nötig zu machen – darum zertrümmerte ich das zierlichste Werk in der Kirche! aber das sage ich nur Dir für ihn – die Andern mögen immerhin glauben, dass, was ich klug berechnet, eine Tat des Wahnsinnes und blinder Wut gewesen! Bring' ihm meinen Gruss und meinen Segen." "Geb't ihn ihm selbst – hier ist er!" antwortete Konrad, und indem er sich von der Oeffnung zurückzog, neigte sich Ulrich an diese Stelle.
"Amadeus!" sagte er in tiefster Seele bewegt, "ich habe Euere Worte vernommen – die eigene Unruhe und Angst trieben mich hierher – ich wäre längst gekommen, wenn es möglich gewesen wäre!" Er neigte sein Haupt durch die Oeffnung, der Schein der Lampe fiel voll auf sein edles Antlitz.
Amadeus presste dieses Haupt zwischen seine beiden hände und starrte auf Ulrich. "Habe Dank, dass Du kommst – ich wollte Dich nur einmal sehen und meine Hand segnend auf Deinen Scheitel legen. Beim ersten Sehen, da Du meinen Rosenkranz zerrissest, floh ich vor Dir, weil Du Ulriken glichest – mir war, als habe ich ihr Gespenst gesehen. Seitdem konnte' ich keine Ruhe finden – alle Schmerzen und Wünsche, die ich seit länger als einem Jahrzehent mit mir selbst in diesen Mauern begraben wähnte, wachten in mir auf; damals war ich allerdings wie wahnsinnig – ich wütete gegen mich selbst und das Kleid, das ich trug – dann geisselte ich mich selbst und liess mich geisseln, bis ich ein hitziges Fieber bekam und still ward – und dann hiess es, ich habe Busse getan und sei genesen und wieder begnadigt!"
"Ihr kanntet meine Mutter?" unterbrach ihn Ulrich.
"Ob ich sie kannte?" rief Amadeus; "so Zug für Zug lebt ihr Bild in meinem Herzen, dass ich an ihm Dich erkannte! Wenn sie noch lebt, so sage ihr –"
"O Gott!" rief Ulrich, "ich weiss nichts von ihr, von dem Augenblick an, wo unser Heimatdorf im Elsass verwüstet ward, indess ich im Kloster eine Zuflucht gefunden – sag't mir, was Ihr von ihr wisst!"
"Es ist doch besser, ich nehme das geheimnis mit in das Grab," sagte Amadeus nach einigem Besinnen; "oder vielmehr ich behalte es darin – ich bin schon im grab! – Ulrich, wenn es sich Dir jemals entschleiert, so mache Dir dennoch keinen Vorwurf, dass Du mich in dies Grab gebracht; es ist eine Sühne für meine Schuld und Rache für Deine Mutter; Du warst berufen dies Amt zu vollstrecken – ich will meine Hand segnend auf Dein Haupt legen. Du hast es nun schon gehört, dass es nicht gemeine Bestialität meiner natur war, die mich den Frevel an dem Heiligtum begehen hiess, für den Du so entsetzlich strafende Worte hattest, dass ich erst in diesem Augenblick, da Du sie sprachst, fühlte, ich habe wirklich eine Schandtat begangen. Es war ein Frevel und eine Verirrung – aber in dem Augenblick einer ungezügelten sehnsucht überlegt man weiter nichts, als dass man das Mittel wählt, was sie am sichersten zu befriedigen verspricht. Ich erreichte meinen Zweck, ich durfte gegen Nürnberg zum Propst Anton Kress gehen und Dich von ihm zur Arbeit erbitten – es ahnte mir nicht, dass ich damit einen doppelten erreichen würde: dass Du das langersehnte Ende meines Lebens herbeiführen werdest!"
Ulrich antwortete: "Amadeus! hier hört uns Niemand, Konrad's Verschwiegenheit bin ich sicher; wahrscheinlich versteht er uns nicht einmal – er steht dort fern, um zu wachen, dass uns Niemand entdeckt – ich weiss von dem, was Ihr mir nun verschweigen wollt, zu viel, um die Ruhe finden zu können, die Ihr vielleicht denkt mir durch Euer Schweigen zu bewahren, und wieder zu wenig, um in irgend einer Gewissheit gegen das Quälende meiner Ahnungen einen Trost zu finden – was wisst Ihr von meiner Mutter? warum nehm't Ihr Anteil an mir?"
"Weil ich glaube, dass Du mein Sohn bist!" rief Amadeus; "nun weisst Du es!" fügte er erschöpft hinzu.
Ulrich zuckte zusammen und unterdrückte mühsam einen Schrei. Nun m ü ss t Ihr Alles sagen," sagte er tonlos.
"Vor achtundzwanzig Jahren," sagte Amadeus, "war Amadeus von Wildenfels ein stolzer feuriger Ritter, als er bei einem Reichstag in Kostnitz die liebreizende Ulrike Kress kennen lernte, die dort als eine alleinstehende Verwandte in der Familie lebte, in deren Haus er wohnte. Ein Vierteljahr hatten sie sich täglich gesehen und mehr und mehr geliebt; obwohl der Ritter wusste, dass die Seinigen einer Verbindung mit einer Bürgerlichen entgegen sein würden, so verlobte er sich doch mit ihr und versprach, sobald er aus dem Kampf, in den er eben mitziehen musste, heimkehren werde, sie zum Altar zu führen. Aber in der Aufregung der Trennungsstunde nahmen sie das dann verheissene Glück voraus. – Ein Jahr verging, ehe der Ritter zurückkehren konnte. Er fand Ulrike, die eine Waise war, nicht mehr in Kostnitz; von der Familie, bei welcher sie gewohnt, erfuhr er nur, dass sie vor einem halben Jahr dieselbe verlassen habe, und dass man ihr auch nie wieder die Aufnahme in sie gestatten werde, weil sie sich derselben unwert gemacht. – Ueberall forschte ich vergeblich nach ihr; von einem gemeinschaftlichen Bekannten hörte ich einmal,