haben und sich dadurch am wirksamsten an Elisabet zu rächen; da sie aber wusste, dass Katarina zwar ein rohes, aber doch zu solcher Tat ein zu weiches Gemüt hatte, so hatte sie ihr nur die harmloseste wirkung ihres Pulvers gesagt. Indess hatte es in der Tat nicht diese zauberhafte, an welche sie selbst glaubte, sondern die eines schnell zerstörenden Giftes; unter dessen Einwirkungen rang der reiche, mit allen Gütern der Erde gesegnete Christoph Scheurl, der sich immer des heitersten Lebensgenusses gerühmt, verlassen und allein in einer furchtbaren Nacht.
Das Gift raubte ihm die Kraft, sich seiner Glieder zu bedienen – er konnte weder einen Ruf noch ein Geräusch hervorbringen, laut genug, die entfernten Hausbewohner zu wecken und herbeizulocken. –
Indess kam Katarina mit dem zweiten Becher des verhängnissvollen Trankes an Elisabet's Tür; sie war verschlossen, und da Katarina pochte, fragte Elisabet ungeduldig, was man sie noch störe?
Ich bringe den bestellten Nachttrunk," antwortete Katarina.
"Nun mag ich ihn nicht," antwortete Elisabet, die sich schon schlafen gelegt, durch die verschlossene Tür; "und ein andermal wünsche ich von Euch schneller bedient zu sein, oder gar nicht."
Katarina ging brummend ab. Aber dies entschied bei ihr. Hätte sie heute noch sich in den Besitz des Ringes setzen können, so würde sie Scheurl's Wunsch erfüllt haben und verschwunden sein; so