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im niedern Steinmetzgesellen den Kunstgenius herausfindet und ihm gegenüber keinen Stolz mehr kenntwenn nur die Welt nichts davon erfährt."

Ulrich schüttelte den Kopf zu diesen Warnungen. Freilich war es ihm, seit er Elisabet's Retter gewesen und seit sie, da er im Kampfe für sie in ihre Augen geschaut und sie über ihn gebeugt verzweiflungsvoll gehaucht hatte: "totund für mich" – als sei er dadurch nicht nur belohnt für das, was er für sie getan, sondern auch geweiht, als sei er berufen, für sie noch mehr zu tun. Aber das lebte als ein so heiliges Gefühl in ihm, dass er es sich selbst und Andern verbarg, und weil ihm war, als habe er damals einen blick in Elisabet's Inneres getan, nicht duldete, dass man sie verunglimpfeja, nach dem, was Kress jetzt sagte, erschien sie ihm seiner Verehrung um so würdiger, weil sie von einem Buben gelästert ward sowohl, als auch dadurch, dass sie gerade im Gegenteil zu dem, was man ihr hier nachsagte, die stolzeste Zurückhaltung gegen ihn beobachtete.

Wenig Tage nach diesem Zwiegespräch schlich der Jude Ezechiel im Abenddunkel in Ulrich's wohnung, die er nach langen Nachforschungen ausfindig gemacht. Ulrich meinte, er komme, um sich doch noch für die im Kloster ihm übergebenen Kleider die Bezahlung zu holen, die er damals verweigert hatte. War Ulrich auch in manchen Beziehungen über die ärgsten Vorurteile hinauser fühlte sich doch sehr gedrückt und erniedrigt durch den Gedanken, dass ein geheimnis von ihm in den Händen dieses Juden sei; denn wenn er auch nicht wusste, zu welchem Zweck er, Ulrich, im Kloster die Kleider bedurfte, so gab es doch, wie bei jedem geheimnis, das nicht mehr unser alleiniges Eigentum, Möglichkeiten und Zufälligkeiten genug, es teilweise wenigstens zu verraten, oder doch diese Mitwissenschaft des Israeliten gefährlich werden zu lassen, um so mehr, da die Verschlagenheit dieser Leute und ihr Streben, keinen Christen zu schonen bekannt, und in der Tat mehr als Vorurteil war. Deshalb galt auch allerdings vor Gericht ihr zeugnis nicht, und darum war wieder ein Jude eine ungefährlichere person in diesem Falle, als jede andere; aber da eben dieser durch seinen Trödlerkram und sein grosses "Geschäft" sich schon manchem Christen unentbehrlich gemacht und ihn sich verpflichtet, so hatte er überall Einfluss und Leute, die in seiner Hand waren und nach seinem Willen handeln mussten. Ulrich fühlte sich gedemütigt, dass Ezechiel ihn diesen wohl gar schon beizählen könne. Kam er auch jetzt nur im Dunkeln und hatte er einen verhüllenden Mantel um sich, so lag doch die Möglichkeit nahe, dass Jemand ihn oder doch den Juden in ihm erkenneund da der Umgang mit einem Juden, besonders für einen christlichen Baubruder, schimpflich war, so wollte er sich des unwillkommenen Besuchs so schnell als möglich entledigen, indem er sogleich fragte; wie viel er ihm schulde?

Aber Ezechiel wies noch einmal standhaft jede Bezahlung zurück, und erzählte, dass er der Frau Scheurl den Ring gebracht, und wie diese ihm, dem Finder, selbst dafür danken wolledenn es sei ihr gar viel an dem Ringe gelegen. Sie lasse ihn daher bitten, ihr eine Abendstunde zu bestimmen, in welcher er bei ihr selbst diesen Dank empfangen könne; sie werde dann auch Alles einrichten, dass sein Kommen ganz unbemerkt bleibe, da ihm das wohl erwünscht wäre.

Ulrich trat einen Schritt zurück. Im ersten Augenblick dachte er wohl an des Propstes Warnung, wie an dessen Urteil über Elisabet; im nächsten aber, wo er einen blick auf das cynischlächelnde Gesicht des Juden warf und dessen ganze widerwärtige Erscheinungda begriff er, dass Elisabet nicht einen solchen zu ihren vertrauten Aufträgen wählte, selbst wenn ein Zufall ihn wie durch die Uebergabe des Ringes in einer Angelegenheit vielleicht zu ihrem Vertrauten gemacht. Er fühlte sich versucht, den Juden zu packen und die Treppe hinabzuwerfen; aberer musste ihn ja schonen, weil ein geheimnis und mit ihm vielleicht er selbst und seine Ehre, vielleicht das Leben seines Vaters in den Händen des Juden war; er musste vermeiden ihn zu beleidigen, ihm seine Verachtung zu zeigener antwortete nur stolz:

"Ein christlicher Baubruder bedarf nie eines Dankes dafür, dass er seine Pflicht tuter nimmt ihn nicht an, selbst wo er ein Opfer gebracht hätte. Aber hier kann von gar keinem Dank die Rede seindas ist die einzige Antwort, die ich für Frau von Scheurl haben kann."

"Die wird ihr sehr wenig gefallen," sagte Ezechiel; "eine schöne Frau, die einen jungen Mann auffordert zu kommen im Dunkeln in ihr Haus, die ist nicht zufrieden mit solcher Antwort."

"Kein Wort weiter!" fuhr Ulrich auf, "und seid froh, wenn Ihr weiter keines von mir hört!"

"O ich merke wohl," begann Ezechiel dessen ungeachtet von Neuem, "ich merke wohl, dass Ihr nicht trauet dem armen Juden, und für diesen Fall hat mir die Frau Scheurl in der Eile auch ein Blatt gerissen aus einem schönen buch und mir mitgegeben, darauf geschrieben steht ihr eigener Name von ihrer eigenen zierlichen Handschrift."

Ulrich griff nach dem Blatte: es war ein Titelblatt aus der Beschreibung Nürnbergs von Konrad Celtes; unten am rand stand mit blauen Buchstaben: "Elisabet Behaim."

Ulrich schwankte einen Augenblick, ob er das