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beschrieb sie ihn nur für den Fall, dass ihn etwa später noch Jemand zum Verkauf böte.

Dann ging sie auch in die Winklerstrasse zum Goldschmied Albrecht Dürer. Er war nicht allein. Sein alter Freund, der Harfenschläger und Mechaniker Hans Frei, war bei ihm, so wie der Junker Willibald Pirkheimer. Vater Dürer hatte gestern einen Brief von seinem Sohn Albrecht erhalten, der nun seit länger als einem Jahre in Calmar lebte, wo er den berühmten Maler Martin Schöngauer zwar nicht mehr am Leben gefunden hatte, aber von dessen Brüdern Schön (Schöngauer war nur der angenommene Künstlername des Malers) herzlich aufgenommen worden war. Jetzt wollte er seinen Wanderstab weiter setzen und in deutschen Landen lernen, um in ein paar Jahren wieder nach Nürnberg zurückzukehren. Ein Brief des Lieblingssohnes war immer ein Ereigniss in dem Leben des Vaters Dürer von grösster Wichtigkeit und Freude, und um diese mit Andern zu teilen, von denen er wusste, dass sie den Jüngling eben so herzlich liebten, hatte er Frei und Willibald zu sich rufen lassen, damit sie auch mit von Albrecht hörten. Willibald war der geeignetste Vorleser für die Worte der ihm wohlbekannten Freundeshand.

Die drei sahen nicht eben freundlich auf, als durch den Eintritt des Judenmädchens eine Störung in ihre Vorlesung kam. Kurz beantwortete Meister Dürer ihre Frage nach dem Ringe mit Nein.

Dennoch zögerte Rachel zu gehen; sie hatte vorhin Willibald von dem alten Frei Junker Pirkheimer nennen hören, und besann sich, dass sie ihn früher in Ulrich's Gesellschaft gesehenwer weiss, wusste nicht dieser, was ihn in's Kloster getrieben, denn sie selbst wusste nicht, dass Willibald inzwischen von Nürnberg entfernt gewesen. Sie fasste sich darum ein Herz und sagte sich an ihn wendend:

"Verzeiht, Junker Pirkheimer, aber mich dünkt, dass Ihr mit dem Baubruder Ulrich von Strassburg bekannt seid; er hat uns in grosser Gefahr beigestanden, und mein Vater möchte ihm gern einen teil seiner Dankesschuld bezahlen; er ist jetzt nicht in Nürnberg, und wir wüssten gern, ob und wann er wieder hierher zurückkehrt."

Willibald mass das Mädchen mit verwunderten Blickeneinmal, dass die Jüdin es überhaupt wagte, ihn anzureden, und dann, dass sie nach einem Baubruder fragte. Er antwortete kurz: "Wann er wieder zurückkommt, weiss ich nicht. Jetzt ist er wohl noch auf Arbeit im Benediktinerkloster zum heiligen Kreuz, in das er mit seinem Kameraden berufen ward."

Rachel wusste genug, dankte und ging. Mit dieser Nachricht kam sie heim. Ihr Herz war leicht, denn Ulrich war nicht in's Kloster gegangen, um Mönch zu werden! Ihrem Vater brachte sie die gewisse Kunde, wo er war und dass er später, aber wohl noch nicht gleich zurückkehren werde.

"Wir haben keine Zeit zu verlieren," sagte er, "wir müssen in's Klosterdie Baubrüder müssen uns Rede stehen, ob sie nicht gefunden den Ring; wenn sie nicht gutwillig Rede stehen, muss es versucht werden mit List und Drohung.

Rachel's Augen strahlten von der Hoffnung Ulrich wiederzusehen. Zuversichtlich sagte sie: "Mit Drohung richtet Ihr bei dem nichts auslasst mich ihn bitten, und er wird uns den Ring geben, wenn er ihn gefunden, oder wenn ihn Jemand sonst im haus hat, versuchen, uns dazu zu verhelfen."

Elftes Capitel

Vater und Sohn

Wieder waren mehrere Tage nach jener nächtlichen Unterredung zwischen Ulrich und Konrad vergangen, und die Wiederherstellung des Tabernakels beinahe vollendet, als der Novize zu dem Baubruder sagte:

"Diese Nacht wird es möglich sein. Warte um Mitternacht vor Deiner Türich hole Dich ab sobald ich kann."

Schon lange vor dieser Zeit, sobald Ulrich merkte, dass Hieronymus fest schlief, der einen gesunden festen Schlaf hatte und nicht eher aufwachte, bis zur gewohnten Stunde zum Aufstehen, wenn er nicht mit Gewalt geweckt ward, stand er vor seiner Zellentür. Heute schien der Mond nicht mehr, es war ganz still und finster im Kloster.

TodtenstilleFinsterniss und Kältees war eine schaurige Nacht!

In Ulrich nur pochte es laut und heiss von den Schlägen seines Herzens, wenn auch kalte Schauer ihn überrieseltenund die Finsterniss, die über seinem Leben lag, drohte ein schreckliches Licht zu erhellen, das vielleicht zur Brandfackel werden konnte, all' seine Zukunftspläne und Hoffnungen zu verzehren! War es kein Frevel, dass er selbst die Hand danach ausstreckte und nach den Funken dieses schrecklichen Lichtes begehrte?

Er fühlte, er konnte und durfte nicht anders handeln.

Endlich kamen ganz leise Tritte; er rührte sich nicht, bis eine leise stimme rief: "Ulrich, komm! Wo ist Deine Hand?"

"Konrad, hier!" antwortete Ulrich eben so leise und reichte ihm die Hand.

"Ich muss Dich führen," flüsterte jener; "wir haben einen weiten Weg, aber sprich nicht und halte Dich nur an mich. Tappe nicht an den Wänden, Du könntest Türen streifen, hinter denen man nicht fest schliefe; es wäre schlimm für uns Beide, wenn man uns entdeckte."

"Du wagst so viel um meinetwillen!" seufzte Ulrich.

"Wir sind Baubrüder!" antwortete Konrad; "ich halte fest an dem Gelübde von einst! – Aber nun still, keinen laut mehr!"

So wandelten sie schweigend weiter durch die finstern Gewölbe. Bald schienen es, dem Hall der Fusstritte