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Verkehr zusammen gekommen waren, aber er hatte keine Ahnung von der Grundlage desselben und auch weiter kein Interesse danach zu forschen. Seit aber Ulrich bei ihm auf hartnäckig bewahrte Vorurteile gestossen war, wollte er ihn um keinen Preis zum Vertrauten des Geheimnisses seiner Geburt machen, noch überhaupt dieses dadurch, dass er es noch einem Menschen mehr wissen liess, um so eher dem Verrat eines Zufalls, wenn nicht einer Absicht aussetzen. Aber beides war auch um so eher möglich, wenn er mit Hieronymus und seiner Mutter wohnen bliebeinmal sträubte sich sein Stolz dagegen, dann die Furcht vor Entdeckung und vor allem der Vorsatz, in die Gefahren und die Beschimpfungen, die ihm drohen konnten, auf keinen Fall seinen vertrautesten Freund mit zu verwickeln. Er blieb daher jetzt fest bei seiner Erklärung, sich eine wohnung für sich allein zu suchen, wie sehr auch Hieronymus in ihn drang bei ihm zu bleiben. Er musste sich endlich darein ergeben und mit Ulrich's Versicherung begnügen: dass diese äussere Trennung ja keine innere sei, dass sie auch ausser der Bauhütte sich täglich sehen und ihre Sonntage und Freistunden nach wie vor zusammen zubringen würden. –

In jener Nacht, wo Ulrich Amadeus aus seiner Gruft befreit und dann dieselbe wieder zugemauert hatte, war er dabei bis zu Konrad's Rückkehr aus dem unterirdischen Gange beschäftigt gewesen. Dieser meldete ihm dann, dass er Amadeus glücklich bis in die Kapelle gebracht, hinter deren Altar die Falltür sich öffnete. Dort aber hatte er nicht bleiben dürfen, weil so schon die äusserste Gefahr war, dass ein rückkehrender Mönch da ihn fände. Er hatte ihn heissen in den Wald fliehen und dann weiter in der Flucht sein Heil versuchen, so erschöpft und elend er auch war. Die andern Sachen schützten ihn wenigstens von Weitem vor Entdeckung; Lebensmittel auf ein paar Tage hatte er mit bekommenweiter etwas für ihn zu tun, lag für seine Retter ausserhalb der Grenzen der Möglichkeit.

Im Kloster verlautete nichts über ihn. Ein paar Tage später sagte Konrad, man spreche davon, dass Amadeus in seinem Kerker verschieden, und habe das Loch, darin er sich befunden, einfach zugemauert.

Die Baubrüder hatten nach Vollendung ihres Werkes ihren ausbedungenen Lohn bekommen, und Ulrich erhielt von dem Abt einen Brief zur Uebergabe an den Propst Kress.

Er hätte auch fragen mögen, wie bei jenem Brief, welchen der Propst ihm mit in das Kloster gab: "Ist's ein Uriasbrief?" – aber er widerstand der Versuchung, das Wachssiegel, das sich ohne sichtbare Beschädigung hätte lösen und wieder befestigen lassen, zu heben und einen blick in die Schrift zu tun. Wie verhängnissvoll sie auch sein mochteer beeilte sich, sie abzugeben gleich am Tage seiner Ankunft.

Der Propst ward bleich vor Schrecken, da er das gelesen, und warf verzweiflungsvolle Blicke tiefsten Mitleids auf Ulrich.

Der Abt meldete ihm, dass es ihm leid tue, den einst von dem Propst in's Kloster als frühern Freund aufgefundenen Amadeus, der sein Schützling geblieben sei, nicht vor einer verdienten Strafe schützen zu können. Er sei verdächtigt worden, das Tabernakel zertrümmert zu habender Abt habe die Sache unterdrücken wollen, da jedoch die fremden Baubrüder, besonders Ulrich von Strassburg, auf strenge Untersuchung gedrungen, sei die Sache durch Amadeus eigenes geständnis offenkundig geworden, und er habe ihn verurteilen müssen, als wahnsinnig eingemauert zu werden; seit ein paar Tagen sei er tot.

Der Propst gab Ulrich den Brief zum Lesen und sagte: "Gestehe mir Alles."

Ulrich kniete nieder und neigte demütig sein Haupt. "Ihr werdet mich eines Verbrechens zeihen," sagte er, "und mich beschuldigen, dass der Sohn den Vater in's Verderben gebracht; ich beging noch ein zweites Verbrechen: der Baubruder entzog der geistlichen Gerechtigkeit ein Opfer und dem Kloster einen Mönchich habe Amadeus zur Flucht geholfen!"

"Weh' Dir und ihm!" rief der Propst und verhüllte sein Gesicht.

"Ich bin bereit selbst das Opfer zu sein!" sagte Ulrich; "überliefert mich als einen Verbrecher dem geistlichen Gerichtlasst mich auch so still einmauern und von der Welt verschwinden; es erspart mir dann ein Leben der Schande, das vielleicht auf mich wartet."

Der Propst rang die hände, hatte Tränen in den Augen und seufzte: "Ach, warum musste ich so schwach sein, seiner Bitte nachzugeben und Dich hinsenden! Warum seinen Worten trauener versprach zu schweigen gegen Dich und gegen Alle.

"Klaget ihn nicht an!" sagte Ulrich; "ich will Euch Alles beichten, wie es kam, was ich gehört und was ich getan." Und er beichtete getreulich Alles, nur Konrad verriet er nicht, sondern sagte nur, dass ihm ein geistlicher Bruder beigestanden, den er nicht nennen werde und dem seine eigene Sicherheit gebiete für immer zu schweigen. "Und nun," schloss er, "richte ich an Euch die Frage: "ist meine Mutter Euere Schwester und lebt sie noch?

Der Propst schloss den jungen Mann in seine arme. "Ich bin Dein oheim," sagte er, "und liebe Dich vielleicht mehr als Dein Vater! aber ich wollte nie, dass Du ein geheimnis erfuhrest, dessen Entdeckung für Dich gefährlich werden kann. Aber ich hoffe, dass es dennoch bewahrt werdeDu wirst Dich nicht selbst verraten und unglücklich machen."

"Lebt meine Mutter noch?