Kapitäl, denn er wollte gern noch so viel als möglich vollenden, und wusste nicht, wie lange ihm noch das Glück der Arbeit gegönnt war!
Als es am Abend dunkel geworden, ging er wieder in die Propstei. Noch einmal überhäufte ihn Amadeus mit Bitten, mit ihm zu gehen, ja er drohete in seiner heftigen Art auch nicht zu fliehen, sondern sich selbst dem geistlichen Gericht oder dem Kloster zu überliefern, wenn man ihn allein ziehen lasse; aber Ulrich blieb standhaft bei seiner Weigerung, oder er erklärte vielmehr noch einmal einfach, dass ihn nichts zu einem Eidbruch verleiten werde, und dass er bleibe, möge sein warten, was da wolle.
Amadeus musste von ihm Abschied nehmen in dem Bewusstsein, dass er selbst das ersehnte Glück, den Sohn wiedergefunden zu haben, mit dem Unglück desselben erkaufe! –
Kress, der den Tag über nur eine Stunde bei Amadeus in der verschlossenen Bibliotek gewesen, und jetzt am Abend Ulrich mit hineingenommen hatte, duldete nicht, dass derselbe sich lange verweile, um ja keinen Verdacht bei der Haushälterin zu erregen. Ulrich musste also nach einer kurzen Zusammenkunft wieder gehen, ja er musste auch dem Propst feierlich versprechen, nicht etwa wie er erst sich anheischig gemacht, Amadeus bei der nächtlichen Flucht zu helfen, oder durch das Tor oder in welcher Art zu begleiten. Amadeus musste allein und wieder in andern Kleidern, als in denen, welche er jetzt getragen, die Stadt verlassen, und es war dabei auch keine grosse Schwierigkeit, da ihn Niemand kannte und Niemand verfolgte. Man konnte ihn jetzt sehr wohl für einen gewöhnlichen alten Söldner halten, und Niemand vermutete unter dem Helm das glattgeschorene Haupt des flüchtigen Mönches.
Wenige Tage nach seiner Entfernung musste der Propst von seiner Haushälterin hören, dass sie auf dem Markt von mehreren Seiten gefragt worden sei: der Herr Propst habe wohl wieder Gäste, die nur zur Nachtzeit kämen und gingen, und denen es in der Propstei besser gefiele als im Kloster? und dass man auf ihre Antwort, die Frage nicht einmal zu verstehen, weiter gesagt: sie solle sich nur nicht unwissend stellen, ganz Nürnberg wisse es schon, dass der Propst wie immer mit den Baubrüdern unter einer Decke stecke, und dass sie einem Benediktinermönch, dem es nicht mehr im Kloster gefallen habe, zur Flucht verholfen hätten.
Mit Entsetzen vernahm Kress diese Reden, ohne zu ahnen, dass es Frau Eva Kraft war, die sie auf Veranlassung eines ihrer Handlanger in Umlauf gebracht hatte, nur um sich an dem Propst für den Drachen zu rächen, mit dem er sie verglichen hatte. Sie verfolgte damit nicht etwa einen mühsam angelegten Plan; sie dachte nicht entfernt daran, wider Gericht gegen den Propst zu zeugen, noch ihn überhaupt in Untersuchung und Strafe zu verwickeln, so boshaft war sie nicht: sie gönnte ihm nur ein wenig Angst und üblen Leumund; zu etwas Ernstlichem, meinte sie, werde es nicht kommen, da den Geistlichen, und besonders den hochgestellten, damals so viel durch die Finger gesehen ward; nur in den Augen der Leute wollte sie ihn und namentlich die freien Steinmetzen herabsetzen, denen auch nicht leicht aus den Anklagen von Laien und Profanen ein Nachteil entstehen konnte, wenn nicht ihre Vorgesetzten und Meister, die ihrer Hütte, wie die der Hauptütte von Strassburg die Klage annahmen und Urteil sprachen: denn die Baubrüder hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit und konnten nur erst, wenn sie aus der Hütte gestossen waren, von Profanen gerichtet werden. Diese Vorrechte derselben waren es eben, welche die andern Zünfte auf sie eifersüchtig machten – und wie gewöhnliche Frauen ihren Neid und Groll, der, wenn berechtigt, den Institutionen gelten sollte, an den einzelnen Personen, zu deren Vorteil diese sind, auslassen möchten, so war auch Frau Eva in diesem Falle.
Amadeus war fort – aber was konnte der Propst tun, sich gegen diese Gerüchte zu schützen, wenn sie zu einer Untersuchung führten, und wie konnte er wissen, ob sie nicht schon das Ergebniss einer solchen waren, die vor der Hand noch innerhalb der Klostermauern geführt ward?
Ulrich glaubte in denselben Gerüchten, die zu ihm drangen, die Hinterlist Ezechiel's zu erkennen. So viel war ihm klar geworden durch Alles, was er im Lauf der Zeit an sich selbst erfahren hatte, dass der Jude ein Vertrauter Streitberg's, und dass es nur dadurch Rachel möglich gewesen war, ihm alle die Nachrichten und Warnungen zukommen zu lassen, die er, um Unglück oder Unrecht zu verhüten, von ihr empfangen hatte. Wenn er so Alles überdachte, fiel es ihm plötzlich schwer auf's Gewissen, dass er den Edelsinn in ihr, der sie immer angetrieben hatte Unglück zu verhindern, durch nichts bestärkt oder belohnt, dass er sie immer von sich fern gehalten hatte und fast nur rauhe Worte für sie gehabt, weil sie eine Jüdin und weil sie ein Weib war. Hätte er nicht das Gefühl in ihr, das sie immer wieder zu ihm trieb, als dem einzigen Menschen, zu dem sie das Vertrauen fasste: er werde bereit sein die Unschuld und die Wehrlosen zu beschützen wie und wo es auch sei – hätte er das nicht unterstützen und pflegen müssen, ihr nicht sagen, dass es ihm scheine, als sei sie in der Tat und im Herzen eine Christin; hätte er nicht Alles tun müssen, sie vom Fluch des Judentums zu erlösen und sie für das Christentum zu gewinnen? Hatte er