begehren können – und dann erschien es ihm wieder unglaublich, dass sie ihn, wenn sie damals ohne Antwort von ihm geblieben, heute freundlich würde empfangen haben. Jetzt war der einzige Augenblick, wo er darüber, über sie selbst und den Juden zu einer Gewissheit kommen konnte – er musste sie haben.
"Ezechiel," sagte er, "wollte mich selbst zu Euch führen – ihr zürnt mich nicht, dass ich seine Vermittlung zurückgewiesen?"
"Was sagt Ihr?" rief sie, wessen hat der Jude sich unterfangen?"
"Ihr wusstet nichts davon?" fuhr er fort; darum hatte ich doppelt Recht, ihn zum Vertrauten zu verschmähen."
Elisabet stand starr und forderte: "Jetzt müsst Ihr mir Alles sagen!"
"Ihr hab't Recht!" sagte Ulrich; "die Wahrheit über Alles – nur sie allein ist grosser Seelen würdig und kann ihnen zum Sieg verhelfen wider alle Feinde, wider alle Fallstricke, die sie uns legen wollen, oder in die wir selbst uns verwickeln" – und er erzählte, dass der Jude noch einmal zu ihm gekommen und zum Beweis, dass es in ihrem Auftrag sei, jenes Titelblatt mit ihrer Unterschrift gebracht habe.
"Ich vermisste das erst gestern!" rief sie von Scham und Zorn gleich leidenschaftlich erregt. "Der schändliche Jude soll seine Frechheit büssen – ich werde wohl noch so viel Macht haben, einen Juden bestrafen zu lassen; der Rat von Nürnberg sucht längst um die erlaubnis nach, dies Gesindel aus der Stadt verjagen zu dürfen; es sei meine erste Bitte an den König Max, er wird und darf sie mir nicht abschlagen."
Ulrich hatte wohl einen Zornausbruch Elisabet's erwartet, um so mehr, als er von ihrer Unschuld überzeugt war; aber er hatte nicht gedacht, dass er zuerst in Rachegedanken sich äussern würde – das hatte er nicht berechnet! Er war hierher gekommen, weil er der Jüdin versprochen hatte, durch diesen Schritt ihr Volk vor der blinden Wut des Pöbels zu schützen, und er überlieferte es der um so sicherer treffenden kalten Rache der Patrizier. Und er selbst war in dieses Ezechiel's Händen – aber Elisabet war es auch. Er musste sie daran erinnern. "Ich vermute nach Allem," sagte er, "dass dieser Ezechiel und der Ritter von Streitberg Genossen sind, und dass es wohl geratener wäre für den Rat von Nürnberg, sich jener frechen Strassenräuber zu bemächtigen, als wie das ohnedies ohnmächtige Judengesindel zu verjagen."
"Auch das wird geschehen;" sagte Elisabet das Haupt stolz zurückwerfend; ich habe lange still geduldet und gelitten und gehofft, ich würde dadurch die Geduld jenes Räubers erschöpfen und seine Anschläge vereiteln; ich habe im stillen christlichen Dulden ausgeharrt und einer höhern Hand die Rache überlassen – mich nicht an die Seite der Chriemhilden und Brunhilden stellen wollen, welche der Dichter der Nibelungen verherrlicht hat: aber immer auf's Neue gereizt, fühle ich, dass etwas von ihnen in jedem weib lebt, und dass der Himmel dem weib nicht nur die Bestimmung gab, zitternd zu dulden, sondern ihm auch das Amt der Rächerin vertraute!"
War das dieselbe Elisabet, die vorhin, ein schönes, sanftes, vom Gefühl überwältigtes Weib sich über ihn geneigt und mit heissen Tränen seine Stirn benetzt hatte – sie, die er hingerissen den weinenden Genius der Liebe genannt? Jetzt stand sie stolz aufgerichtet vor ihm, in der Tat eine zürnende Chriemhilde, die den Racheeid schwört und sich Streiter wirbt, ihn zu vollführen; aus ihren Augen zuckten dunkle Blitze, die aufgezogenen Augenbrauen darüber erhöhten ihren drohenden Ausdruck, die eine Hand auf das Herz gelegt, die andere emporgehoben, glich sie einer beleidigten Göttin, die entschlossen ist, die Entweiher ihres Altars zu strafen und zu opfern. –
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür: Ursula und Charitas Pirkheimer traten ein, denen nun doch Elisabet's Entfernung zu lange währte, die sie überall gesucht, vermutend, dass ihr unwohl geworden, und es da wohl besser sei das lärmende fest zu beenden – und die sie nun hier fanden – allein mit einem mann, der kein Gast war und in dem sie den Baubruder erkannten.
Charitas erbleichte, wie sie ihn gewahrte, und Ursula warf auf Elisabet mitleidig erschrockene Blicke.
Diese holte nun einmal tief Atem, dann deutete sie auf den ihr wieder entflohenen Vogel und sagte mit ihrer gewohnten ruhigen Geistesgegenwart: "Diesen brachte mir eben der freie Steinmetz und damit die wichtigste Kunde für meinen Bruder Martin; da Ihr aber wisst, dass die Baubrüder allen Umgang und Dank von uns Profanen verschmähen, so hab' ich auch an diesem vergeblich meine Beredtsamkeit erschöpft, mich zur Gesellschaft oder doch zu meinem Bruder zu begleiten, und kann ihm für den grössten geleisteten Dienst keinen andern Dank gewähren, als den, ihn wieder still zu entlassen, wie er gekommen, und auch Euch zu bitten, seiner nicht zu erwähnen, damit ich ihm nicht vergeblich versprochen habe, dass er in dieser Angelegenheit mit allen weiteren fragen, gerichtlichen und aussergerichtlichen Verhandlungen verschont werden soll. Geb't ihm dasselbe Versprechen des Schweigens, und ich gehe mit Euch in den Festsaal zurück."
Charitas sagte sanft: "O ich beneide Jeden, dem es vergönnt ist, von der profanen Welt sich zurückzuziehen, und werde Euch gewiss dies glückliche Vorrecht nicht verkümmern."
Ursula, heiter strahlend von der ganzen Wonne eines jungen Eheglücks