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s Stelle!" rief Elisabet; "ich gäbe diesem mann Schiffe und Alles, was er wünscht, und wenn ihn die ganze Welt einen Abenteurer hiesse! noch lieber wagt' ich mit ihm selbst die Fahrt. Wer Riesenpläne in seinem kopf wälzen kann, der verdient auch die Mittel zur Ausführung. Es muss herrlich sein, so mitten hinein zu schiffen in's grüne, wogende Meer, und zu spähen, bis irgendwo eine goldene Küste emportaucht, die noch kein menschlicher Fuss betreten, oder auf der man doch ganz neue Menschen findet und Alles neu und anders, als das bisher Bekannte."

Martin lachte: "Ja, Du passtest gerade dazu! Du denkst es Dir wohl wie in einer venetianischen Gondel, oder auch wie im Schiffe des Dogen in das adriatische Meer hinaus. Die Lustbarkeit ist nicht gar so gross, tage- und wochenlang nichts zu sehen als Himmel und wasser, und nicht zu wissen, wo man ist, trotz dem Compass, und wär's der beste aus unserer besten Nürnberger Werkstätte. Du passtest unter die rauhen Seeleute mit Deinen feinen Sitten, der hier die Reichsstädter noch zu roh sind, und Deiner feinen Haut, die von kostbaren Salben duftet. Und die neuen Menschen! Nun wir haben welche gesehen, die wir erst für eine grosse Art Affen hielten, und dann wieder welche, die zwar weniger wie wilde Tiere aussahen, aber sich doch so geberdeten und grosse Lust hatten uns zu schlachten und zu fressen."

In diesem Augenblick trat plötzlich Christoph Scheurl ein mit sehr verstörtem Gesicht, warf einen verwunderten blick auf den ihm unbekannten Martin und sagte zu Georg Behaim:

"Schlechte Nachricht, Herr Schwager! Eben wird mir gemeldet, dass ein grosser Waarentransport, der für Euch angekommen, einige Stunden von hier, aber noch auf Nürnberger Gebiet, überfallen und geplündert worden ist. Es sollen ganz absonderliche Sachen dabei gewesen sein, die der Bote gar nicht zu nennen und zu beschreiben wusste."

"Um's himmels Willen!" rief Martin, "es wird doch nicht mein Reisegut sein, dem ich vorangeeilt und dessen Führer ich an Dich wies?"

Elisabet sagte: "Mein Bruder Martinmein Gemahl" – die beiden Männer einander vorstellend.

"D a s ist Dein Gatte!" fuhr Martin Behaim heraus, der, obwohl er wusste, dass derselbe zwanzig Jahre älter war als Elisabet, und schon darum ein unpassender Lebensgefährte für sie, doch wenigstens die Würde des älteren Mannes, wie er selbst sie besass, aber nicht diese Geckenhaftigkeit, die sich seinem ganzen Aeussern aufprägte, und diese Ausdruckslosigkeit des Gesichtes, die auf den alltäglichsten Weltmenschen schliessen liess, von ihm erwartet hatte. Er begriff mit einem blick, dass seine Schwester, die sonst seine Schülerin gewesen, die er mit teil hatte nehmen lassen an seinen Studien und an seinem Wissen, so weit dies einem jungen Mädchen möglich gewesen, neben diesem Flachkopf unglücklich sein musste. Er reichte dem Schwager die Hand und sagte:

"Seid mir als werter Verwandter begrüsst, wenn Ihr mir auch der Ueberbringer einer Unglücksbotschaft sein solltet!"

"Willkommen, Herr Bruder und wackerer Seefahrer!" antwortete Scheurl; "aber ich fürchte in der Tat, wenn an die Behaim eine Sendung von Euch in diesen Tagen unterwegs gewesen, dass die ausgeraubte die Eure ist, da es kein gewöhnlicher Waarentransport, sondern Reisegepäck gewesen sein soll, das von Augsburg kam."

"Lasst mich den Boten sprechen!" rief Martin aufgeregt.

Elisabet zog die Klingel und gab der erscheinenden Dienerin den Befehl, den Boten hinaufzuführen.

"Es wäre weniger umständlich gewesen, selbst hinabzugehen!" sagte Martin, als man noch auf den Boten wartete.

Da dieser endlich erschien erstattete er Bericht, dass er in Begleitung von einem Trupp Berittener, welche im Solde der Herren Fugger von Augsburg ständen, von diesem beauftragt sei, ein vierspänniges Waarenfuder an die Herren Behaim nach Nürnberg zu führen und dass er ein Verzeichniss der Waaren mit erhalten; in einem besonderen Kasten wären auch Affen und in einem andern einige wunderbare ganz bunte grosse Vögel mit krausen Köpfen und langen Schwänzen gewesen.

"Meine indianischen Raben!" rief Martin. "Elisabet, ich hatte Dir sie mitgebracht, da ich weiss, wie Du über solche Dinge Dich freust! – Wo sind sie? – es sind meine Sachen! es braucht keiner weiteren Beschreibungwo sind sie hingekommen?"

Der Bote zuckte die Achseln. "Wegen dem Viehzeug mussten wir öfter einkehren, ihm frisches wasser zum Saufen zu geben, wie uns geboten war. Ueberall, wo es geschah, liefen die Leute zusammen, die gerade in der Nähe waren, die absonderlichen Tiere zu sehen, Land- oder Stadtvolk, Ritter oder Knappen, was gerade auf den Beinen war. So auch gestern Mittag in Altdorf ein paar Ritter. Ich suchte gerade etwas in meiner tasche, und da hatte ich das Waarenverzeichniss mit herausgenommen. Der eine Ritter fragte uns, ob wir noch mehr solche närrische Dinge mit uns führten? Ich meinte, das möchte wohl sein, aber wir wüssten es nicht, da wir nicht lesen könntenund da er das Verzeichniss sah, sagte er, er wollte es uns vorlesen, und las zuerst darauf, dass die Sendung an die Herren Behaim ginge. Bei manchen Worten und Namen stutzten sie und verstanden sie nicht und wir noch weniger. Wir setzten dann unsern Weg weiter fort