Blatt zurückgeben sollte oder behalten. – "Darauf sollet Ihr schreiben die Antwort, wenn Ihr sie nicht wollt geben mündlich," sagte der Jude. "Das Blatt muss ich wieder bringen."
"So bring es ihr, wie es ist," sagte Ulrich nach einigem Besinnen: "das ist auch eine Antwort."
Vergeblich war alles weitere Reden des Israeliten. Ulrich musste mit aller Gewalt an sich arbeiten, dass er ihn noch glimpflich statt schimpflich behandelte.
Endlich musste er doch unverrichteter Sache gehen. Das Titelblatt des Buches nahm er wieder mit.
Ulrich glaubte nicht, dass Elisabet den Juden zu ihm gesendet – und doch konnte er auch wieder nicht begreifen, zu welchem Ende derselbe irgend ein freches Spiel mit ihm treiben sollte; er hatte ihm ja nur Gutes erwiesen, und Ezechiel selbst hatte sich in Lobreden und Dankesworten für ihn erschöpft. Aber um ein Geschäft zu machen, meinte Ulrich, sei solch' einer Judenseele Alles möglich. War er nicht mit Streitberg in Verbindung, da er dessen Ring besass? – oder wieder, da er ihn an Elisabet ausgeliefert, hatte er nicht diesem damit einen schlechten Dienst erwiesen, oder auch hiermit "ein gutes Geschäft gemacht"? Und war es nicht einst Rachel gewesen, die Streitberg's Anschläge wider Elisabet gekannt und ihm, Ulrich, zu ihrem Schutze zum teil verraten hatte? Woher wusste sie das, wenn nicht ihre Umgebung wenigstens mit Streitberg in Verbindung war? Hatte nicht dieser gegen Kress ihm und Elisabet versucht durch bösen Leumund zu schaden – hatte er nicht auch hier die Hand im Spiele? Ulrich kam mit all' diesen fragen zu keinem klaren Resultat – und doch fühlte er, dass ihn und Elisabet eine dunkle Macht bedrohe, und dass jetzt mehr als je etwas geschehen müsse sie zu schützen und selbst auf seiner Hut zu sein – aber es vergingen wieder Wochen, und es war Alles geblieben, wie es war.
Da scholl die Kunde durch Nürnberg, dass der berühmte Reisende Martin Behaim zurückgekommen sei, und dass ihm wenige Meilen von der Reichsstadt entfernt und noch auf deren Gebiet der Wagen, der sein Reisegut geführt, überfallen und ausgeraubt worden von frechen Raubrittern und Strassenräubern. Den Seinigen und seiner Vaterstadt und deren Gemeinwesen habe er die herrlichsten Dinge mitgebracht, die nun in die hände der Verbrecher gefallen, die nur den allerunwürdigsten Gebrauch davon machen oder sie gar vernichten würden. Und wie die Fama die Erzählung weiter trug von Ohr zu Ohr und von Mund zu Mund, so wurden die mitgebrachten kleinen Affen zu fürchterlichen Waldmenschen mit Schwänzen und die indianischen Raben zu fabelhaften Vögeln, die mit menschlichen Zungen redeten und goldene Eier legten, und die wundersamsten Schilderungen liefen um von Martin Behaim's indischen Schätzen.
Nicht nur der Rat bot all' seinen Scharfsinn und all' seine Macht auf, die Täter zu entdecken, sondern jeder einzelne Nürnberger schien es sich zur Ehrensache zu machen, so viel an ihm war auch mit zu forschen und zu spähen, ob nicht irgendwo etwas zu sehen und zu erhalten sei von dem absonderlichen Eigentum ihres berühmten Landsmannes.
Und diesmal – um ihres Bruders und um ihrer Vaterstadt Willen – schwieg auch Elisabet nicht. Nach der Beschreibung des Boten nannte sie zwar nicht Streitberg, aber den Ritter von Weispriach und einen gefährten als die mutmasslichen Täter.
Indess das Wort gilt immer noch: die Nürnberger hängen Keinen, den sie nicht haben. Und wie konnte man der Ritter habhaft werden? Die sassen sicher auf Weispriach's alter Burg – und wer konnte sicher beweisen, dass dieser mit dabei gewesen? Wie konnte man ihn zur Rechenschaft ziehen? oder wie konnte man allein auf diesen Verdacht hin etwa mit reichsstädtischer Mannschaft ihm vor die Burg rücken und entweder Einlass begehren, nach den geraubten Schätzen zu suchen, oder jene zu belagern? Dann hätte Nürnberg zuerst den Landfrieden gebrochen, das so streng auf dessen Wahrung hielt, und nicht jener Ritter, der vielleicht ja doch unschuldig war, vielleicht auch das verräterische Gut längst in einer sichern Räuberhöhle geborgen. So blieb es immer nur bei öffentlichen Erlassen und Preisaussetzen für Diejenigen, die irgend etwas von dem Gute gewahren, oder eine Auskunft darüber geben würden.
Wie aber immer, bald mit Recht, bald mit Unrecht, Alles, was Schlechtes oder Unerklärtes geschah, auf die Juden geschoben ward, so geschah es diesmal wieder, nachdem einige Tage unter andern vergeblichen Bemühungen hingegangen waren. Das Volk grollte den Juden, hiess sie, wenn nicht die Stehler so doch die Hehler, und schon zeigte sich im dumpfen Grollen die Lust, das Judenviertel zu stürmen – bis jetzt aber war es noch bei einzelnen Excessen geblieben.
Als Ulrich zu dieser Zeit einmal im Dunkeln nach haus kam, kauerte eine weibliche Gestalt auf der Treppe.
"Ulrich!" flüsterte es leise.
unwillig erkannte er Rachel's stimme. "Was willst Du wieder?" fragte er rauh.
"Euch bitten, mir zu helfen, tausende Unschuldige zu retten!" flehte sie. "Ihr wisst's, ich habe nie gelogen – hört mich auch jetzt! glaubt mir auch dieses Mal!"
"So rede wenigstens schnell, und sag' es kurz, was Du willst?" unterbrach sie Ulrich ungeduldig.
"Hier hört uns doch Niemand?" fragte sie ängstlich.
"In der Tat," antwortete er, "das hab' ich wohl mehr zu fürchten wie Du!"
"So lasst mich mit in