1859_Otto_159_113.txt

nach, obwohl Beide mit blossen Füssen wandelten, weite Hallen zu sein, bald waren es enge Gänge und Biegungen, wo sie an den Seiten die Wände streiften. Konrad hatte recht: es war ein weiter, endlos scheinender Weg. Dann stiegen sie eine Treppe hinab, und daran schloss sich wieder ein enger gang, noch schmaler als jeder frühereeine kellerartige Luft voll Dumpfheit und Moder herrschte hier.

"Jetzt können wir Licht machen!" sagte Konrad, nachdem er eine Eisentür aufgeschlossen und wieder hinter sich zugemacht hatte; "wenn nur der Zunder fängt in der feuchten Luft."

"Sind wir am Ziel?" fragte Ulrich.

"Wir haben nicht mehr weithier können wir auch sprechen, da hört uns Niemand. Hast Du die Uhr im kopf? Länger als eine Stunde können wir uns nicht verweilen," sagte Konrad, indem er den Stahl an den Feuerstein schlug.

"Wie hast Du es heute möglich gemacht mich hierher zu führen?" sagte Ulrich; "oder warum nicht schon früherkein Mensch ist uns begegnet."

"Sieh," sagte Konrad, "das hab' ich ausgekundschaftet: dort hinter jener tür führt ein unterirdischer gang bis in eine Kapelle, die am Waldessaume steht; der Weg ist gegraben worden, um für den Fall einer Belagerung oder eines Ueberfalles hier einen Ausgangspunkt zu haben; aber freilich wird er oft auch benutzt, wenn Einer der Obern sich einmal ohne erlaubnis auf ein paar Stunden aus dem Kloster entfernen will. Da ich heraus bekam, dass dies Einer heute beabsichtigte, und weiss, dass die Tür nur von innen geöffnet werden kann und dann offen bleiben muss, so wusste ich, dass der Weg uns frei sein würde; aber wir dürfen nicht lange säumenJener ist schon ein paar Stunden fort und man weiss nicht, wann er zurückkommtich konnte nicht eher unbemerkt aus meiner Zelle."

"Aber wo hast Du den Schlüssel her zu Amadeus gefängnis?" fragte Ulrich.

"Schlüssel?" sagte Konrad verwundert; "den gibt es nichter ist eingemauert."

"Eingemauert?" rief Ulrich; "wir können nicht zu ihm?"

Konrad's Zunder hatte endlich gefangen, indess lange alle Funken aus dem Stahl vergeblich hervorgesprungen waren. Jetzt zündete er damit ein kleines Lämpchen an, das er in einer Art Blechlaterne unter seiner Kutte verborgen bei sich getragen. Während er noch den Zunder anblies, konnte er nicht antworten; der glimmende Docht warf einen blendenden Schein auf Ulrich's todtbleich gewordenes Gesicht.

"Ich meinte, ich hätte Dir das gesagt," antwortete Konrad jetzt dem Entsetzten. "Es ist hier eine Reihe solcher Katakomben. Wenn eine spätere Zeit diese Löcher öffnet und Menschengebeine darin findet, wird sie meinen, es seien hier Todtengrüfte gewesennun, es sind auch welche, aber für die lebendig Begrabenen. – Weil Amadeus sein Verbrechen als Wahnsinniger büsst, so hat man ihn nicht zum tod verurteilt. Man hat ihn nur hier eingemauert, aber ein Loch in der Mauer gelassen, durch das man ihm täglich wasser und Brod hereinschiebt und Gebete vorspricht."

"Das ist grässlich!" rief Ulrich; "da wäre ja der Tod eine mildere Strafe!"

"Ich glaube, er wird bei ihm nicht lange auf sich warten lassenindess so lang' er noch lebt, wird er nach einer Labe schmachten; ich konnte es nicht über's Herz bringen, hierher zu gehen, ohne sie ihm zu bietenwarte, lass mich erst allein zu ihmich glaube, hier ist das Loch."

Er leuchtete an der Wand hin, wo man frischgemauerte Steine sah; ungefähr eine Elle vom Erdboden entfernt war zwischen den Steinen ein Raum von etwa einer halben Elle ein Quadrat gelassen. Konrad brachte die Lampe dahin und rief: "Amadeus!"

"Lichtwer kommt?" rief von innen eine heisere stimme; "ist denn schon wieder ein Tag vorbei?"

"Nein," antwortete Konrad; "sieh herich bin Konrad, den Mitleid zu Dir treibthier ist einmal Wein statt wasser!" Er schob eine tönerne Flasche durch die Oeffnung und sagte: "Da nimm und trink'!"

"Dank!" rief es von innen und man hörte gierig schlucken. Dann rief Amadeus: "Gott, was hast Du getan! wozu hab' ich mich verführen lassen! – Verhungern will ich, damit dies grässliche Leben ende! und nun wird es noch länger währendas vergass ich über das tierische Bedürfniss. Aber habe Dank, dass Du kamstmit Dir kann ich redensind die Baubrüder noch im Kloster?" "Ja," antwortete Konrad, "und Ulrich von Strassburg ist in Verzweiflung über Dein los, weil er meint Deine Tat an das Licht gebracht zu haben." "In Verzweiflung?" fragte Amadeus. "Sage ihm, dass ich ihm vergebenaber dass ich nicht wahnsinnig bin. Nicht wahr, Du bist auch ein Baubruder gewesen?" "Ja darum bin ich sein Bruder," antwortete Konrad. "Nun, dann sage ihm alleinaber Niemanden Andern, dass ich den Frevel mit Wohlbedacht beging; ich wünschte Ulrich einmal zu sehen und zu sprechenund damit er in's Kloster selbst beschieden würde, schien es mir zweckmässig, eine Arbeit für den geschicktesten Baubruder