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wunderreichen Inseln, hat sich nur zufällig zu mir verflogen, und ich konnte nur ihn bringener aber bringt die Kunde, wo die andern Schätze sind."

Erst jetzt begriff sie, dass Ulrich eben einen neuen Dienst ihr geleistet, einen grösseren noch ihrem Bruder, obwohl sie seine Rede sonst noch nicht verstehen konnte, da sie den Zettel nicht gelesen. "Wie? Ihr häufet neue Dankesschuld auf mich?" rief sie, "und noch ist die alte nicht abgetragen! Ihr dürft sagen, dass ich das noch nicht versucht, nicht einmal mit einem Wort; aber da Ihr mit dem tod ranget, rang ich auch damit, und dann hab' ich Euch nur in Gegenwart Anderer gesehen. Dienste, wie Ihr sie mir geleistet, die bezahlt man nicht; ich konnte deren Wert nicht durch Anerbietungen verringern, wie mein Gemahl sie Euch getan; mehr als dafür, dass Ihr Euer Leben für mich wagtet, muss ich Euch dafür danken, dass Ihr mein geheimnis wahrtet, mich nicht zum Gegenstand einer abenteuerlichen geschichte machtet. Was Ihr von mir erfahren, wollte ich selbst vergessen, wollte ich, dass Ihr es vergässet und mich selbst dazu: und nun kommt mir immer wieder die neue Pein, dass Ihr mich trotzdem nicht vergessen habt, dass ich Euch keine Fremde gebliebenund dass Ihr mich dochverachtetverachten müsst."

Die Glut höherer Erregung war in ihr Antlitz getreten, als sie so sprach; aber jetzt erbleichte sie plötzlich, weil sie so gesprochen hatte. Sie lehnte sich an das Marmorbecken, um nicht umzusinken, alle ihre Pulse waren in fieberhafter Unruhe und die blauen Adern schimmerten dunkler durch das zarte Weiss der Haut.

Ulrich beugte ein Knie vor ihr und sagte: "Ich knieete bisher nur in Kirchen und vor Altärennoch niemals vor einem Menschen! Wenn Ihr nicht diesem Zeichen meines Glaubens an das edelste und tugendhafteste Weib vertrautso habe ich kein anderes."

Sie fasste seine Hand, neigte sich über ihn, und ein Strom von Tränen stürzte aus ihren glänzenden Augen, die seit Jahren Niemand weinen gesehen. "Ihr seid ein geweihter Hohenpriester der Kunst," sagte sie, "schaffet, was der Geist Euch eingiebt, und wenn Ihr es nicht verschmähet, so möchte' ich in Euere hände den Auftrag legen, das Grabmal meines Vaters Martin Behaim mit einem Kunstwerk zu zieren, wie Euer Genius es in sich trägt."

"Dann," sagte er, "werdet Ihr im Stein verewigt daran stehen als der weinende Genius der Liebe."

Aber da er dieses Wort gesprochen und mit seinen glühenden Lippen zum ersten Male die weiche Sammetand eines Weibes berührt hatte, zum ersten Male seine lebenswarme Nähe gefühlt, den Hauch seines Mundes und die warme Träne seines Auges auf seiner Stirnda sprang er auf und sagte so gefasst als möglich: "Vergebt meinem Eindringen, und wenn Ihr mir mit etwas danken wollt, so sei es damit, dass Ihr verschweiget, wer Euch den Vogel gebracht, sobald ich mich so unbeachtet entfernen kann, wie ich kam," und um seine Bewegung zu bemeistern und zu verbergen, fing er den Vogel, der sich lustig auf den Zweigen einer kleinen Ceder wiegte.

Elisabet nahm ihn selbst auf ihren Arm und küsste sein schimmerndes Gefieder. Das schien ihm zu gefallen, er blieb ruhig sitzen, krauste seine Kopffedern auf und zupfte mit dem rundgebogenen Schnabel an den Falten ihres Leibchens. Sie wollte sich selbst zur Sammlung und Ruhe verhelfen und las den Zettel, den er an seinem Halse trug, worauf Ulrich in kurzen, aber deutlichen Worten niedergeschrieben, was ihm Rachel vertraut hatte.

Gefasster, als vorhin, sagte sie jetzt: "Vielleicht kann mein Bruder Martin Euch besser danken, als ich vermag. Ihr seid ja wohl bewandert in der Geometrie und Matematik, deren ewigen Gesetzen er seine grossen Entdeckungen verdankt."

"Ihr vergesst," fiel ihr Ulrich in's Wort, "dass ich gern ungenannt bleiben möchte."

Sie entgegnete nichts auf diese Einrede, und da er noch einmal sich verbeugend Miene machte sich zu entfernen, sagte sie die Augen niederschlagend: "Nur noch eine einzige Frage: wie kam't Ihr zu dem Ringe, der meine Namensbuchstaben trug?"

"So hat ihn Euch doch der Jude Ezechiel gebracht, der ihn von mir forderte," antwortete Ulrich, "da ich ihn nur gefunden, wo er ihn verloren."

Elisabet versank in Nachdenken und fragte dann: "Ihr waret nicht wieder mit jenem Ritter zusammen? – Wenn nicht ersandtet Ihr den Juden zu mir?"

"Nie würde ich mich dessen unterfangen haben!" beteuerte Ulrich; "ich mag keine Gemeinschaft mit diesem Menschen, der wahrscheinlich auch nur an Euch sich drängte, um niedern Eigennutzes und irgend eines unsaubern Planes Willen. Nur nicht einen Solchen zum Vertrauten."

"Er hat sich nicht wieder zu mir gewagt," sagte Elisabet.

Er sah sie forschend an. Hatte sie ihm den Juden gesandt oder nicht? Er hatte es erst nicht geglaubt, weil er sie zu stolz dafür hielt, weil sie ihn selbst bisher nur wie einen Fremden behandeltund jetzt war dieser Stolz ja plötzlich gewichen, jetzt redete sie zu ihm wie zu einem vertrauten Freund; jetzt verriet sie, dass sie wohl von ihm einen Aufschluss über den Ring hätte erwarten mögen und darum wohl eine Unterredung mit ihm