eines notwendigen Stockes – da hab' ich ihn denn gleich mitgenommen, und er mag die Nacht hier bleiben, da ihm indess sein Haus verriegelt worden und ein Baubruder keinen nächtlichen Lärm macht. Geht wieder hinauf und zur Ruhe, er mag in meiner Nähe in der Todtenkammer schlafen."
Die schläfrige Dienerin gehorchte gern und war bald die Treppe hinauf und verschwunden, indess Kress und Ulrich in das Wohnzimmer traten.
Als sie allein waren, sank der Propst erschöpft auf seinen Lehnsessel, brach in Tränen aus und jammerte: "Was soll nun werden? O ich habe es mir doch gedacht, dass er wiederkommen wird, zu mir – gerade zu mir! Ich sollte sein Todfeind sein, und er jammert mich doch! Von rechtswegen müsst' ich ihn festalten und an das Kloster ausliefern. Er ist aus dessen Mauern geflohen – zum tod schon verurteilt, hat er noch ein todeswürdiges Verbrechen begangen! Er hat sich auch an mir versündigt und an Dir, er hat mir sein feierlich gegebenes Wort nicht gehalten. Hier an dieser Stelle war es, wo er schwor, Dir nichts zu verraten – nun hat er Dich unglücklich gemacht und wird uns Alle in's Verderben stürzen! –"
"Um's himmels Willen!" rief Ulrich, "Ihr seid jetzt nicht in der Stimmung, kalt und ruhig zu überlegen, was zu tun ist! Schlaf't in Ruhe und lasst mich zu ihm, damit ich von ihm höre, wie's ihm indess ergangen und was ihn hierher getrieben!"
"Schlafen? den Rausch ausschlafen, meinst Du wohl?" sagte der Propst empfindlich; "ich bin schon schrecklich genug erweckt und munter geworden durch diese Begegnung, und Du – wo kamst Du denn her – Du tratest hinter mir aus Scheurl's Haus –"
"O jetzt nicht von mir!" rief Ulrich; "sein Schicksal lasst uns bedenken! Wie lange ist er sicher in dem ihm angewiesenen Versteck?"
"Er kann dort nicht bleiben!" sagte der Propst. "Sobald meine Haushälterin wirklich zur Ruhe, wollen wir ihn hinaufführen in die Bibliotek; zu ihr trage ich den Schlüssel immer bei mir, damit nichts darin verrückt oder verräumt werde, das fällt nicht auf, aber an den andern Gemächern pflegen die Schlüssel zu stecken. Bis zur nächsten Nacht kann er dort bleiben – warum ist er nur überhaupt hierher gekommen?"
"kommt mit hinüber, oder lasst mich gehen!" drängte Ulrich; "darnach wollen wir ihn selbst fragen!"
Das der Hausflur zunächst liegende Gemach, in welchem jetzt der flüchtige Amadeus von Wildenfels verborgen war, hatte zunächst die Bestimmung, darin Leute untergeordneten Ranges warten zu lassen, welche den Propst zu sprechen begehrten und nicht gleich vorgelassen werden konnten, entweder weil er nicht zu haus war, oder schon andere bei sich sah, oder auch sein Mittagsschläfchen hielt, worin ihn Niemand unterbrechen durfte. Dies Gemach hatte nur ein tiefes Fenster mit einem auf die Strasse vorspringenden, kunstreich gearbeiteten Eisengitter. Die Wände waren kahl und weiss, rundum liefen hölzerne Bänke an ihnen hin, ein schwerer Eichentisch stand in der Mitte, ausserdem war alles leer, nur ein grosses, ziemlich gut in Holz geschnitztes Krucifix hing dem Fenster gegenüber.
Ulrich und Kress traten schweigend ein.
Amadeus sass auf der Bank dem Tische zunächst, und hatte sein Haupt auf diesen gelegt. So schien er zu schlafen. Sein Gesicht war bleich, Haar und Bart verwildert, aber die geschorene Platte noch sichtbar. Sonst erinnerte nichts mehr an ihm an den Mönch. Er trug grosse Reiterstiefeln mit Sporen, lederne Beinkleider und darüber ein Oberkleid von grüner Wolle, um den Leib einen Gürtel, an dem ein Schwert hing. Neben ihm lag ein schwarzer Hut mit grosser Blende und ein schwarzer Tuchmantel.
Ulrich betrachtete ihn mitleidig und sagte: "Wer weiss, welchen weiten Weg er gemacht, wie lange er sich ohne sicheres Obdach herumgetrieben – nun liegt er ermattet hier und schläft."
Amadeus atmete tief auf und richtete sein Haupt empor. "Ulrich!" rief er, "Du bist auch hier – und rettest mich auf's Neue?"
Ulrich reichte ihm die Hand. "Wie ist Euch?" sagte er, "und von wannen kommt Ihr? Ich habe dem Herrn Propst Alles gebeichtet, und er hat kein geheimnis mehr von mir!"
"Bist Du mein Sohn? und hast Du mir vergeben?" fragte Amadeus.
"Ich bin es, und habe Euch vergeben, wie ich hoffe, dass Gott mir vergeben werde!" versetzte Ulrich.
Der Propst sagte ernst: "Amadeus, unter welcher Bedingung erfüllte ich Eure Bitte? Ihr hab't nicht Wort gehalten – Ihr hab't mit dem Verrat Eures unseligen Geheimnisses den stolzen Mut dieses freien Maurers vernichtet, die fromme Freudigkeit, mit der er an den Tempeldienst der Kunst sich hingab, ihm geschmälert – sehet zu, dass Ihr ihn nicht noch mehr in's Verderben bringt! Ihr könnt nicht über ihn wachen, wachet wenigstens über Euch und Eure Zunge!"
"Eine harte Anklage!" sagte Amadeus; "aber ich habe mich selber schon härter angeklagt, und oft gewünscht, ich wäre in den Klostermauern umgekommen!"
"Lasst das jetzt!" unterbrach ihn Ulrich, "und erzählt lieber, wie Ihr entkamt."
"Ich irrte im wald Tage und Nächte lang umher,