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" begann Amadeus; "endlich kam ich an eine einsam stehende wohnung und musste sie betreten, um zu betteln, weil mir längst die Lebensmittel ausgegangen. Eine mitleidige Frau nahm mich auf und verpflegte mich einige Tage, da ich wunde und geschwollene Füsse hatte, die mich nicht mehr weiter tragen wollten. Die Gegend, in der ich mich befand, war mir unbekannt, und auf mein Befragen erfuhr ich, dass ich nicht weit sei vom schloss des Herrn Weispriach. Ich hatte einen solchen einst zum Waffengefährten gehabt, und tat weitere fragen nach Namen und Verhältnissen. Aber sie stimmten nicht, und der jetzige Schlossherr war nur ein Neffe meines alten Freundes. Aber dabei erfuhr ich, dass ein anderer meiner einstigen Kameraden seit dem letzten Reichstag bei ihm sei, auch dass die Burg und ihre Herren weit und breit gefürchtet wären als fehde- und beutelustig, und sich Niemand an sie wage, noch an die Mauern ihrer Veste. Da beschloss ich dortin zu ziehen!"

"Dortin gingt Ihr?" fragte Ulrich tonlos.

"Zu diesen Raufbolden!" rief Kress.

"Nun, sie haben mich sehr wohl aufgenommen und beherbergt," sagte Amadeus ruhig; "freilich erst erkannten sie mich nicht, bis ich ihnen teilweise mein Geschick erzählt –"

"Unglücklicher! Eidbrüchiger!" rief Kress; "Du sprachst von Ulrich?"

"Nein," antwortete Amadeus; "dies geheimnis konnte nur ihm selbst gegenüber über meine Lippen kommen; nur was mich allein betraf, habe ich Streitberg erzählt."

"Eberhard von Streitberg war Dein Genosse?" fragte Ulrich.

"Nun?" fragte Amadeus, der sich die entsetzte Miene des Steinmetzen nicht zu deuten wusste.

"Und wenn es Euch so wohl ging bei den Raubrittern und Wegelagerern, warum seid Ihr nicht in dem alten Raubnest geblieben?" fragte höhnend der Propst.

"Gestern kam ein Jude in die Burg," erzählte Amadeus, "mit dem die Ritter ein weitläufiges Geschäft zu haben schienen. Mit andern Sachen wollte ich ihm Hut und Mantel verkaufen, die Du mir zu der Flucht gegeben, damit sie mich nicht einmal verrietender Jude aber erklärte: die wären sein, er habe sie im Benediktinerkloster vor einigen Wochen einem Baubruder geliehen, der versprochen, sie wieder zurückzugeben. Er schilderte Dich und nannte Deinen Namen, so wie den Tag meiner Fluchtich zögerte nicht, ihm die Sachen zu geben."

"Der Jude hiess Ezechiel?" fragte Ulrich.

"Ganz recht, so hiess er."

"Nun sind wir ganz in seinen Händen!" rief Ulrich.

"Aber warum kamet Ihr nach Nürnberg?" wiederholte der Propst noch einmal eindringlich.

"Weil es mir nun allerdings möglich schien, dass der Jude mich verraten werde –"

Aber Kress unterbrach Amadeus heftig: "Ach, wohl um die saubern Raubritter nicht in Verlegenheit zu bringen, verliesst Ihr ihr verstecktes Nest und kommt in die St. Lorenz-Propstei."

"Nein, sondern weil ich ganz aus dieser Gegend gehen will, zuvor aber Ulrich sehen, ihn warnen und ihn mit mir nehmenes sei denn: er wisse, dass der Jude, der ihm zu den Sachen und damit zu meiner Flucht behülflich war, eine ganz zuverlässige person sei."

"Das ist kein Jude, und dieser Ezechiel vielleicht am allerwenigsten," entgegnete Ulrich. "Muss ein Schimpf über mich kommen, so komme eraber ich will ihn nicht selbst über mich bringendas geschähe durch meine Flucht. Niemand wird mich verleiten Unwürdiges zu tun! – Aber es ist gut," fügte er ruhiger hinzu, "es ist gut, dass Ihr Weispriach's Burg gemieden; vielleicht wird sie von den Nürnbergern schon morgen belagertund das möchte auch für Euch nicht gut sein."

"Was sagst Du?" fragten Kress und Amadeus zugleich.

"Lasst uns jetzt nur bedenken, wie Ihr unerkannt von hier fort kommt und wohin? Wisst Ihr nicht ein sicheres Versteck, Herr Propst?"

"Wir wollen das morgen überlegen!" sagte dieser. "Sein Rausch war zwar vorüber durch dies geistige Uebergewicht der Ueberraschung und Aufregung, aber jetzt folgte eine schlummerbedürftige Abspannung darauf. "Vor morgen Abend kann er doch nicht fort: ich will ihn in die Bibliotek zur Ruhe geleitenes steht eine Polsterbank drinnen. Lasst es uns beschlafen; gute Gedanken kommen über Nacht, und nicht, wenn man sie so im Augenblick herbeirufen will. Dort könnt Ihr bis zur nächsten Nacht bleibenund Ihr, Ulrich, schlaf't hier drüben; wer weiss, ist die Haushälterin nicht munter, ehe Ihr in die Hütte müsst; sie darf nichts verändert und Euch nicht wo anders finden, als Euch diesen Abend angewiesen worden."

Was Amadeus und Ulrich jetzt noch gegenreden mochten, es half nichtssie mussten ihrem Wirt gehorchen, der Jeden in sein Gemach führte.

Viertes Capitel

Gelübde

Im hof am Steig bei den zwölf Brüdern ging der Riesen-Jacob vor der Werkstatt Meister Adam Kraft's müssig auf und nieder. Wie das Frühjahr gekommen war, sehnte er sich von der städtischen Maurerarbeit wieder hinaus auf die freien Felder des Benediktinerklosters, wo er, wenn auch nicht lohnendere, ja nicht einmal leichtere, aber ihm doch besser zusagende Arbeit fand, als in der Werkstatt des wunderlichen Künstlers, der ihn eigentlich zum Gespött seiner Gesellen machte.

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