ja die sich überhaupt ihm nur genaht.
Wenig Tage darauf vernahm er mit Schrecken, dass der Propst Kress erkrankt, vernahm er auch, was man in der Stadt über denselben redete; aber da er selbst zu ihm ging, um zu warnen oder zu beraten, so gut es gehen wollte, ohne durch ganz vollständige Mitteilungen die Angst des Propstes zu erhöhen, erfuhr er von diesem, dass der Abt des Benediktinerklosters als sein Freund und gönner selbst bei ihm gewesen, um mit ihm im Vertrauen zu verhandeln: wie man das Bekanntwerden eines unangenehmen Vorfalls unterdrücken, dem Kloster und der ganzen Geistlichkeit eine Untersuchung und einen öffentlichen Eclat ersparen könne.
Ein Knecht, der früher schon im Kloster und später in der Stadt Dienste getan, habe dem Abt berichtet, dass er den Bruder Amadeus in fast ritterlicher Kleidung durch die Strassen Nürnbergs habe schleichen sehen, und dass ihn der Propst mit einem Baubruder bei nächtlicher Weile mit in das Haus genommen und bei sich verborgen. Auf diese Anzeige hin hatte der Abt in der Stille die Zelle öffnen lassen, welche vollends zugemauert worden war, als der Gefangene darin kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hatte; da man bei dieser Oeffnung nach einigen Wochen keinen Leichnam darin gefunden, so war es freilich klar, dass Amadeus geflohen war und dass er dies nicht ohne Helfershelfer hatte bewerkstelligen können. Indess schien es dem Abt ratsam, darüber kein grosses Geschrei zu erheben, sondern lieber zu tun, als ob nichts geschehen sei, so lange nicht durch Amadeus selbst die Sache ruchbar würde; denn eben damals waren in Kirchen und Klöstern mancherlei Missbräuche eingerissen und das Ansehen Beider im volk gesunken. Nicht etwa n u r in den Klöstern, sondern im ganzen volk, war eine beispiellose Verschlechterung der Sitten eingerissen und eine entsetzliche Verwilderung unter die Menschen gekommen; so wenig wie den Laien, so wenig galt selbst vielen Geistlichen der gute Schein, oder man suchte, wenn nicht ihn, doch das Ansehen durch Ketzergerichte und andere Zeichen eines geistlichen Schreckensregimentes zu erhalten. Die aber zu den Besseren und Edleren der höhern Geistlichkeit gehörten, wie der Propst Kress und der Abt des Klosters, die suchten wenigstens die eingerissenen Uebelstände und Ungehörigkeiten, die sie nicht ausrotten konnten und noch weniger an den Tag bringen, ohne in den Augen der Menge ihrem eigenen stand zu schaden, zu vertuschen, so gut es gehen wolle.
Danach handelte auch jetzt der Abt in der Hoffnung, dass Kress, wenn er Amadeus bei sich habe, oder seinen Aufentalt wisse, sich mit diesem selbst leicht verständigen könne, dass er weit fort fliehen und sich verborgen halten möge, ohne je Jemanden zu vertrauen, woher er komme und dass er ein zum tod verurteilter und entlaufener Mönch sei. Lieber werde ihm der Abt selbst die Mittel zu weiterer Flucht verschaffen, als ihn der Verfolgung aussetzen, die ihn vor ein geistliches Gericht bringen werde, das ihn zum tod verurteilen müsste – ein Urteil, das nun nicht wie das erstgefällte in der Stille des Klosters vollzogen werden konnte, sondern das der Welt offenbar werden musste, weil andere weltliche Personen und Gerichte mit darein verwickelt sein würden.
Dieser vertrauensvollen Mitteilung setzte der Propst die andere entgegen, dass allerdings Amadeus, aber erst einige Wochen nach seiner Flucht aus dem Kloster eine Nacht bei ihm gewesen, dass er sich nicht habe entschliessen können, dem bei ihm eine Freistatt Suchenden, dieselbe zum gefängnis werden zu lassen, noch sie ihm auf länger als einen Tag zu gewähren, und dass er Amadeus zum Reichsheer gesandt, in der Schlacht den Tod zu suchen, den er verdient habe und dem er doch im Kloster entronnen sei. Er erklärte nicht zu wissen und nicht wissen zu wollen, wie und wann und durch wen Amadeus befreit worden, und forderte zum Lohn für sein unumwundenes geständnis von dem Abt, nicht nur die vorher versprochene Zusicherung, dass ihm dann selbst kein Schaden daraus erwachsen solle, sondern auch dass der Abt die ganze Sache unterdrücken und weder unter den Mönchen, noch den Baubrüdern, noch den Befreiern forschen möge.
"Sa lange das in meiner Macht ist und ich nicht von Aussen dazu gedrängt werde," versprach der Abt. "Ist es für die Ehre unseres Standes besser, Alles als ungeschehen zu betrachten, so soll es so gehalten werden; ist es jedoch nicht möglich, reden Andere oder die Tatsachen vor der Welt, so soll mit Strenge gerichtet werden, und ich werde das Schonen nicht kennen, weder für mich selbst, noch für Feind und Freund."
So weit war der Propst beruhigt für den Augenblick und doch voll Unruhe für die Zukunft; es war ein Damoklesschwert, das über seinem haupt hing, und auch über dem haupt Ulrich's.
Der mehr weiche und gutmütige als starke und energische Charakter des Propstes Kress war nicht dazu gemacht, solche Zustände mit Mut oder auch nur Gleichmut zu ertragen, die ungewohnte Angst und Unruhe hatten ihm eine Krankheit zugezogen, die ihn lange an sein Haus gefesselt hielt. Als Ulrich zu ihm kam, teilte Jeder von dem Geschehenen oder Gefürchteten dem Andern eben nur so viel mit, als nötig war zu beruhigen oder zu warnen; aber da Keiner wissen konnte, wie der Würfel fallen werde, ob überhaupt eine Anklage und welche zuerst sich erheben werde, so war es nicht möglich irgend eine Verabredung zu treffen oder einen Plan zu Schutz oder Trutz zu entwerfen – ja Ulrich stand nur das Eine fest, was er aber nicht sagte, dass