dem Meister war er schon in aller Form entlassen worden und hatte seinen Lohn erhalten, aber er begehrte noch die Meisterin zu sprechen und wartete, bis sie zur gewohnten Stunde über den Hof kommen würde, wo sie ihrem mann das Vesperbrod zu bringen pflegte.
Jetzt erschien sie auch, aber nicht allein, die Frau Vischerin war bei ihr, die eilig herbeigelaufen war, um zu verkünden, dass ihr Ehemann, Peter Vischer, gestern wieder aus Italien heimgekehrt sei, und dass sie ihm eine Ueberraschung bereiten und seine besten Freunde die Meister Adam Kraft und Sebastian Lindenast ihm zum Nachtmahl laden wolle, denn er selbst sei dermassen ermüdet von der weiten, meist zu Fuss zurückgelegten Reise, dass er nicht aus dem haus könne und daheim nur seine Freude an den Buben habe, die indess gar gross und verständig geworden, und dazu noch einer gekommen, den er zuvor noch gar nicht gesehen.
Der Riesen-Jacob musste warten, bis dies Gespräch beendet war; die Zeit war ihm dabei etwas lang und er selbst immer ärgerlicher darin in seinem Vorsatz bestärkt, die Meisterin noch bei seinem Weggange zu ärgern, und sich selbst nicht nur über sie, sondern auch durch sie einen Triumph zu bereiten.
Als sich die Vischerin von Frau Eva Kraft verabschiedet hatte, trat Jacob auf diese zu und sagte: "Nun, Meisterin, ich wollte nicht weggehen, ohne Euch auch zum Abschied gesehen zu haben."
"Nun Gott geleite Euch!" sagte sie kurz und gab ihm die Hand.
"Seht," begann er, "ich habe immer, wenn ich den steinernen Drachen da draussen vor der Tür sah, an Euch denken müssen."
"Unverschämter Mensch!" fiel ihm die Meisterin in's Wort, "mach' Er, dass Er fort kommt!"
"Nun, nun, lasst mich nur erst ausreden," sagte Jacob und hielt sie zurück; "ich habe das nicht zuerst gesagt, der hochwürdige Herr Propst Anton Kress hat das aufgebracht! Ich mein' es mit Euch besser, als der, und will Euch nur noch einen Rat geben, wie Ihr Euer Mütchen an ihm kühlen könnt!"
"Ach, lasst mich in Ruhe!" sagte die Meisterin, und blieb doch stehen, um neugierig zu hören, was eigentlich kommen sollte.
"Ihr wisst," begann dieser, "damals kam ein Benediktinermönch hierher, den Propst abzurufen; ich kannte ihn wohl und meinte, dass es nicht recht richtig mit ihm sein möge – nun, gestern hab' ich denselben Mönch, den Bruder Amadeus in Laienkleidung bei Nachtzeit sich in das Haus des Propstes schleichen sehen – das ist doch ganz wider die Ordnung. Nun will ich im Kloster nachfragen, was das eigentlich ist mit diesem Amadeus; ich kann mir doch gar nicht anders denken, als dass er aus dem Kloster entwischt ist, der Propst und die Baubrüder mit ihm unter einer Decke stecken."
"Auch die Baubrüder?" sagte Frau Kraft besonders gespannt, denn zwischen den profanen Bauleuten und den freien Steinmetzen bestand immer eine stille Feindschaft; die letzteren sahen hochmütig in ihrer Abgeschlossenheit auf jene herab, und die Erstern waren eifersüchtig auf den Nimbus, der die letzteren umgab – sie ergriffen gern jede gelegenheit, denselben vor dem volk zu zerstören und sich ihnen mindestens gleich zu stellen. Ein echter Künstler, wie Meister Kraft, war wohl frei von diesem kleinlichen Neid und liess auch den freien Steinmetzen Gerechtigkeit widerfahren, und sein grösster Triumph war, nur durch die eigenen Leistungen seiner Kunst ihnen beweisen zu können, dass auch ohne Mystik und Abgeschiedenheit von allen weltlichen Freuden Kunstwerke hervorgebracht werden könnten von profanen Händen – aber seine Gesellen und Umgebung, auch seine Frau vermochte er nicht auf diesen höheren und friedfertigen Standpunkt zu erheben; sie kannte keine grössere Freude, als wenn Jemand einem Baubruder Uebels nachsagen oder die ganze Genossenschaft lächerlich oder verdächtig machen konnte, mochte es von dieser oder jener Seite geschehen, mochte man ihnen nachsagen, dass sie Kopfhänger wären, überspannte Phantasten und Schwärmer, die allein meinten den rechten Weg in's Himmelreich zu kennen, alle irdischen Freuden verachteten und mitten in der Welt lebend die Erde doch nur als ein Jammertal betrachteten, das ihnen vergeblich seine Genüsse bot – oder mochte man sie Spötter nennen, die bei ihren geheimen Gebräuchen und Lehren dem Christentum und der Kirche Hohn sprächen, oder heimliche Jünger, die nur öffentlich sich der grössten Sittenstrenge unterwürfen, bei ihren Zechen aber oder auch allein im Verborgenen mehr sündigten als Andere. Darum spitzte Frau Eva jetzt die Ohren, als sie hoffen konnte, etwas Verdächtiges von einem Baubruder zu hören, und der Riesen-Jacob fuhr fort:
"Am Tage, nachdem jener Mönch hier gewesen war, hat der Propst ein paar Baubrüder hinaus in's Kloster geschickt, daselbst ein Sacramentshäuslein auszubessern – nun, das hätten wir auch gekonnt, und wer weiss, haben sich der Propst und der Mönch nicht erst die Modelle dazu bei uns abgeguckt."
"O ganz gewiss haben sie das getan!" rief die Meisterin entrüstet; "wenn ihnen nur mein Mann nicht die herrliche Zeichnung hat sehen lassen, die er selbst zu einem solchen Gehäuse gemacht!"
"Der blonde Hieronymus und der Ulrich von Strassburg sind damals wochenlang draussen im Kloster gewesen," berichtete Jacob weiter, "und Einer von ihnen – ich weiss nicht welcher, denn ich habe sie Beide stets nur miteinander gesehen –