1859_Otto_159_139.txt

fragen? sollte sie von einer Beschuldigung sich rechtfertigen, die ja noch gar nicht ausgesprochen war? Sie konnte nicht zweifeln, dass Charitas, trotz des gelobten Schweigens, da sie Ulrich in Elisabet's Gemach fand, dies doch gegen die Schwester nicht gehalten hatte. Kam die Verläumdung gar von dieser Seite, oder hatte Streitberg sie ausgesprengt, wie sie nach seinen Worten auf dem Maskenfest wohl glauben konnte? – Im Gefühl ihrer strengbewahrten Tugend und ihrer weiblichen Würde hatte Elisabet verächtlich lächeln können, wenn man da und dort sie die Buhlerin des römischen Königs genanntwarum ward sie denn jetzt so aufgeregt von diesem einzigen Worte?

Aber plötzlich war es, als bebe der ganze gotische Bau und wolle über den Frauen zusammenstürzen. Hoch aus den Lüften erscholl ein donnerähnliches Getöse, die erhabenen Säulen und Strebepfeiler schienen zu schwanken, und ein hallendes Echo tönte donnernd von ihren Wölbungen wieder, die hohen Bogenfenster klirrten und das Farbenspiel der buntgemalten Fenster zitterte auf dem Fussboden und an den Wänden. Die Seitenflügel am Altargemälde klapperten aneinander, die Pfeifen der Orgel gaben wundersame Töne von sich, und der kaum vollendete hohe Chor bebte, als sei er schon wieder dem Untergange geweiht; von draussen erschollen rufende und schreiende Stimmen, und Elisabet war es, als habe sie Ulrich rufen hören: "Halte Dich nur, bis ich komme!"

Andere Stimmen aber schrieen durcheinander: "Tut's nicht! Ihr verderbt Euch mit ihm! Ihr wagt zu viel!"

Die Frauen standen auf den Stufen des Portals und öffneten die Kirchenpforte, um hinaus zu flüchten oder zu sehen, was es gäbe, denn innen zeigte sich keine Veränderung.

"Zurück!" tönten ihnen befehlende Stimmen entgegen! "drinnen seid Ihr sicher, hier können Euch die Trümmer erschlagen!"

Elisabet wollte jedoch der Warnung nicht achten; aber der Propst selbst, der eben schon unter dem Portale gestanden, drängte sie zurück, zog sie mit sich in die Kirche und sagte: "Bleibt hier und betet für die Baubrüder, für Ulrich von Strassburg und Hieronymus!"

Die Schwester Pirkheimer sanken am nächsten Altar auf ihre Knie.

"Beten? Herr Propstund nichts als beten?" sagte Elisabet; "gibt es für die Frauen niemals eine helfende Tat? Sag't, was geschehen, ich bleibe sonst keinen Augenblick länger hier!"

"Ihr müsst!" sagte er und hielt sie gewaltsam zurück; "stürzende Balken oder Steine könnten Euch tödten, und bei einer gefährlichen Unternehmung zuzusehen, ist auch nicht für Euch! Ein paar Gesellen arbeiteten an der höchsten Turmspitze, da das Gerüst durch einen herabfallenden Stein auf einen morschen Balken in's Wanken kam; sie retteten sich noch herunter, nur einer ist beschädigt, aber nicht gefährlich; Hieronymus aber stand gerade auf dem Turmgemäuer selbst, als das Gerüst zu stürzen begann, und ist da stehen gebliebenkein Mensch weiss, wie er von da herabkommen soll, weder innen noch aussen."

"Hieronymus ist also in Gefahr?" sagte Elisabet ruhiger; "aber Ulrich?" fügte sie angstvoll hinzu.

"Der war glücklich hinabgesprungen," antwortete der Propst; "er entdeckte zuerst den morschgewordenen Balken und warnte die Andern, aber Hieronymus hatte nicht auf ihn gehört, und jetzt ist Ulrich eine Leiter tragend wieder das Gerüst hinaufgeklettert. Er tat es Allen zuvor, und Jeder widerriet das Wagniss, dessen Gelingen Keiner für möglich hält, gleichwohl war er nicht zurückzuhalten; und es ist wahr, dass bei jedem andern Rettungsversuch für Hieronymus Stunden, viele Stunden vergehen müssten, und er steht nur auf den höchsten noch nicht festgekitteten Steinen des Turmes, der selbst mit zu beben schien. Ehe jene hülfe kommt, kann er verloren sein, kann aber auch nun zugleich mit Ulrich hinabstürzen, anstatt von ihm gerettet zu werden."

Elisabet mochte nicht weiter hören, sie wollte selbst sehen, und riss die Kirchentür auf, ehe es der Propst verhindern konnte. In wenig Augenblicken stand sie selbst dem Gerüste gegenüber, von dem die Baubrüder das Volk zurückdrängten, das indess sich daselbst zusammengefunden, von dem Getöse herbeigelockt, das weitin geschallt war.

Die Steinmetzen waren alle herbeigeeilt, um hülfe zu leisten, unzählige hände waren beschäftigt, das Gerüst zu stützen, und unzählige Augen blickten ängstlich zu dem Turme hinauf, auf dessen oberstem Gemäuer Hieronymus gleich einer Bildsäule stand und keine Möglichkeit sah, herabzukommen. Der Aufblick zu ihm schon machte Viele schwindelnwie mochte dem zu Mute sein, der da oben stand? – Und weiter unten ging Ulrich ebenso einsam über die schwankenden Balken, die mit der vorhin brechenden Stütze ihren sichersten Halt verloren hatten. Eine grosse Leiter vor sich her balancirend ging er die gefährliche Bahn. Am obersten Ende der Leiter hatte er einen Strick befestigt. Jetzt hatte er sich dem Turm genähert, hielt die Leiter hoch empor und rief Hieronymus zu, den Strick zu fassen und ihn an das Gemäuer irgendwie zu befestigen. Hieronymus neigte sich heraber schien in der Luft zu schweben, man meinte schon ihn stürzen zu sehenein jammervoller Schrei klang jetzt unten aus der schauenden Menge, eine alte Frau drängte sich hindurch und rief verzweifelnd:

"Mein Sohn, mein einziger Sohn!" Es war Mutter Marta, die auch das Gekrach und die ahnende sorge des Mutterherzens herbeigelockt.

"Welcher ist Euer Sohn?" fragte Elisabet; "ach, ich kann mir denken, was Ihr empfindet