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es ganz gewiss, und fügte hinzu, dass es noch dazu ein Baubruder sei, den ich kennen müsse, da er in der Lorenzhütte arbeite, und nannte ihn: Ulrich von Strassburg –"

"Das hat der Bube nur gewagt, weil er wusste, dass ich von Nürnberg fern war im Benediktinerkloster!" rief Ulrich, jetzt Alles erratend. "Nicht wahr, der saubere Ritter von Streitberg hat's Euch zugeflüstert? Der hasst mich freilich auf Leben und Tod. Und Ihr könntet wirklich mehr auf das Wort eines so frechen Ritters geben, der nichts ist als ein Placker, Strassenräuber und Frauenentführer, als auf das meine? König Max glaubte mir mehr, als ihm, und verwies ihn damals aus Nürnberg, wo ich zum ersten Male mit ihm und der Scheurlin zusammen getroffen und er wider mich und Hieronymus klagbar gewordenaber Ihr glaubtet ihm!"

"Das war damals derselbe Ritter von Streitberg?" fragte Kress erstaunt, denn damals war weder in der Bauhütte noch ausserhalb der Name des Ritters, dem Ulrich das Schwert abgerungen, genannt worden.

"Derselbe," wiederholte Ulrich; "und damit ich es nun gestehe: es war auch derselbe, den ich und der mich zu Tod verwundete, da ich zum zweiten Male die Scheurlin vor ihm rettetederselbe, der mir jetzt auf dem Wege nach dem Kloster begegnete, wo Junker Pirkheimer mit mir sprach, und ich durch ihn die wahrscheinlich auch jetzt noch von ihm Verfolgte vor ihm warnen liess. Er hatte sie nicht in seine Gewalt bekommen können, und nun versucht er es durch Verleumdungen, durch schnöde Angriffe auf ihre und meine Ehre. Um ihrer Frauenehre Willen habe ich gegen Alle und gegen Euch geschwiegen, wo sie es schon verletzen könnte, dass solch' ein wüster Geselle sie verfolgt und ihr selbst Alles an diesem Schweigen gelegen zu sein schien, denn sie hat für mich nie ein Wort des Dankes oder des Vertrauens gehabtes schien ihr eben Alles darauf anzukommen, dass ihr Begegniss mit diesem Menschen ein geheimnis bleibe, ja dass es auch von mir selbst vergessen würde. Da müsst Ihr nun freilich der verleumderischen Beredtsamkeit mehr glauben, als meinem rücksichtsvollen Schweigen."

Gerade dieser Eifer, mit dem Ulrich jetzt sprach, erschien dem Propst bedenklich, obwohl er Ulrich's Worten vollkommen glaubte und von dem ihm übrigens unbekannten Streitberg gleich durch dessen Betragen nicht die beste Meinug hatte, die sich nun leicht zu einer schlechten wandelte. Aber waren diese Beiden nicht eben darum Feinde, weil sie Nebenbuhler? War denn etwas natürlicher, als dies? Der Propst hatte viel gelebt in der Welt und kannte seine Zeitgenossen, die Geistlichen wie die Laien, den Adel und die Patrizier, wie das niedere Volk, die Männer wie die Frauenund er kannte sie nicht von der besten Seite. Die grossen Verbrechen und heimlichen Sünden, die man ihm im Beichtstuhle bekannt, waren noch nicht die schlimmsten; es gab dunkle Taten, die selbst dies Bekenntniss scheuten, und Gedankensünden, die es nicht einmal bis zur erkenntnis brachten, um wie viel weniger, dass sie hätten laut werden mögen. Er war selbst nicht frei von Fehltritten, deren er sich bewusst war, und die er doch mit der Schwachheit der menschlichen natur entschuldigte, und über die er sich, weil sie eben nur aus dieser hervorgegangen, keine grossen Gewissensskrupel machte; er hatte weder je an seine eigene, noch an die Tugend Anderer schwärmerische Ansprüche erhoben, und so auch sich selbst mehr auf der Mittelbahn des Lebens erhalten; aber er wusste, dass, wer titanenhaft nach den Höhen strebe, oft am leichtesten in einen Abgrund falle; dass, wer seiner Zeit in vielen Dingen voraus sei und über blinde Vorurteile sich erhoben, sich auch an manche Vorschriften der herrschenden Moral oder des Glaubens minder gebunden achte, als Andere und so Gefahr laufe, mit dem falschen Vorurteil selbst das richtige Urteil zu opfern über gut und böse, recht und schlecht. Gerade darum war ihm bange für Ulrich, weil er dessen hochfliegende Seele kannte; sie konnte sich auch verfliegen und gleich der Motte, weil das Licht ihn anzog, im Lichte fangen und verbrennen. Weil er keine gemeine sinnliche natur war, konnte es ihm um so eher geschehen, nicht auf gemeine leichtsinnige Weise, sondern durchdrungen von einer poetischen Schwärmerei sein Gelübde, das ihn alle Frauen meiden hiess, zu brechenso dass doch immer das Resultat, der gebrochene Schwur, dasselbe bliebob nun die Verführung von einer realistischen oder idealistischen Anschauung und Seite kam, die Sache blieb sich gleich.

Der Propst nahm Ulrich bei der Hand und sagte gutmütig: "Vergieb dem älteren, erfahrenen mann, der es recht gut weiss, dass Keiner so fest steht, dass er nicht falle. Mag es nun Zufall oder Absicht gewesen sein, was den Ritter und Dich um die Scheurlin zusammenführtesei gegen sie auf Deiner Hut."

"Aber ich bitte' Euch, unterbrach ihn Ulrich ärgerlich, "eine so stolze Patrizierinund ein armer Steinmetzgeselle; wozu hier noch eine Warnung, und sei sie noch so wohlgemeint."

Der Propst zuckte die Achseln. "So wie ich diese Frau kenne, ist es möglich, dass sie aus Stolz vor der Welt die Huldigung des römischen Königs und künftigen deutschen Kaisers annimmt und im Stillen ihn von sich weist, nicht mehr gestattet, als die Welt eben sehen darfaber auch, dass sie