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verhüten."

"Es ist gut," sagte er milder; "ich tue Deinen Willenso bleibe auch das unser geheimnis."

Er schrieb den Zettel so, wie sie gesagt hatte. Sie war damit zufrieden und schlich sich leise fort, wie sie gekommen.

Drittes Capitel

Begegnungen

Noch an demselben Abend, wo Ulrich den indianischen Raben erhalten hatte, machte er sich mit diesem auf den Weg und ging zu Behaim's Haus, um hier denselben abzugeben. Aber er fand die Haustür verschlossen und kein einziges Fenster des Hauses erleuchtet. Erst nachdem er lange geschellt, schaute ein Kopf aus einem Fenster im obern Stockwerk heraus und rief hinab:

"Es ist gar Niemand zu haus."

"Ich habe eine wichtige Meldung zu machen für Herrn Martin Behaim," rief Ulrich hinauf.

"Der wohnt gar nicht hier, sondern bei dem Herrn von Scheurl," antwortete die stimme, "da müsst Ihr dortin gehen; Alle sind da, denn man feiert den Geburtstag der Hausfrau. Hab't Ihr aber nichts Gutes, zu melden, so werdet Ihr nicht sehr willkommen sein." – Damit war das Fenster wieder zugeworfen.

Es blieb Ulrich nichts übrig, als dahin zu gehen. Der Weg war ziemlich weit, und es schlug eben zehn Uhr, als er "unter der Veste" ankam.

In Scheurl's haus standen alle Türen offen. Aus den Fenstern fiel helles Licht auf die Strasse. Muntere Weisen von Spielleuten klangen daraus hervor.

Im Hausflur und auf der Treppe traf Ulrich Niemanden; in den hell erleuchteten Corridor, aus dem offen stehende Flügeltüren in den Gesellschaftssaal führten, woraus das Gewirr lauter Stimmen, neben der Melodie auch das Geklirr von Speise- und Trinkgefässen klang, mochte er sich nicht sogleich wagen. Es kam ihm plötzlich der Gedanke ein, da ihn bisher noch Niemand gesehen, den Vogel vielleicht unbemerkt in ein Nebenkabinet setzen und sich selbst wieder fortschleichen zu können, damit seine Einmischung in diese Angelegenheit ganz unbemerkt bleibe. Er öffnete darum eine der nächsten Seitentüren und stand in einem kleinen Zimmer, über das eine von der Decke herabhängende Ampel ein zauberhaftes Rosenlicht goss. Darunter stand ein weisses Marmorbecken mit einem zierlichen Blätterkranz umgeben, aus dem Strahlen wohlriechenden Wassers emporsprangen. Eine seitwärts befindliche Nische umgaben Draperien von gelber Seide und purpurnem Sammet mit goldenen Fransen, Quasten und Schnüren, welche diese Vorhänge von einem gleichfarbigen Sammetpolster an der einen Seite zurückhielten. An dem einzigen hohen Bogenfenster zwischen den dicken Mauern standen hohe grünende und blühende Topfgewächse, eine Art Laube bildend. Hier dachte Ulrich den Vogel vielleicht passend anbringen zu können. Leise auftretend näherte er sich diesem künstlichen Garten, nahm den Vogel aus dem Sack, in dem er ihn bisher getragen hatte, und wollte ihn auf die Zweige setzen; aber Ulrich hatte das Kettchen losgelassen, das an dem Hals des Raben befestigt war, und dieser flog, ein eigentümliches Geschrei ausstossend, auf das Marmorbecken.

Da antwortete der erschrockene Ruf einer weiblichen stimme aus der NischeElisabet war auf dem Polster emporgefahren, auf dem sie eine Weile Ruhe gesucht hatte vor dem Lärm des rauschenden Festmahls, indess ihre Gäste denken mochten, irgend eine Pflicht der wirtlichen Hausfrau habe sie abgerufen. Dort hätte sie Ulrich um so weniger bemerken können, als ihr rotes Schleppenkleid sich in die Farbe des Sammetpolsters verloren hatte und ihr Oberkörper von den Vorhängen verborgen gewesen war. Jetzt hatte sie sich aufgerichtet, hielt mit dem weissen Arm den einen Vorhang zurück und strich mit dem andern die goldnen Locken aus der edlen Stirn, als wolle sie sich besinnen, ob sie träume oder wache. Regungslos sass sie da, starrte bald auf den Vogel und bald auf Ulrich, leuchtender ward der Ausdruck ihrer Augen; es war, als wage sie dieselben nicht zu wenden, sich nicht zu rühren, ja kaum zu atmen, dass sie sich nicht selbst ein wunderbares Traumbild zerstöre.

Und so war es auch Ulrich. Zum ersten Male fühlte er die Macht der Schönheit des Weibeseines solchen, das zugleich den Stempel geistigen Adels auf der reinen Stirne trug, noch mehr, die Siegeszeichen geistiger Kämpfe um den feinen Mund; er dachte jetzt weder an eine Warnung, noch an all' diese Zufälligkeiten oder Berechnungen Anderer, die sie und ihn zusammengeführter dachte wieder nur an den Augenblick, wo sie über ihn gebeugt seine Wunde untersucht hatte, die er für sie empfangen; aber er fasste sich und griff nach dem Vogel, der auf dem Wasserbecken still sass, um zu saufen, und sagte:

"Verzeiht, edle Frau, wenn ich hier eingedrungen. Ich meinte ungesehen kommen und mich wieder entfernen zu könnennur der Vogel sollte hier bleiben. Ihr solltet nicht wissen, dass ich ihn gebracht; er sollte nur noch zur Feier Eures Geburtsfestes kommen und das Uebrige selbst Euch verkünden." Er näherte sich ihr nicht, sondern schritt der tür zu.

Sie sprang auf und rief: "Ulrich von Strassburg, diesmal dürft Ihr so nicht von mir gehen!"

Er stand still und sah sie fragend an.

Sie fasste sich und sagte mit edler Würde: "Ihr seid der einzige Mensch, dem ich Dank schuldig bin, der einzige, der ein Recht hat, mich als undankbar zu verachtendas ertrag' ich nicht!"

"Ich verdiene keinen Dank," antwortete er; "der Vogel, den Euer Herr Bruder Euch mitgebracht hat von den fernen,