bekommt man die Leute an's Fädchen.
Dritter Band
Erstes Capitel
Ein Seefahrer
Von herrlichem Frühlingswetter begleitet war das Osterfest herangekommen. Die Lerchen wirbelten im Sonnenschein triumphirende Auferstehungslieder, die Zugvögel kehrten zurück und suchten die alten Nester, oder bauten sich neue. Sie fanden an den Giebeln von Nürnberg, wie in den Bäumen seiner Gärten, manch' ein trauliches Plätzchen, darin sie nisten konnten, wo sie sich zwitschernd als gern gesehene Gäste niederliessen. Sie flatterten um die hohen Zinnen der Burg und wiegten sich auf den Zweigen der Linde, welche die Kaiserin Kunigunde im Schlosshof gepflanzt.
Auf einem Spaziergange mit ihrem Gemahl hatte Elisabet diesem Spiele zugesehen, und obwohl dabei heiter lächelnd, doch im inneren schmerzlich bewegt sich gefragt: ob und wann je einmal die Zugvögel wiederkehren würden, die im Winter nur kurze Zeit unter ihrem dach geweilt: König Max und Kunz von der Rosen, oder Konrad Celtes? Sie suchte jede heftige Regung in sich zu unterdrücken; aber sie fühlte sich seitdem wieder so allein und unverstanden an der Seite des ungeliebten und ungebildeten Gatten, der für alle höheren Interessen des Lebens kein Verständniss hatte, und nur aus Eitelkeit den Schein um sich zu verbreiten suchte, als ob Kunst und Wissenschaft in ihm einen Verehrer hätten, während er innerlich ihnen doch ganz fremd blieb.
Aber indem Elisabet so auch wieder heimgekehrt an die Zugvögel unter den Menschen dachte und selbst Leid empfand, nicht zu ihnen zu gehören – kam plötzlich einer von denselben zurück, den sie am wenigsten erwartet hatte.
Ihr Bruder Georg trat bei ihr ein, und mit ihm ein älterer Mann in portugiesischer Tracht von schwarzem Sammet, mit gelben Puffen von Atlas in den Aermeln seines Wammses, einen runden Hut mit langer schwarzer Feder, auf seiner Brust ein schimmerndes Ritterkreuz. Er mochte etwa sechzig Jahre zählen und war von mittlerer Grösse, aber die Straffheit seiner Haltung war die eines Jünglings. Sein braunes Haar, das die breitgewölbte vorspringende Stirn umspielte, war nur mit wenigen Silberfäden untermischt, ebenso der Bart, der Oberlippe und Kinn bedeckte. Die Stirn zeigte einige Runzeln, aber vorherrschend in der Mitte über der Nase die tiefe Furche des rastlosen Denkens. Seine Gesichtsfarbe schien von einer tropischen Sonne gefärbt zu sein und erhöhte den blitzenden Glanz seiner Augen, die feingebildeten hände zeigten sich wettergebräunt und hart.
Georg begrüsste die Schwester und sagte: "Ich bringe Dir einen Gast, Elisabet."
Sie verneigte sich mit edlem Anstand, aber einem fragenden blick auf den Bruder, von dem sie zu erwarten schien, dass er den Fremden ihr vorstelle, und sagte: "Waret Ihr schon bei meinem Gemahl, oder hab't Ihr ihn nicht daheim gefunden?"
"Dieser Besuch gilt vor allem Dir und dann erst ihm," sagte Georg.
"So ist es!" sagte der Fremde, und liess seine Augen so durchdringend und prüfend auf Elisabet's Antlitz und Gestalt ruhen, dass sie, unwillig diesen Blicken ausweichend, fragend zu Georg sah, als fordere sie von ihm eine Erklärung oder Schutz gegen einen Fremden.
Dieser aber ergriff ihre Hand und rief: "Erkennt mich Elisabet wirklich nicht?"
Da stiess sie einen Schrei aus und mit dem Jubelrufe: "Martin, Du bist's!" sank sie in seine arme.
Er drückte sie fest an seine Brust und sagte: "Ich hätte Dich gleich wieder erkannt, wärest Du mir auch noch so unerwartet begegnet, und bist Du auch in den zwölf Jahren meiner Abwesenheit aus einer zarten Jungfrau ein blühendes Weib geworden; Deine Augen und Dein Mund sind geblieben, wie sie waren – und die gibt es nicht weiter so auf der Welt."
"Aber wie konnte ich Dich auch hier erwarten?" rief Elisabet; "eher glaubt' ich Dich am Capo di Tormentos oder weiter auf fernen Meeren schiffend, auf denen Du an wundersamen Inseln landetest, die zuvor Dein Prophetengeist aufsteigen sah aus dem dunklen Ocean!"
M a r t i n B e h a i m lächelte: "O mehr als eine wundersame Insel, das ganze indische Königreich Congo haben wir entdeckt, als unter D i e g o C a n unsere Schiffe immer weiter segelten in's Unbekannte hinein. Und der Herrscher von Congo, wie die meisten seiner Bewohner empfingen uns mit ungewöhnlicher Freundlichkeit; sie traten in Verbindung mit dem mächtigen König von Portugal, in dessen Namen wir landeten, ja sie liessen sich taufen, und wo vorher missgestaltete heidnische Götzenbilder standen, ist das christliche Kreuz aufgerichtet worden. Das ist eine neue Art von Kreuzzügen: neue Welten gilt es aufzusuchen und zu entdecken – nicht mehr rückwärts nach Osten wie der blinde schwärmerische Glaube – vorwärts nach Westen geht das Streben der hellsehenden Wissenschaft! – Und sprich nicht mehr von C a p o d i T o r m e n t o s ! Diesen Namen schrieb ich Dir wohl damals, als ich mit B a r t o l o m e o d e D i a z das Vorgebirge von Afrika erreichte; er hatte es so wohl genannt zur Erinnerung an die hier ausgestandenen Drangsale, aber der Monarch J o i r o , voll froher Erwartung nach glänzenderen Entdeckungen, gab ihm den bedeutungsvollen Namen 'Kap der guten Hoffnung' – und den wird es nun wohl für immer behalten. Jetzt hab' ich von der letzten Seereise in Lisboa bei meinem lieben weib ausgeruht, und nun bin ich einmal hierher gekommen, Euch