1859_Otto_159_129.txt

Euer Zimmer!" bat sie, "und macht Licht, ich hab' Euch etwas zu zeigen!"

Ulrich öffnete das Zimmer und schob sie mit hinein; während er Feuer anschlug, sagte er: "Rede und fasse Dich kurz, denn lange dulde ich Dich hier nicht!"

Es war noch finster und er sah nicht wie sie erglühte und zitterte. "Ach, Ihr wisst es gewiss selbst!" begann sie; "unser Volk soll wieder die Schuld tragen von der Ungebühr, die einem christlichen Bürger geschehen, indess die Uebeltäter doch Christen waren! Ein wütender Haufe zog durch unsere Gassen und verkündete, dass man uns die Häuser über den Köpfen anzünden werde, wenn wir nicht herausgeben, was dem Martin Behaim geraubt istwenn nicht bis morgen Alles zur Stelleso lange lasse man uns Zeit –"

"Aber was kann ich dabei tun?" unterbrach sie Ulrich, der jetzt einen Kienspan in Brand gesetzt hatte, wieder ungeduldig.

Sie hatte einen alten grauen Sack neben sich gelegt, in welchem sich etwas unruhig raschelnd zu bewegen schien; jetzt hob sie ihn auf, streifte ihn zurück, und hervor kam ein wunderschöner Vogel mit purpurrotem Gefieder, das wie Atlas glänzte, und blau und grün, hell und dunkel schattirten Flügeln und langem Schwanz. "sehe't," sagte sie, "da ist das Schönste von Behaim's Schätzen; dies Tierchen hab ich heimlich gerettet, wie sie es mit den andern würgen wollten, und bring' es Euch."

Ulrich betrachtete den Vogel, dergleichen er noch nie gesehen, mit unwillkürlicher Bewunderung, und dann rief er drängend: "Aber wo hast Du den Vogel her? Also weisst Du doch um das geraubte Gut und Deine Glaubensgenossen sind schuld an dem Frevel?"

"Nein und tausendmal nein!" rief sie; "aber weil sie unschuldig sind, müsst Ihr die Schuldigen verkünden. Aber mich hört ja Niemand, mir glaubt ja Niemandoder vielmehr, die Männer würden mich steinigen, wenn sie wüssten, dass ich verriete, was verschwiegen bleiben soll. Da nehm't den Vogeldem sichtbaren Zeichen wird man glauben, wenn nicht Euch; geht damit zum Rat oder zu dem Behaim, oder Scheurl, oder zu wem Ihr wollt, und sagt, dass der Vogel Euch zugeflogen und es Euch gesagt habe: Die Ritter Weispriach und Streitberg sind die Räuber und haben das Gut zum teil auf ihrer Vesteein anderer teil davon aber ist in grossen eisernen Kästen im wald in einer Grube verscharrt. Führt nur die Leute hin rechts von der Heerstrasse; es stehen zwei hohe Tannen da, die sich einander zuneigen, dahinter liegen runde bemooste Steine, gleich Wellen übereinander geschichtet. Ihr könnt nicht fehlen, Ihr müsst die Stelle finden."

"Aber Kind," sagte Ulrich staunend, "auch wenn ich Dir glauben willich kann doch nicht selbst die Stelle angeben und aufsuchen, ohne den zu nennen der sie mir gezeigt."

"Nein! nein! rief sie, "das werdet Ihr nicht tun! – Nennt den Vogel da, Ihr könnt sicher sein, den Beweis zu liefern, dass er die Wahrheit geredet."

"Ich lüge niemals!" fiel ihr Ulrich in's Wort; "ich werde vor Gericht nicht lügen und alberne Mährchen werden nie über meine Lippen kommen."

"Hab't Ihr nicht auch Geheimnisse," sagte sie plötzlich, ihn fest ansehend, "von deren Verrat vielleicht das Glück oder das Leben einer person abhängt, die Euch teuer ist? Ist da nicht auch selber Schweigen Pflichtfordert Ihr es nicht von Andern?"

Er sah unwillkürlich beschämt zu Boden. Das war der Fluch, der über ihn gekommen, seitdem er die Eltern verloren, und noch mehr, seitdem er den Vater gefunden: er durfte nicht mehr in allen Fällen wahr und offen sein. – "Warum wählst Du immer mich zu Deinem Werkzeug in Dingen, die mich gar nicht berühren?" sagte er.

Sie sah ihn verwundert mit ihren dunklen Augen an, als begriffe sie diese Frage gar nicht. "Weil ich Euch allein traue von allen Christen!" sagte sie einfach, und nach einer Pause fügte sie hinzu: "Ihr wisst, ich kann nicht schreiben. Könnte ich's, so hätte ich, was ich da vorhin Euch gesagt, auf einen Zettel geschrieben und den Vogel um den Hals gehangen, dann hätt ich ihn im Sack vor Eure Tür gelegt, ohne Euch selbst zu erwartenund Ihr redet keine Unwahrheit, wenn Ihr sagt, dass Ihr so die Kunde von dem Vogel erhalten. Hab't Barmherzigkeit und tut alsowenn solch' ein kleines geheimnis meinem ganzen volk Leben und Eigentum retten kann, das es unschuldig verliere –"

"Unschuldig?" unterbrach sie Ulrich; "wie kommst denn dann Du dazu, von dem Verbrechen und den Verbrechern genaue Kenntniss zu haben?"

"Frag't mich nicht weiter!" rief Rachel sich gross aufrichtend. "Dass ich die Not abwenden will von meinem volk, unter dem nur Einer weiss, was ich weissdas sollte Euch meinem Flehen geneigt machen und Euch genug sein, mich nicht mit Misstrauen zu quälennicht mich zwingen zu wollen, noch durch ein weiteres geständnis ein Verbrechen zu begehen, wo ich immer nur sinne, eines um das andere zu