1859_Otto_159_140.txt

ich empfinde es mit Euch!"

"Ihr?!" sagte Mutter Marta mit dem Tone des höchstens Erstaunens, da es ihr überhaupt sehr unerwartet war, so plötzlich mitten unter dem Volkshaufen neben der stolzen Frau von Scheurl zu stehen, die sonst immer so streng jede Berührung mit dem volk vermied und es jetzt nicht achtete, wie ein Tagelöhner mit schmutzigem Stiefel auf ihrer seidenen Schleppe stand und ein zerlumpter Betteljunge mit den Quasten ihres Aermels spielte – "Ihr?" wiederholte Mutter Marta, "Ihr fühlet das, die Ihr für keinen von diesen Beiden, nachdem sie ihr Leben für Euch gewagt, ein Dankeswort hattet? Pfui, schämt Euch; viel eher glaube' ich, Ihr freut Euch, wenn die wackern Burschen hier verunglücken, dann könnt Ihr vollends vergessen, was sie für Euch getandas wollt Ihr wohl mit abwarten."

Maler Beierlein, der auch des Weges gekommen war, um bei der Teppichberatung der Frauen in der Kirche mit gegenwärtig zu sein und sich jetzt bis zu Elisabet durchgedrängt hatte, klopfte die alte Frau auf die Schulter und sagte:

"Gute Frau, Ihr wisst gewisslich nicht, mit wem Ihr sprecht, dass Ihr Euch solcher frechen Rede unterfangtdas ist die edle Frau von Scheurl."

Marta schien nicht zu hören, all' ihre Sinne waren wieder in ihren Augen, mit denen sie an dem Turme und an ihrem Sohne hing. Er hatte jetzt die Leiter oben befestigt, unten hielt sie Ulrich; aber es war nur ein schmales Brett, auf dem er standnur einen Schritt fehl, und er stürzte hinab, oder die Leiter entglitt ihm und riss ihn mit, wenn der kräftige Hieronymus auf ihr stand. Jetzt hatte er sie betretendie Volksmenge hielt den Odem anda klang ein Betglöckchen aus dem Clara-Kloster herüber. Einzelne knieeten nieder, unwillkürlich folgte die Menge diesem Beispiel, und mit einem Male lagen Alle auf den Knieen, wortlos für die Baubrüder zu beten, die in solcher Todesgefahr schwebten; Elisabet knieete dicht neben Marta und der Maler hinter Beiden, um seine edle Gönnerin vor der alten Frau zu beschützen, die ihm nicht recht bei Sinnen zu sein schien.

Jetzt hatte Hieronymus die letzte Sprosse betretenentweder musste er nun über Ulrich, der knieend die Leiter hielt, hinwegsteigen, oder dieser sie loslassen und vor ihm her gehen. Wie es schien, unterhandelten die Beiden darüber. Das war der entscheidende Moment: liess Ulrich los, so konnte Hieronymus mit der Leiter herabstürzen; liess jener nicht los, bis dieser über ihn hinweg das schwanke Brett betreten, so konnte Ulrich um so sicherer hinabfallenund ausserdem war noch für beide Fälle eigentlich das Wahrscheinlichere, dass beide fielen.

Ulrich's Beharrlichkeit hatte gesiegtHieronymus war über ihn hinweggeschritten! Jetztein Aufschrei der Mengeein Wegwenden und Verhüllen der bleichen Gesichter, und dann doch wieder Hinaufwenden und Schauenein krachender Tonein jählinger Fallist's Ulrich? – ist's Hieronymus? – – "Gott sei Dank!" "Gelobt sei Jesus Christus!" murmelt und schreit es durch die Mengees ist nur die Leiter, die Ulrich sich selbst aufrichtend losgelassen, die nun erst an den Turm zurückschlägt und von da den Strick zerreissend, mit dem sie befestigt, herunterfällt und unten zersplittertso kann auch der Mensch zerschellen, der hier abgleitet! –

Einige Minuten noch schwebten die Baubrüder in Todesgefahrdann haben sie das noch feste Gebälk erreicht. Ein donnernder Jubelschrei begrüsst die Gerettetenbald darauf stehen sie wohlbehalten unten vor der Kirche und Hieronymus umarmt Ulrich als seinen Retter! Die andern Baubrüder, der Werkmeister und Pallirer mitten inne, begrüssen die beiden Helden des Augenblickes; Mutter Marta will zu dem Sohne eilen, aber ihre Kraft hat nur gerade so weit gereicht, als sie in ängstlicher Spannung des Ausgangs harrte, der den Sohn ihr rauben, zerschmettern konntejetzt dachte sie erst: "wenn es nun doch geschehen wäre?" und vor so grässlicher Vorstellung versagten ihr die alten Füsse den Dienstsie stürzte auf das Strassenpflaster nieder.

Niemand kümmerte sich um die alte Frau; aber jetzt eilte Elisabet ihr nach, hob sie auf, stützte sie an sich und sagte zu dem Maler: "Sag't es dort dem Baubruder, dass seine Mutter hier ist."

Der Maler stand unschlüssig. Dass die edle Elisabet diesem weib beistand, das sie erst frech geschmäht, erschien ihm zugleich unbegreiflich und gefährlich, und als Elisabet ihn drängte, ihr Geheiss zu befolgen, sagte er: "Wahrlich, ich male Euch noch einmal als Heilige der Barmherzigkeit gerade so, wie Ihr jetzt dastehteine echte Christin, die, wenn man sie auf den einen Backen schlägt, den andern noch darreicht."

Frau Marta war nicht etwa ohnmächtig oder bewusstlos geworden, sondern sie hatte nur ebenso an allen Gliedern gezittert, dass sie gefallen war, und auf dem Steinpflaster hatte sie sich nun die Füsse verstaucht und das eine Bein aufgeschlagen, dass sie nicht zu gehen vermochtesie musste sich also den Beistand der Frau Scheurl gefallen lassen, und traute in der Tat kaum ihren eigenen Augen, dass diese ihn ihr leistete. Sie war zu beschämt, um ein Wort des Dankes zu sagen, und Elisabet zu stolz ein Wort zu sprechen, wo sie jetzt mit einer Tat sprachso stand das sonderbar zusammen passende Paar bei