sich wenig versehen hatten. Indess verweigerten sie auch jetzt zu erscheinen mit der Ausrede: dass doch nur die Nürnberger Krämer den burggräflichen Landrichter bestochen hätten, und dass jene sich nicht rühmen sollten, dass Edelleute, die nur den Kaiser als ihren Herrn anerkannten, über ihr Tun und Schalten ihnen spiessbürgerlich Rechenschaft abgelegt.
So kam es denn wirklich zu einer Belagerung von Weispriach's Burg. Unter denen, die dazu mit ausgezogen waren, befanden sich auch Georg Behaim und Stephan von Tucher. Der Letztere wollte sich dadurch den Ersteren versöhnen, der ihn immer seit dem Schlittenstechen beim Schönbartlaufen scheel angesehen hatte, und noch mehr Frau Elisabet dadurch seinen Dank beweisen, die ihm ganz allein zu dem Besitz Ursula's verholfen, an deren Seite er jetzt ein heiter glückliches Leben führte.
Ursula selbst, vielleicht noch mehr von Glück und Dankbarkeit durchdrungen als er, hatte ihn am wenigsten zurückhalten mögen, und doch war ihr bange, da er von ihr ging, an einer Fehde teil zu nehmen, die ihn gerade in die drohendsten Gefahren bringen konnte, wie eine solche Belagerung; denn auf die Helmbüsche der Ritter pflegten die Belagerten immer am ehesten und schärfsten zu zielen.
In der Angst während seiner Abwesenheit suchte sie am öftersten Trost und Ruhe bei Elisabet.
Schon seit der Reichstag beendet und in Nürnberg wieder Alles in's gewohnte Geleis gekommen war, hatten die Gobelinsstickerinnen für die Lorenzkirche ihr Geschäft wieder begonnen und pflegten wenigstens wöchentlich einige Mal dazu bei Frau Elisabet zusammen zu kommen. Jetzt waren sie so weit gediehen, dass sie, um die einzelnen Teile des Teppichs zusammen zu passen, sich an Ort und Stelle selbst begeben mussten.
Elisabet hatte dieses Vorhaben dem Propste Kress melden lassen, den sie seit ihrer Geburtstagfeier nicht gesehen, was sie um so mehr befremdete, als er sonst ein öfterer Gast in ihrem haus war und sie seine guten Eigenschaften sehr wohl zu schätzen wusste, wenn sie auch seine Spässe manchmal zum Erröten zwangen.
Da erfuhr sie, dass er seit jenem Tage krank gewesen und nicht ausgegangen, aber er liess ihr sagen, dass er um ihretwillen hinüber in die Kirche kommen werde.
Elisabet und die Schwestern Pirkheimer waren die ersten, die sich darin einfanden. Das hochgewölbte Schiff der Kirche war ganz leer und still, nur von drüben aus der Bauhütte und von oben vom Turm herab schallte das Hämmern und Meisseln der fleissigen Steinmetzen.
"Wie schön wäre es," sagte Charitas, "wenn es auch eine Schwesterschaft gäbe, dieser Baubrüderschaft nachgebildet! Wenn auch wir Frauen uns vereinen dürften, in heiligen Gelübden unser ganzes Leben einer frommen und erhabenen Arbeit zu weihen und so einen grossen und schönen Lebenszweck gemeinschaftlich zu verfolgen. So bleibt uns, um diesen Wunsch zu erfüllen, nur das Kloster."
"Freilich müssen wir Frauen uns beinahe mit Gewalt, oder wenigstens doch im steten Kampfe mit der rohen Gewalt – jede Möglichkeit eines edlen Wirkens für unser eigenes Heil wie für das Allgemeine erobern," sagte Elisabet; "aber besser so, als im engen Kloster einschlafen oder mit versteinern."
"Nein! so ist es nicht!" rief Charitas Pirkheimer; auch unter den Klöstern gleicht nicht eines dem andern. So herrscht im hiesigen Clara-Kloster unter den Nonnen ein reger Eifer für Wissenschaft und Kunst, gleichsam ein treugepflegter, kräftig wachsender Baum, der seine Zweige auch über die Klostermauern hinausbreitet, aufwärts strebt in den Himmel und hinaus zu den Menschen, sie mit seinen Schatten zur Ruhe zu leiten und mit seinen Früchten zu erquicken. Dort weilt eine alte Verwandte von uns, die wir erst kürzlich besuchten, an deren tiefer Gelehrsamkeit sich Alle laben und die den regsten Eifer für die Wissenschaften unter den Nonnen weckt und wach erhält. Und was sie für die Wissenschaft, das ist Schwester Ulrike für die Kunst. Eine edle Frau, die gewiss sehr tiefes Weh im Leben erfahren hat, die aber hindurch gedrungen ist zum Frieden der Seele, den die Welt nicht gibt. Ihr Orgelspiel und Gesang sind vollkommen Alles, was zur Kunst gehört, hat sie das vollste Verständniss. Ihr solltet hören, wie begeistert sie von der Baukunst spricht und wie sie die geheime Symbolik derselben zu ihrem Studium gemacht hat; vielleicht knüpft sie auch oft für sich selbst eine eigene Symbolik daran und schmückt sie mit ihrer poetischen Phantasie. Ich glaube, wenn man sie früher das Mechanische der Steinmetzarbeit gelehrt, sie hätte eine zweite Jungfrau Sabina sein können, die den Strassburger Münster mit verherrlicht hat. Ich wollte, Ihr kenntet diese Frau."
Clara fügte die Rede der Schwester ergänzend hinzu: "Mir fiel diese Nonne durch eine wunderbare Aehnlichkeit auf; es war mir, als habe ich dies Gesicht schon gesehen, gleichwohl konnte ich mich lange nicht besinnen, wann und wo, aber da ich den Steinmetzgesellen Ulrich wiedersah, brauchte ich mein Nachdenken nicht mehr anzustrengen: ihm glich sie auf ein Haar."
"Und darum," sagte Elisabet mit feinem Lächeln, und doch selbst dabei errötend, "darum zog Euch die Nonne an?"
Charitas errötete auch und blickte die Augen niederschlagend zur Seite, indess Clara sagte: "In Beiden zieht uns derselbe Ausdruck der Begeisterung für das Heilige an, und Euch, Elisabet, nicht minder als uns; ich wenigstens werde keiner Verläumdung glauben, die es anders von Euch zu behaupten wagt."
"Clara!" rief Elisabet und blickte sie drohend und zornig an. Aber konnte sie nach der Verläumdung