1859_Otto_159_147.txt

Hexensalben und Getränke erzielen lassewenn es auch nicht gleich so weit ging, die persönliche Erscheinung und hülfe des Teufels in Anspruch zu nehmen, oder sich ihm mit Gut und Blut zu verschreiben.

Zu Denen, welche am begierigsten waren dergleichen Dinge zu versuchen, gehörte die alte Jacobea; und sie konnte es um so kühner versuchen, als man in Nürnberg noch keinem Menschen den Process als Hexe gemacht hatte und sie hoffen durfte, dass sie Dies oder Jenes durch ihre Zaubermittel werde bewerkstelligen können, ohne deshalb in den Verdacht der Hexerei zu kommen.

Jetzt eben braute sie aus allerlei Giftwurzeln und tierischen Eingeweiden unter Absingung des Hexensegens ein Pulver, von dessen kleinsten Teilen sie sich eine langsam, aber sicher tödtende wirkung versprach.

Von draussen schlug niederströmender Regen an das kleine trübe Fenster, und da es schon ziemlich dunkel war, bemerkte Jacobea um so weniger, dass Jemand wiederholt an das Fenster pochte.

Die schwarze Katze, die an der verriegelten tür Wache hielt, hatte ein feines Gehör und sprang unwillig miauend wider das Fenster. Sei es durch diesen Sprung oder durch das stärkere Pochen und Drücken von aussen; der lockere Wirbel des einen Fensterflügels wich, dieser sprang auf, und eine dürre alte Hand schob ihn noch weiter zurück und eine heisere stimme rief:

"Jacobea! lass mich ein!"

Jacobea fuhr zusammen von kaltem Schauer überrieselt. Kam jetzt wirklich der Gott-sei-bei-uns! selber, den sie in einem sinnverwirrten Spruche angerufen, ohne sich viel dabei zu denken? Auf solch' eine Erscheinung war sie doch nicht vorbereitet. Sie zitterte an allen Gliedern und fiel auf die Kniee.

Aber lauter rief es draussen: "Jacobea! lass mich nicht länger im Regen stehen! Nimm die NestlerKati auf, wie sie einst Dich aufgenommen!"

Die Alte sprang auf. Das war eine Frauenstimme! die Nestler Kati! Sie hatte sie lange nicht gesehen, aber dieser Name und diese stimme riefen Erinnerungen aus ihren besten Tagen wach. Sie sprang auf und eilte die Haustür zu öffnen.

Ein Frauenzimmer in ärmlich bürgerlicher Kleidung und vielleicht ein Jahrzehent jünger als Jacobea trat ein, warf einen durchnässten Leinenmantel ab und ein grosses Paket an die Erde.

"Da komm' ich mit Sack und Pack!" sagte die Eintretende. "In Regensburg, das der Herzog Albrecht so gut wie zumauern lässt, mocht' ich nicht bleiben und bin mit Tausenden ausgewandert, die auch nicht viel mehr zu verlieren haben als das Leben. Nun dachte' ich in Nürnberg ein Unterkommen zu finden, wollt' aber bei Euch erst einkehren und mir Rat erholen. Und Ihr lasst mich unbarmherzig eine Stunde im Regen stehen und vergeblich pochen und rufen."

"konnte' ich denken, dass Ihr es waret?" sagte Jacobea; "hätt' ich doch eher sonst wen erwartet denn Euch, Muhme, die ich so lange nicht gesehen! Lässt man doch auch in nächtlicher Zeit nicht gleich Jedes ein!"

"Hab't Ihr da etwas Warmes?" fragte die Angekommene auf den Kessel deutend: "es würde mir gut tun."

"Das hier schwerlich!" antwortete Jacobea, "aber es ist fertig und der Kessel kann einem andern Platz machen."

Indess sie sich anschickte eine Suppe zu bereiten, besprachen die beiden Frauen, die sich lange nicht gesehen, ihr wechselndes Geschick, und Katarina Nestler erzählte das ihres Sohnes Konrad, das wir schon aus dessen eigener Mitteilung an Ulrich kennen, und damit ihr eigenes, dem sie nur hinzuzufügen hatte, dass sie nun, wo sie um ihres Sohnes Willen keine Ursache mehr habe zu verheimlichen, dass nicht ihr angetrauter Gatte, sondern der reiche Herr Christoph von Scheurl der Vater ihres Sohnes sei, sie jetzt, da sie obdachlos sei und mit ihrer ganzen geringen Habe aus dem bedrohten Regensburg geflüchtet, von Scheurl, der, wie sie gehört, die schönste Nürnbergerin gefreit, an der selbst König Max Gefallen gefunden, zu verlangen, dass er ihr auf ihre alten Tage zu leben gebe, nachdem er sich ihrer Jugend gefreut, und sie des Sohnes, der ihr eine Stütze hätte sein sollen, sich beraubt sah durch eben diese eigene Sünde, wie die des Vaters, die erst so spät an den Tag kam und erst nach zwanzig Jahren die Strafe mit sich brachte, die ihr sonst so oft auf dem fuss folgt.

Jacobea triumphirte bei dieser Mitteilung. Sie malte Scheurl's Bild in den schwärzesten Farben und das seiner Gemahlin nicht minder. Sie versicherte bestimmt zu wissen, dass diese von Kindesbeinen an ein verworfenes geschöpf gewesen; durch ihre Amme, die zuletzt mit in diesem haus gewohnt, gab sie vor, über sie die genauesten Mitteilungen zu habenja, sie bürdete Elisabet sogar die Schuld an dem tod der Amme auf, die Jacobea allein selbst trug durch ihren langsam tödtenden Gifttrank. Jacobea erzählte, dass Elisabet zu der Kranken gekommen und dieselbe wahrscheinlich mit für sie mitgebrachten Leckerbissen vergiftet habe, damit sie nicht noch habe ein Verbrechen beichten können, das sie gemeinschaftlich mit Elisabet begangen, und wie diese seit demselben Tage, an dem sie noch bei einem nächtlichen Stelldichein mit einem Baubruder, der vor einem gemeinen Steinmetzgesellen nur das voraus habe, dass er wie ein Mönch zu leben gelobe und doch sein Wort nicht halte, sei ertappt worden, alles mögliche Schlechte auf Jacobea zu bringen suche, so dass sie schon lange nach einem Mittel strebe, sich dieser