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l a s M u f f e l Loosunger und lange Zeit einer der geachtetsten Männer gewesen, bis es plötzlich an den Tag kam, dass er öffentliche Gelder veruntreuet hatte. Um ein Beispiel zu geben, ward er in strenger Haft gefangen gehalten und dann hingerichtet. Er hinterliess fünf Söhne, die vier ältesten wanderten aus, der jüngste Sohn, Gabriel, aber blieb, um das Geschlecht fortzusetzen.

G a b r i e l M u f f e l gehörte nun auch zu den Genannten des grossen Rates, und hatte es sich angelegen sein lassen, die Schmach vergessen zu machen, die durch seinen Vater auf sein Geschlecht gekommen. Waren doch nun zwanzig Jahre seit jenem Unglückstag verstrichen, bisher hatte ihn auch wirklich Niemand dasselbe entgelten lassen. Jetzt war er seit einigen Jahren Witwer und hatte nur seine Tochter Ursula bei sich, die eben an jenem unglücklichen Erichstag, da ihr Grossvater gerichtet ward, zur Welt gekommen. Sie hatte nur noch einen Bruder, der sich jetzt bei einem Oheim in Mailand in der Lehre befand, um später das Geschäft des Vaters zu übernehmen.

Ursula Muffel war nicht nur eines der schönsten sondern auch der klügsten Mädchen von Nürnberg. Geschwisterlos aufgewachsen und früh der Mutter beraubt, hatte sie gleich mancher Jungfrau Nürnbergs an wissenschaftlicher Bildung Gefallen gefunden. Sie konnte nicht nur lesen und schreiben, sondern verstand auch italienisch und lateinisch, und war in manchen Stücken von ihres Vaters Geschäft wohl erfahren, so dass sie ihm auch im Rechnen und Briefschreiben oft beizustehen pflegte. Dabei war sie bescheiden und sittig und auch in allen erblichen Künsten wohl geübt. Sie hatte die oberste Leitung des Hauswesens, und die Ordnung und Anmut, die sie darin zu verbreiten wusste, legte sie auch an ihrer zierlichen Kleidung an den Tag.

Stephan Tucher, nur eben erst von weiten Reisen zurückgekehrt, hatte sie an einem Osterfeiertag gesehen bei einem Feste der patrizischen Geschlechter, und da war es ganz von selbst gekommen, wie es immer kommt: dass das Paar sich schnell zusammengefunden und nur auge' und Ohr für einander gehabt hatte.

Stephan Tucher war stolz gleich seinem Vater und wachte selbst eigensinnig über sich seiner Patrizierwürde nichts zu vergeben. Aber Ursula Muffel gehörte zu einem alten Geschlechte. Ohne Gefahr für das Ansehen des seinigen meinte er sich ihr nähern und sich mit ihr verbünden zu können. Das Feuer seiner leidenschaft entzündete die ihrige und führte ihn bald zu einer zärtlichen Erklärung, welche die süsseste Erwiederung fand. Ehrsam warb er sogleich bei ihrem Vater um ihre Hand, gewiss, dass er, der Sohn des vornehmsten und reichsten Geschlechtes von Nürnberg, freudige Einwilligung erhalten werde. Sie warb ihm auch, natürlich mit dem Zusatz: wenn auch Herr Hans von Tucher zufrieden sei und nicht schon anders über die Hand seines Sohnes verfügt habe, was damals oft Brauch war. Stephan erklärte stolz, dass er nie einen solchen väterlichen Zwang erdulden werde, ihn auch gar nicht zu fürchten habe, und eilte eben so zuversichtlich zu seinem Vater, ihn um seinen Segen zu bitten.

Da der alte Ratsherr aber den Namen Ursula Muffel hörte, verwandelte sich das freundliche Beifallslächeln, das er erst für den Sohn gehabt, da dieser nur von Verlobung sprach mit einer schönen Tochter aus einem der achtundzwanzig Geschlechter Nürnbergs, in spöttisches Zucken von strafenden Zornesblicken begleitet, und hämisch antwortete er:

"Ich muss zu Dir sagen, wie vor dreissig Jahren Markgraf Albrecht zu Niclas Muffel sagte: 'Du Muffelmaul, so lange hast Du gemuffelt, bis Du das heraus gemuffelt hast!' Zehn Jahre darauf ward dieser Niclas Muffel, der so lange Loosunger gewesen, verurteilt und gerichtet wie ein gemeiner Betrügerund er war schlimmer als solcher, denn er stammte aus einem edlen Geschlecht und war das Haupt dieser Stadt, die er schändlich betrog und auf die er Schande brachte im Reich, weil man draussen sagen konnte: die Nürnberger lassen sich die klügsten und rechtsamsten Leute schelten, und ein Haupt ihrer Stadt betrügt ihre Bürger. Darum half es Nichts, dass Fürsten und Herren, ja der Kaiser selbst Fürsprache einlegten für den Verbrecher: er musste gerichtet werden, damit sein Blut den Rat und die Geschlechter wieder rein wasche von der Schmach, die er aufgehäuft. Und nun denkst Du das Geschlecht der Tucher mit dem der Muffel zu verbinden? das wird nie geschehen!"

Vergeblich bemühte sich Stephan dem Vater zu beweisen, dass weder Gabriel Muffel noch einer seiner Brüder beteiligt gewesen sei an der Tat des Vaters, und dass sowohl die Tucher selbst mit allen andern Geschlechtern das bestätigt hätten, indem Gabriel Muffel zu den Genannten des grossen Rates gehöre und alle Ehren genösse, die seinem Geschlecht zukämen. Der alte Loosunger blieb bei seiner Weigerung: dass er nie die Enkelin eines Hingerichteten in seine Familie aufnehmen werde, und da der Sohn versuchte ihm Widerstand entgegen zu setzen, und bei Ursula und ihrem Vater Ausflüchte suchte, ihnen noch die verweigerte Einwilligung seines Vaters zu verbergen, ging der stolze Loosunger selbst so weit, als er Gabriel Muffel auf dem Rataus begegnete, zu sagen: er möge die Ehre seiner Tochter behüten, wie er die seines Sohnes, denn zu einer Verbindung beider werde er nie seine Einwilligung geben.

Im Zorn erwiderte Gabriel Muffel die Beleidigung des Hochfahrenden in gleich roher Weise, wie sie in jener Zeit gebräuchlich war, und heimkehrend verwehrte er seiner Tochter jeden Umgang mit Stephan Tucher und erklärte ihr, dass sie ihm für immer entsagen müsse. Die Liebenden fanden