1859_Otto_159_120.txt

schwach und hinfällig gewesen von dem martervollen Kerkerwohin konnte er geflohen sein? War er umgekommen im wald und fand man ihn lebend oder tot, so konnte eine Untersuchung seiner Flucht vielleicht die verraten, die ihm dazu geholfen, und dann hatten sie die härteste Strafe zu fürchten. Und war er glücklich weiter entkommen: was würde er nun beginnen? Mussten sie nicht jeden Tag denken, die sehnsucht nach dem Sohn und der Wunsch von Ulrike zu hören, werde ihn eines Tages wieder zurückführen nach Nürnberg zu dem Propst oder Ulrich, und er sich selbst und diesen der schrecklichsten Gefahr aussetzen und vielleicht auch Andern in seiner zuweilen doch halbwahnsinnigen Art Alles verraten?

Aber was halfen diese bangen fragen, auf die Keiner eine Antwort geben konnte! –

An demselben Tage hatte der Jude Ezechiel bei der Frau von Scheurl, wie sie jetzt hiess, noch einmal Eintritt verlangt, der ihm schon mehrmals verweigert worden. Die Dienerschaft hatte auch jetzt wieder gedroht, ihn hinauszuwerfen. Da entschloss er sich zum Aeussersten. Er gab den Ring einem Diener und liess sagen: er liesse nur fragen, ob die Herrin den Ring behalten wolle, oder ob er ihn dem Eigentümer wieder zurückgeben solle.

Das wirkte. Sogleich ward er vorgelassen.

Elisabet war ohnehin in schmerzlicher Aufregung. Mit kurzem Abschied war König Max geschieden, und nur Kunz von der Rosen hatte ihr zugeflüstert, dass, wenn es sich einmal treffen solle, dass ein Kaiser oder König einer stolzen Nürnberger Patrizierin doch einen Dienst erweisen könnte, so möge sie sich gleich lieber an den Narren wenden, der habe ein besseres Gedächtniss und wisse närrisch genug, oft sicherer das Ziel zu erreichen.

Konrad Celtes war mit dem König gegangen, um wieder ein unstetes Reiseleben zu führen und im Wirken für die humanistischen Studien und dem Streben im deutschen volk den Sinn für das Vaterland und seine geschichte zu beleben, sein unruhiges Herz zum Schweigen zu bringen. Er hatte Elisabet's Gebot geehrt und war ihr nicht wieder allein genaht. Aber was half es ihr, dass sie so als tugendhaftes Weib weder dem König noch dem Poeten eine Freiheit verstattet, die sich nicht mit den Pflichten gegen ihren Gemahl vertragen hätte: Ursula selbst, die einzig durch sie Hochbeglückte, fühlte sich verpflichtet ihr zu hinterbringen, wie viel Angriffe auf Elisabet's guten Ruf sie zurückweisen müsse, wie man sie beschuldige, den Poeten, ihren frühern Geliebten wieder rücksichtslos bei sich empfangen zu haben und dem königlichen Gast in jeder Beziehung eine gefällige Wirtin gewesen zu sein. Sie ahnte, dass Streitberg und die Hallerin dies Gift gegen sie verstreutund sie hatte keine Waffe dagegen, als ihr reines Gewissen und das zeugnis ihres Gemahls. Das fiel freilich bei den Nürnbergern leicht genug in die Wagschaale; der hoffärtige Ratsherr war geadelt wordenund damit hiess es, sei er schadlos gehalten, wenn ihm auch ein Schimpf durch sein Weib geschehen.

Elisabet konnte diesen Gerüchten nur erneuten Stolz entgegensetzen, aber sie hätte kein zartfühlendes Weib sein müssen, wäre sie nicht doch davon verwundet worden.

Und nun, wo sie hoffte, dass Streitberg, um dessentwillen sie fast nie ihr Haus verlassen, sich wieder aus der Stadt entfernt, sah sie den Ring vor sich, durch den sie sich ihm einst verlobt hatte.

Sandte er ihr ihn, oder wie kam er in die hände des Juden? Wie auch Vorurteil und Stolz sich dagegen sträubten, sie musste selbst und allein mit diesem sprechen.

Ezechiel erzählte, dass Ritter Streitberg den Ring bei ihm versetzt, um ihn später wieder einzulösen, dass aber der Steinmetz Ulrich von Strassburg, der den Ring bei ihm gesehen, gesagt habe, er müsse der Frau von Scheurl gehören, der gewiss sehr viel daran gelegen sei, ihn wieder zu erhalten, und dass er somit eigentlich in dessen Auftrag zu ihr komme.

Elisabet erschrak und errötete nacheinander. Was hatte dieser Ulrich, der christliche Baubruder, mit dem verstossenen Juden zu tun? was ging es Ulrich an, ob sie ein Interesse an dem Ringe habe oder nicht? Sie mochte sich in kein Gespräch mit dem Juden einlassensie fragte ihn nur, wie viel er für den Ring fordere?

Ezechiel nannte eine hohe Summe, und Elisabet ging in ein Nebengemach, um aus einer Schatulle das gewünschte Geld zu holen.

Der Jude ward dreister, schilderte, welche Unannehmlichkeiten er haben werde, wenn Streitberg sein Pfand nicht wieder erhalten könne, und wie er nur Ulrich's Vorstellungen nachgegeben, und ob die edle Frau nicht dafür an diesen einen Dank zu bestellen habe.

Elisabet sah zürnend auf, dann wandte sie dem Juden den rücken, hiess ihn sich augenblicklich entfernen, und verschwand in das Nebengemach.

Einen Augenblick stand Ezechiel bestürztdann sah er sich überall um, und schnell seinen Vorteil wahrnehmend, nahm er ein gedrucktes Buch und riss aus demselben die Titelseite, auf welcher Elisabet's Name stand, und sagte bei sich: Das bring' ich ihm als von ihrer wird schon in die Falle gehen, wenn er nicht schon darin sein sollte, und vielleicht wählt er mich zu seinem Liebesboten. Halb und halb hab' ich ihn ja schon in der Hand, denn die Sachen, die er mir im Kloster abverlangte, hat er zu keinem rechtlichen Zweck gebraucht. Das ist ein geheimnis, dass ich mich stellen werde zu wissen und auszuplaudern drohen, wenn ich ihn einmal wohin haben will, wo er nicht mag. So