" wiederholte Ulrich.
"Sie lebt," antwortete der Propst nach einigem Bedenken, "und ganz in Deiner Nähe, aber für immer von Dir getrennt – sie ist hier und Nonne im Kloster der heiligen Clara!"
"O darum zog es mich so hierher nach Nürnberg!" rief Ulrich.
"Sie weiss nicht, dass Du hier bist; sie weiss nur, dass Du ein tüchtiger und braver Baubruder geworden, und freut sich, dass Du der Kunst und Gott getreulich dienest, und dass so mehr aus Dir geworden, als wenn sie bei Dir und mit Dir in dem dorf geblieben wäre, das für Deine Heimat galt," antwortete der Propst.
"Und wie kam sie hierher?" forschte Ulrich weiter, "und hat mir Amadeus in Allem die Wahrheit erzählt?"
"Die volle Wahrheit!" bestätigte der Propst, "und damit Du nicht am unrechten Orte forschest, so will ich seine geschichte vollenden. – Als er mit Deiner Mutter floh, hatte er nicht den Mut ihr zu gestehen, dass er daheim ein liebendes Weib und Kinder besitze. Ulrike folgte ihm vertrauend nach Frankfurt, wohin er damals im Kriegsdienst musste, und nur das schmerzte sie und ihn, dass sie Dich nicht bei sich hatten; allein es tröstete sie, dass sie Dich im Kloster sicher und in guten Händen wussten, bis sie Dich würden können zu sich kommen lassen. Amadeus versprach ihr, sich mit ihr trauen zu lassen, sobald die kirchliche Scheidung von ihrem Mann erfolgt sei – indess hoffte er auch die seine zu bewerkstelligen. So vergingen Monate. Ein Kriegsbefehl rief ihn nach Würzburg, er nahm sie auch dahin mit; aber während er sie dort, um im feld zu dienen, allein zurücklassen musste, erschien plötzlich seine Gemahlin bei ihr. Ein Gefährte ihres Gatten hatte ihr hinterbracht, dass dieser um eines gemeinen Weibes Willen, das er auf der Landstrasse aufgelesen, die Scheidung von ihr fordere, und die liebende Frau wollte jenes selbst sehen und durch Geldanerbietungen von ihm trennen. Für Deine edle Mutter war es genug, den Beweis zu erhalten, dass Amadeus durch andere heilige Pflichten gebunden sei, um zu wissen, was sie zu tun hatte. Mit Stolz wies sie alle Anerbietungen zurück und erklärte, dass sie Amadeus fliehen und für ihn tot sein wolle, ehe er um ihretwillen die Seinen unglücklich mache. Sie hatte inzwischen gehört, dass ich Geistlicher in Nürnberg sei – in der Verzweiflung erschien es ihr als Trost, sich dem Bruder zu vertrauen, bei ihm eine Zuflucht und Schutz zu suchen. So kam sie zu mir. Ich hatte sie als tot beweint, und mit der wiedererstandenen Unglücklichen, die schon so viel gebüsst, rechtete ich nicht über ihre Verirrungen – ich empfing sie als liebender Bruder. Aber bei mir konnte sie nicht bleiben, ich brachte sie in's Kloster der heiligen Clara, eine Zufluchtsstätte, die sie selbst ersehnte. Dort ist ihr Leben ein dem Himmel geweihtes und ein stillglückliches gegen das, welches sie einst bei dem rohen Gatten führte. tot zu sein für die Welt und für Alle, erschien ihr als der beste Trost. In dem Kloster, das Dich aufgenommen, nannte sie mir den Bruder Anselm als den, welchem ich vertrauen könne. Mit ihm setzte ich mich in Verbindung, er allein erfuhr ihr Geschick und berichtete uns über Dich, so lange Du im Kloster warst. Du galtest dort als ehrlicher Sohn des dörflichen Paares, und so hielt man Dich auch nicht ab, als Du in die Bauhütte von Strassburg wolltest, und gab Dir für den Maurerhof mit anderen Zeugnissen auch das Deiner ehrlichen Geburt. Amadeus, als er die Geliebte nicht mehr fand, wo er sie zurückgelassen, suchte sie zum zweiten Male überall vergebens – endlich leitete ihn ihre Spur zu mir. Ich verhehlte ihm die Wahrheit nicht und dass Ulrike eine Braut des himmels geworden. Ich rechtete nicht mit ihm, ich sprach nicht strafende Worte, ich suchte ihn nur zur Rückkehr zu seiner Gattin zu bewegen, und selbst wenn er das nur als Busse für seine leidenschaft betrachten sollte. Aber er wollte nichts davon wissen – nur das sagte ich ihm nicht, in welches Kloster Ulrike gegangen. Er schied von mir wie ein Wahnsinniger. Im wald hatte er einen Versuch gemacht, sich das Leben zu nehmen. Benediktinermönche fanden ihn dort – und das Uebrige weisst Du."
Ulrich weinte an der Brust des teilnehmenden Mannes, der das beste Herz und weichste Gemüt besass, wenn auch manche Schwachheit sich daran knüpfte.
"Halte Du Dich frei von der leidenschaft," sagte der Propst teilnehmend, "hüte Dein Herz und Deine Sinne! Alle, die das nicht tun, die richten nur Unglück an für sich selbst und für Andere." Und weiter fuhr er fort: "Sage Niemanden ein geheimnis, das treu bewahrt bleiben soll – auch nicht Deinem besten Freund – Du hast es dann nicht mehr in Deiner Gewalt – verrate Dich auch Deinem Kameraden Hieronymus nicht."
Ulrich schüttelte das Haupt und sammelte sich endlich so weit, um zu erzählen, dass er eben darum auch nicht dessen wohnung mehr teilen möge.
Der Propst billigte dies und hiess Ulrich diese Nacht mit in der Propstei bleiben, da er noch keine andere wohnung hatte. So sprachen sie noch lange mit einander von der Vergangenheit und von der möglichen Zukunft. War Amadeus glücklich entkommen? wer konnte es wissen? Er war so