er, wenn es zu einer bedenklichen Untersuchung kam, sich als den einzigen Schuldigen selbst darstellen und zum Opfer bringen wollte.
So war noch Alles geblieben, als der Propst als ein Halbgenesener in die Lorenzkirche kam, die Darbringungen weiblichen Fleisses, die Elisabet mit gestiftet, zu beschauen, und als Ulrich, um Hieronymus aus drohender Gefahr zu retten, sich selbst in die grösste begab. Die Rettung war ihm gelungen, und Elisabet, die er inzwischen nicht wiedergesehen, hatte ihm auf offenem Markt ihre Teilnahme zu erkennen gegeben. Lag darin nicht eine neue Gefahr – und empfand nicht Ulrich doch nebenbei einen süssen stillen Triumph in dem geheimsten Winkel seines Herzens?
Ihm war es, als sei es der schönste Tag seines Lebens. Er hatte an ihm eine Spitzsäule mit zierlichem Eichenlaub umrankt, das mit stachlichem Dornenwerk darum zu streiten schien, und doch in der Krone den Sieg davontrug, vollendet und eben sein Zeichen, den Kreis mit dem Winkelmaass durchschnitten, hineingegraben, als er Elisabet zur Kirche vorübergehen sah und nicht lange darauf das Gebälk am Kirchenbau erbebte, stürzte – und er nun, selbst der nahen Gefahr entronnen, Alles aufbot mit Anstrengung aller seiner Kräfte sie von den andern Baubrüdern abzuwenden und Hieronymus zu retten.
Und da es ihm gelang und Hieronymus ihn innig umschlang und nichts zu ihm sagte als: "Mein Bruder!" da hätte er laut aufjauchzen mögen in dem Bewusstsein, dass er dem Freund hatte beweisen können, dass er noch ganz der alte für ihn sei – und dass nun auch aus dessen Seele alles Misstrauen schwand, das sich darin festgesetzt seit ihrer verschiedenen Meinung über die Juden und seit ihm Ulrich wirklich etwas zu verbergen hatte. Das, was Ulrich selbst empfand gleich einer Versündigung an dem Freund, die er doch auch nur aus Rücksicht für diesen selbst, um ihn nicht durch einen Mitwisser zu einem Mitschuldigen zu machen, auf sich lud, das war nun auf einmal von ihm genommen: denn er hatte ihm jetzt gezeigt, dass er ihn mehr liebte als sein Leben, das er mit Freuden wagte an die Rettung des seinen, da alle Andere es verloren gaben und ihn zurückhalten wollten. Auch Mutter Marta war ihm versöhnt, und mehr – sie nannte ihn wieder ihren zweiten Sohn, denn er hatte ihr ja den einzigen gerettet. Sie gestand auch beschämt, dass sie es der stolzen Frau von Scheurl nimmer zugetraut hätte, dass sie einer alten Frau wie ihr auf offenem Markte einen Liebesdienst erweisen werde, aber sie fügte doch hämisch hinzu:
"Freilich, sie fragt eben nach gar keiner Sitte, oder nach den Leuten, und so wie sie den Vorschriften des Rates und der Schicklichkeit zum Trotz sich prächtig kleidet, so tut sie auch für eine arme alte Frau, was sonst keine von diesen hochmütigen Geschlechtern tun würde; aber ich hab' es gesehen, wie sie ausser sich war vor Angst, da Ihr in Gefahr schwebtet, und darum warn' ich Euch, Ulrich: wenn sonst vor keinem weib, so seid vor ihr auf Eurer Hut."
Ulrich wies lächelnd die Warnung zurück, aber er errötete leise und seine Pulse gingen schneller, da er jenes Augenblickes gedachte, wo er in Elisabet's Gemach von ihrer bezaubernden Nähe wie berauscht gewesen.
Sechstes Capitel
Gift
Die alte Jacobea sass in ihrer kleinen Hütte an einem Regenabend mürrisch und sinnend an einem niedergebrannten Holzfeuer ihres Herdes und rührte in einer darüber befindlichen Pfanne, aus der übelriechende Dämpfe emporstiegen. Sie murmelte unverständliche Sprüche dabei und betete eine Art Hexensegen über ihr Gebräu.
Damals eben erzählte man sich viel von Zauberei und Hexenmacht, besonders in den angrenzenden Ländern, wie kluge Frauen allerlei Künste erlernen und üben könnten, durch welche sie über Menschen und Tiere Macht erhielten, die ihnen entweder zum Guten oder Bösen dienten, je nachdem man es beabsichtige oder auch die Kunst verstände. Man verkündete und glaubte davon die fabelhaftesten Dinge. Zwar knüpften sich daran weitere schreckliche Geschichten und Erklärungen. Jene geheimen Künste sollten nur durch einen Pakt mit dem Teufel erlangt werden können, und dieser jetzt weit öfterer als je auf Erden erscheinen, entweder Einzelnen zur Nachtzeit in ihren Kammern, oder an Kreuzwegen und unter alten Bäumen, oder, was eine von ihm sehr beliebte Stätte zu sein schien, auf den Düngerhaufen der Gehöfte, wo er die sich ihm Verschreibenden mit Jauche taufte – oder auch auf hohen Bergen oder freien Feldern mit einer ganzen höllischen Genossenschaft und allen Nahewohnenden, die sich ihm ergeben wollten, zur Veranstaltung von Hexentänzen und scheusslichen Orgien. Bald zogen die geistlichen Gerichte dieses Unwesen vor ihren Stuhl; aber anstatt durch Aufklärung und Belehrung dem dämonischen Hange der menschlichen natur entgegen zu wirken, bestärkte man denselben durch Nähren des Aberglaubens, indem man alles nicht gleich Erklärliche zu einem Uebernatürlichen stempelte. Daran knüpfte sich eine schauderhafte Verfolgungssucht, welche nicht nur ganz Unschuldige und nur böswillig von feindlich gesinnten Personen Angeklagte den grässlichsten Martern und dem schrecklichsten tod unterwarf, sondern auch Schuldige machte. Denn da es bald als Leichtsinn, bald als Gotteslästerei galt, die Möglichkeit solcher Zaubereien und Teufelspakte zu leugnen, wiewohl im aufgeklärten Nürnberg die Sache wenig Anklang fand, so bemächtigte sich besonders zuerst der unwissenden niedern Klasse der Glaube daran, und dazu kam der Reiz der Neugier und der Verführung durch eigene Gelüste, d i e S a c h e d o c h a u c h z u v e r s u c h e n und zu sehen, was sich durch Zaubersprüche,