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, indem er sie mied, nicht nur sich im Auge gehabt, nicht sein Gelübde, sondern nur den Schein es zu bewahren.

Was war es denn weiter, wenn er auch einmal in das Judenviertel ging? War es nicht auch klug, wenn er jetzt Ezechiel unter dem Vorwand aufsuchte, dass er ihm die im Kloster geliehenen Kleider bezahlen wolle, da sie der Eigentümer nicht zurückbringe, obwohl der Jude damals alle Bezahlung verweigert hatte. Konnte er nicht durch dies Anerbieten selbst Ezechiel irre machen in seinen Voraussetzungen, oder ihm doch zeigen, dass er ihn nicht fürchte?

In der Judengasse war die wohnung Ezechiel's leicht zu erfragen und auch im Dunkeln zu finden, als der in einen langen Mantel gehüllte Baubruder durch dieselbe schritt. Ein matter Lichtschimmer brach durch ein Fenster des obern Stockes. Ulrich tappte die finstere Treppe hinauf und stand vor einer kleinen Tür. Es schien sich nichts dahinter zu regen, er lauschte und pochte.

Er rief: "Ezechiel!"

Nichts antwortete, aber es war Ulrich, als ob er leise Schritte zur Tür gehen hörte.

"Ezechiel oder Rachel!" rief er noch einmal, "wer ist daheim?"

"Gott meiner Väter!" rief drinnen Rachel's stimme, "ich täusche mich nichtIhr seid es, Ulrich von Strassburg."

"Ich bin es!" antwortete Ulrich, "und ich hoffe, dass Ihr mir öffnen werdet, damit ich mit Euch sprechen kann."

"Das kann ich nicht!" antwortete sie; "der Vater hat mich eingeschlossenaber seid Ihr allein?"

"Ganz allein!"

"So hört uns Niemand. O, Euch sendet der Himmel! Mein Vater lässt mich nicht mehr aus dem hausaber lasst Euch nicht von ihm hier treffen!" rief sie angstvoll.

"Warum?" versetzte er; "ich komme seinetwegen, meine Schuld ihm zu bezahlen."

"O das ist längst abgemacht!" fiel sie ihm in's Wort; "es bleibt jetzt keine Zeit davon zu reden, auch nicht von dem Dank, den ich Euch schulde und mein ganzes Volk, dass Ihr auf mich gehörtaber der, dem Ihr damals fortgeholfen, ist ein Undankbarer."

"Was sagst Du?"

"Er hat Euch an Streitberg verraten, ich sah ihn selbst auf Weispriach's Schloss; aber ich erfuhr den Zusammenhang erst, als ich fort war und nachdem ich schon bei Euch gewesen."

"Diesmal kommt Deine Warnung zu spät!" antwortete Ulrich.

"Zu spätwar mein Vater schon bei Euch?"

"Kürzlich? – nein!"

"Er schweigt nochaber er will sein Schweigen von Euch damit erkaufen, dass Ihr ihm den Ring von Frau Elisabet wieder verschafft. Ihr hab't ihr jetzt einen grossen Dienst geleistetsie wird und muss es tun!" sagte Rachel.

"Nie werde ich etwas von ihr verlangen," sagte Ulrich stolz, "am wenigsten etwas Schmachvolles!"

"Nicht um Euretwillen, wenn Ihr an Euch nicht denktden Propst, Hieronymus, KonradIhr werdet sie Alle mit Euch verderben sehen!"

Ulrich fühlte ein Schwert in seiner Brust, aber es war kein Schwert des Kampfes, sondern des Gerichts. "Ich weiss, was ich zu tun habe," antwortete er; "ein Christ weiss es immerer nimmt die Schuld allein auf sich, wie es sein erhabener Meister mit der Schuld der ganzen Menschheit tat. Sieh', ich kam zu Dir, um mit Dir von dem Christentum zu sprechen."

Eine lange Pause folgte. Dann antwortete Rachel dumpf: "Geh't, ich habe weiter nichts mehr mit Euch zu redenwir sind fertig. Ihr seid hier auch nicht sichergeh't."

Ulrich wartete noch einige Minuten, rief noch einmal hinein, aber es erfolgte keine Antwort mehr. Er ging.

Was ihm Rachel gesagt, erfüllte sich am andern Tage. Ezechiel kam zu ihm, aber er wusste nichts davon, wie es schien, dass Ulrich tages zuvor in seiner wohnung gewesen, und da Rachel es also mochte gut befunden haben, darüber zu schweigen, so tat Ulrich um ihretwillen das Gleiche.

Der Jude zeigte zuerst die alte kriechende Höflichkeit, sagte, dass er in Not und Angst wiederkäme, um von Ulrich einen grossen Dienst zu erbitten, durch den er allein grosses Unglück von ihm abwenden könne.

Ulrich entgegnete ruhig, dass er sich wundern müsse, wie Ezechiel noch zu ihm kommen könne, nachdem er schon das vorige Mal sein Vertrauen zurückgewieseninzwischen aber erkannt habe, wie recht er daran getan, da der Jude nur ein lügenhaftes Spiel mit ihm getrieben, um durch ein unredliches Mittel irgend einen unredlichen Zweck zu erreichen; es sei wohl besser, wenn sie einander aus dem Wege gingen und vergässen, je einander darauf begegnet zu sein.

Diese Worte drängten den Juden rasch zum Ziel, da er daraus sah, dass Ulrich in keinem Falle ihm vertrauen würde, und dass es unmöglich sein werde, durch List und Verstellung etwas von ihm zu erreichen, so griff er gleich zu seinem letzten, und wie er meinte, unfehlbaren Mittel: der Drohung.

"Muss ich mich doch verwundern," begann er, "dass Ihr mir möget also schnöde begegnen. Ist es nicht in meiner Macht, Euch ganz