dass man etwa vor einem halben Jahre eine weibliche Leiche im Rhein gefunden habe, und dass man glaube, es sei Ulrike gewesen, die sich, um der Schande zu entgehen, den Tod gegeben. Verzweiflungsvoll irrt' ich noch immer umher nach ihr fragend und suchend, aber nirgend erhielt ich eine andere Antwort. Ich entsann mich, dass sie einen Bruder Anton gehabt hatte, der Geistlicher war – ihn fand ich endlich in Worms, aber es ging ihm wie mir: er wusste auch nichts von seiner Schwester."
Ulrich hörte mit äusserster Spannung zu und sagte: "Meine Mutter war eine geborene Waise –"
"Höre weiter!" sagte Amadeus. "Jahre vergingen, und man sagt ja, dass die Zeit jeden Schmerz heilt. Ich heiratete ein ebenbürtiges Edelfräulein, das mich zärtlich liebte und das ich glücklich machte. Ich selbst war es wohl auch einige Zeit – aber das Umhertreiben in Kampf und Gefahr in allen Landen war mir lieber, als daheim auf meinem schloss zu sitzen bei Weib und Kind. So kam ich auch einst an der Spitze einer Schaar in das Elsass, und dort gab es bei einem dorf ein Gefecht, welches dasselbe ganz verwüstete. Wer kampffähig war, musste mitziehen, und die Frauen, die unsern Leuten gefielen, wurden auch nicht geschont. Da hört' ich den Namen Ulrike – in der dürftigen Tracht einer Bäuerin erkannt' ich die Geliebte meiner Jugend nach zehn Jahren der Trennung wieder und sie erkannte mich. Die Zeit und Alles, was inzwischen geschehen, versank vor uns – wir hatten Beide einander für tot beweint – wir lebten und hatten uns wieder! So wunderbar zusammengeführt, gehörten wir einander an. Ich erfuhr von ihr, dass ihr ein halbes Jahr nach der Trennung von mir die Kunde gekommen, dass ich im Kampf geblieben sei, und dass sie verzweiflungsvoll von ihren gegen sie wütenden Verwandten in die weite Welt geflohen sei – um den Tod zu finden. Wohl war ihr oft die Versuchung gekommen, Hand an sich selbst zu legen, aber gerade um ihrer Mutterschaft Willen hatte sie ihr widerstanden. So war sie immer rheinab gepilgert, arbeitend oder bettelnd, je nachdem es gekommen. In einem Stall, auf einem Meierhof im Elsass, wo man sie mitleidig aufgenommen, hatte sie einen Knaben geboren. Dort durfte sie eine Zeitlang bleiben, und so viel es ihre Kräfte erlaubten, mitarbeiten. Ein Bauernbursche, der auch hier arbeitete, fand Wohlgefallen an ihr; in seiner Heimat hatte er eben ein kleines Grundstück geerbt, und da er es ohne Frau nicht bewirtschaften konnte, so fragte er die fleissige Ulrike, ob sie mit ihm ziehen wolle, sie wollten sich hier trauen lassen und er ihr Kind als das seine anerkennen – in seinem dorf wisse man viel, ob sie schon ein Jahr verheiratet wären oder nicht. Musste sie es nicht als ein Glück betrachten, so sich vor Schande bewahrt und die Zukunft ihres Knaben gesichert zu sehen? Freilich war es ein grosser Schritt abwärts aus dem höheren Bürgerstande, dem sie angehört, zu der niedern Frau des rohen Bauers, die sie nun ward. Aber sie fühlte sich ausgestossen aus der menschlichen Gesellschaft – sie musste froh sein, wenn sie in dieser untersten Stufe ihr wieder angehören konnte. Sie wollte auch tot und vergessen sein für Alle, die sie sonst gekannt – so war sie dessen am gewissesten, und alles Leid, das ihr nun das Leben noch zu bieten wagte, das betrachtete sie als Strafe und Busse für ihren Fehltritt. Glücklich war sie keinen Augenblick gewesen, ausser durch ihr Kind, das ihr einziges blieb. Ihr Mann hatte sie später viel misshandelt und gepeinigt. So bekannte sie mir – so fanden wir uns in der alten Liebe. Es war leicht, sie von ihrem Peiniger zu befreien; gegen hohen Sold ging er mit uns – er willigte darein, sich von Ulriken zu scheiden und nie wieder in das Elsass zurückzukehren."
Amadeus holte tief Atmen, Ulrich fasste seine Hand und sagte: "So seid Ihr mein Vater!"
"Wenn das die geschichte Deiner Mutter ist," sagte Amadeus, "nur das wusst' ich nicht gewiss –"
"O es trifft Alles," sagte Ulrich, "bis auf jenen Namen."
"Sie hatte ihren Geschlechtsnamen verändert, auch ihr Mann hat nie ihren wahren erfahren, und den meinigen nicht eher, als bei meiner Rückkehr, da ich sie von ihm forderte – kaufte."
"Weiter – was ward weiter?" bat Ulrich.
Jetzt kam Konrad, blies die Lampe aus und sagte: "Man kommt, wir müssen fort."
Ulrich warf seinen Meissel durch die Oeffnung und sagte: "Der Sohn muss den Vater befreien! Hier – meissele von innen die Steine locker – in ein paar Nächten komme ich zurück und befreie Dich."
"Fort, fort!" drängte Konrad.
So schnell es in der Dunkelheit und bei den verwikkelten Wegen ging, eilten die Beiden zurück.
"Nun weisst Du es, dass Dein Geschick das meinige ist!" sagte Ulrich leise zu ihm.
"O hättest Du es doch nie erfahren!" jammerte Konrad, "hätte ich Dich doch nicht hierher geführt und Amadeus wäre damit gestorben."
"Nein, er darf hier nicht sterben und verderben!" rief Ulrich, "und wenn es dadurch gleich die ganze Welt erführe und alle Schmach mich träfe: ich kann nicht hierher