bis zu den unterirdischen Gewölben. Ulrich trug ausser dem Kleiderpäckchen auch die Maurerkelle und Kalk bei sich, den er sich gleichfalls heimlich verschafft.
Konrad zündete am Ziele die Lampe an und rief: "Amadeus!"
Niemand antwortete.
"Amadeus!" rief Ulrich lauter.
Alles blieb stumm.
"O Gott, wenn wir zu spät kommen – wenn er tot ist!" wehklagte Ulrich. Mit starker Hand griff er in die Oeffnung und riss die nächsten Steine heraus. Es ging leicht – Amadeus musste sie von innen mit dem Meissel gelockert haben.
Bald war das Loch so gross, dass ein Mensch hindurch konnte. Ulrich griff mit der Hand hinein – und fuhr zurück; etwas Nasskaltes hatte sie berührt – eine Ratte war darüber gesprungen.
War es der Schrei, den er dabei ausstiess, oder das Geräusch der fallende Steine, oder die Berührung seiner Hand – jetzt begann Amadeus sich zu regen und zu röcheln. Ulrich beugte sich zu ihm hinein und flösste ihm Wein ein. Nach einer Weile kehrten die halbentschwundenen Lebensgeister zurück.
"Amadeus!" rief Ulrich, "wir kommen Dich zu befreien. Flüchte aus diesem Loch, aus dem Kloster – komm!"
Konrad und Ulrich reichten ihm die hände – sie zerrten ihn heraus.
Der Sohn hielt den Vater in den Armen.
"Ulrich!" rief dieser jetzt, "ich soll wieder leben?"
"Ja, Dein Ulrich ist nicht Dein Mörder, sondern Dein Befreier – aber eile! wir haben keine Zeit zu verlieren. Konrad geleitet Dich und beredet das Uebrige mit Dir – ich mauere indess Dein gefängnis wieder zu."
Konrad zog den halbbewusstlosen Amadeus zur Eile treibend mit sich fort. Indess mauerte Ulrich die aufgerissenen Steine wieder ein und harrte bei der Arbeit Konrad's Rückkehr.
Zwölftes Capitel
Rückkehr
Es war wieder still geworden in Nürnberg. Der Reichstag hatte diesmal nicht viel über einen monat gedauert. Da man das voraus sah, da nicht alle Stände berufen und auch die berufenen nur höchst unvollzählig erschienen waren, so war diesmal überhaupt das Zuströmen der Fremden geringer gewesen als sonst, und darum war so schnell wie der Schnee auch die Fremdenmenge geschmolzen und dann verschwunden, die sich eine Zeitlang durch Nürnbergs Strassen bewegt hatte.
Gerade an dem Tage, an welchem Kaiser Friedrich und König Max aus Nürnberg zogen, kehrten die Baubrüder zurück aus dem Kloster und begegneten noch dem Zug.
"Beinah' ist es," sagte Hieronymus, "als wären wir, gerade so lange der Reichstag währte, aus Nürnberg verbannt gewesen – vielleicht hätte sonst unser königlicher Baubruder von Dir noch einmal die Wahrheit zu hören bekommen!"
Ulrich schüttelte traurig den Kopf. So lange der alte Kaiser Friedrich noch lebt und des Reiches Haupt ist, der an nichts denkt als an die Vergrösserung der Hausmacht der Habsburger durch eine kleinliche und eigensüchtige Politik, die immer nur rechnet und speculirt, aber niemals offen handelt und entscheidet mit selbstbewusster Tat, noch weniger aber daran denkt, dass er das deutsche Reich zu einer Macht erheben sollte, sondern nur zusieht, wie Deutschland seiner Familienmacht zu Ansehen verhelfen könne: so lange sind auch Maximilian's hände gebunden. Seit fünf Jahren ist er nun römischer König und sieht sich die deutsche Kaiserwürde gesichert; er hat nicht nötig sich erst auszuzeichnen, um ihr Bewerber zu werden. Hätte er sie aber damals gleich mit empfangen, wo er zum römischen König gekrönt ward, und wäre damals gleich das Reich den alten energielosen Kaiser los geworden; so hätte Max wohl mit frischer ritterlicher Jugendkraft den Scepter ergriffen und eine neue Aera für Deutschland heraufgeführt. Aber er konnte nicht, wie er wollte – daran schon hat sich die feurige Jugendkraft gebrochen und in auswärtigen Händeln abgenutzt. Fast ist er fremd geworden im Reich, und es liegt ihm weniger am Herzen als das flandrische Erbe seiner Kinder. Nun hat er schon in die Politik des Vaters sich finden und fügen lernen, und Habsburgs Hausmacht ist auch seine Loosung. Ich fürchte, nun wird es zu spät, dass er die Hoffnungen rechtfertige, die man auf ihn setzen durfte."
Hieronymus stimmte bei, aber fügte doch hinzu: "So lang' er wenigstens die Kunst beschützt und ein rechtes Mitglied der freien Maurer bleibt, dürfen wir noch nicht an ihm verzweifeln. Vielleicht," lächelte er etwas hämisch, "hat auch die Scheurlin ihn wieder mehr für deutsche Art begeistert."
"Du scheinst jetzt immer mehr die Ansicht Deiner Mutter über die edle Frau zu teilen," sagte Ulrich, "obwohl Du einst der Erste warst, der sie mir als die schönste und gelehrteste Nürnbergerin zeigte. Doch, da wir einmal auf Deine Mutter kommen – grüsse sie von mir und sage ihr, wie ich ihr danke für alle Güte und Liebe, die sie mir erzeigt, so lange ich bei ihr wohnte, aber –"
"Du denkst doch nicht mehr daran, von mir zu ziehen?" sagte Hieronymus bestürzt, da inzwischen dieser Punkt gar nicht berührt worden war. "Die Judengeschichte hat sich indess ja auch erledigt."
Ulrich hatte nämlich im Kloster die Begegnung mit Ezechiel ihm erzählt, der gekommen sei, den Ring wieder zu fordern, den er auf diese Weise los geworden, ohne darum Rachel oder Elisabet mit in diese Erzählung zu verflechten, wie er auch Hieronymus nichts von Amadeus und seinen Beziehungen zu ihm vertraut. Hieronymus hatte nur etwas eifersüchtig gesehen, dass Ulrich und Konrad in einem vertraulichen