1859_Otto_159_116.txt

gekommen sein, um der Mörder meines Vaters zu werdenich muss sein Retter sein!"

"Still jetzt!" gebot Konrad.

So erreichten sie wieder Ulrich's Tür. "Sinn' auf Mittel, wie wir ihn rettenund habe Dank!" sagte er zu Konrad; "ich habe viel gehörtaber das Ende noch nicht!"

"Ich will sehen, was ich tun kannarmer Bruder!" sagte Konrad.

So schieden sie.

Der folgende Tag verging für Ulrich peinlich wie die Nächte. Konrad flüsterte ihm zu, dass es ihm erst am dritten Tage möglich sein werde ihm beizustehen.

Ulrich war wie im Fieber. Wenn sein Vater indess stürbe? – und wenn auch nicht, wie sollte der Plan der Rettung gelingen? Immer machte er einen neuen, und verwarf ihn wieder, weil irgend ein unüberwindliches Hinderniss oder ein Mangel dabei war. Gern wagte er sein Leben selbstwas war es ihm jetzt? vielleicht war es in Kurzem dem Schimpf und der Schande geweihtseine Tat selbst, ein Wort von Amadeus konnte verraten werden und ihn verraten! – Konrad hatte Recht: wenn Amadeus hier starb, so war mit ihm sein geheimnis vermauertdraussen, ein flüchtiger, von Kerker und Alter geschwächter Mann, konnte es mit ihm selbst leicht an den Tag kommen. Und war ihm denn dieser Mann, der seine Mutter unglücklich gemacht und den er nie gekannt hatte? Und war es denn wirklich seine, Ulrich's, Schuld, dass er hier für den Frevel litt, den er ja in der Tat begangen? Hatten nicht Hieronymus und Konrad gleich ihm die Untersuchung gefordert?

Der Versucher rief diese Frage in Ulrich auf; aber sein Gewissen und der Ruf der natur sprachen gleichzeitig: Hebe Dich weg! Lieber unschuldig leiden für eine fremde Schuld, als sich selbst vor äusserm Unglück schützen durch das Aufsichladen einer eigenen Schuld.

Eines Morgens meldete ihm der Pförtner, dass drüben im Oeconomiegebäude Leute wären, die nach Ulrich von Strassburg fragten. Mitten in der Nacht wären sie ganz erfroren angekommen und hätten um Obdach gebeten, das man ihnen auch nicht verweigertobwohl sie Juden wären, Vater und Sohn. Da sie gehört, dass er hier sei, hätten sie nach ihm verlangt.

Ulrich war zwar wenig erbaut von dieser Nachricht, die ihn in ein zweideutiges Licht setzte; aber er ging, denn er gedachte des Ringes, den er gefunden und an einer Schnur sich umgehangenja er erzählte gleich dem Pförtner ohne Weiteres, dass sie wahrscheinlich wüssten, dass er einen Ring gefunden, den die Juden vor seinem Haus verloren, und den er noch nicht abgegeben, weil auch er seiner Sache nicht gewiss sei.

Man hatte den Juden nicht in der allgemeinen Herbergsstube Quartier verstattet, sondern nur auf einem Heuboden.

Dort fand Ulrich den Vater Ezechiel und seinenSohn; aber in der Männertracht erkannte er Rachel.

Die Unterhaltung kam schnell zu stand. Nach Rachel's erster Frage nach dem Ringe liess er sich denselben von ihr beschreiben, und da die Beschreibung passte, lieferte er ihn sogleich aus.

Ezechiel war überglücklich und redete etwas von Finderlohn.

Ulrich wies das stolz zurück und wollte sich entfernenda fiel sein blick auf ein Bündel, das der Jude neben sich liegen hatte, dachte daran, wie derselbe immer einen Trödlerkram mit sich zu führen pflegteein Gedanke schoss plötzlich in ihm auf; aber ehe er ihn noch ausgesprochen, begann Ezechiel:

"Wir sind Euch verpflichtet zu gar so viel DankIhr solltet uns nicht halten für zu schlecht, ihn Euch abzutragen. Hab't Ihr nicht erraten, wen das E B bedeutet in dem Ring?"

"Darüber habe ich nicht nachgedacht," antwortete

Ulrich.

"Ei, was hiesse es denn anders, als Elisabet Be

haim?" schmunzelte der Jude. "Ich will ihr ihn wieder ausliefern und will sagen, dass Ihr ihn gefunden."

"Das ist nicht nötig," sagte Ulrich, und im Au

genblick mit ganz andern Dingen beschäftigt, fuhr er fort: "Hab't Ihr da nicht einen Mantel und ein Sammetbaret in Eurem Bündel? Wolltet Ihr es mir verkaufen, ohne Jemanden davon zu sagenso würde ich daran Euren Dank erkennen."

"O, Schweigen gehört zum Geschäft!" rief Ezechi

el.

Und Rachel fiel ihm in's Wort: "Von verkaufen ist

nicht die Rede: wählt Euch aus, was Ihr von den Sachen wünschetes ist Alles zu Eurem Dienst; aber Geld nehmen wir nimmer von Euch!"

"Nein, gewiss nicht!" murmelte der Vater.

Ulrich wählte ein Baret und einen langen schwar

zen Mantel aus, und bat Rachel, es ihm recht fest in ein weisses Leinentuch zusammen zu wickeln. Er liess sie ungewiss, ob er sie in der Verkleidung erkannte oder nicht. Sie willfahrte dienstfertig seinem Wunsch. Er gab ihr zum Danke die Handsie drückte sie erglühend und demütig an ihre Lippen; dann ging er.

Er eilte mit dem Päckchen in seine Zelle und ver

barg es unter das Stroh seines Lagers. Dann ging er an die Arbeit.

Konrad flüsterte ihm zu: "Heute Nacht!"

Er wusste genug; es war auch die höchste Zeitdenn morgen hatten die Baubrüder ihr Werk vollendet und sollten wieder zurückkehren.

Wie das erste Mal gingen Konrad und Ulrich stumm durch die Klosterhallen