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sie das Judenmädchen erkannte, stiess sie einen Schrei des Abscheues aus, dem bald die schrecklichsten Schimpfreden folgten.

"Verzeiht!" entgegnete Rachel zitternd; "ich wollte nur nach einem Ring fragen, den ich vorgestern hier verloren."

"Das ist eine elende Finte!" rief Marta; "Du gemeine, freche Dirne! ich müsste nicht wissen, warum Du kommst! Aber Du kamst auf alle Fälle umsonst, denn beide Baubrüder sind weder hier, noch in Nürnberg, sondern heute in's Kloster zum heiligen Kreuz gegangen; dort wird Ulrich von Strassburg dafür Busse tun, dass er sich mit Dir eingelassen und Schimpf und Schande über dies Haus gebrachtnie wird er wieder hierher zurückkehren. Nun weisst Du wohl genugmache, dass Du fortkommst, Du schändlicher Balg!"

"O Gott!" rief Rachel; "Euer Schimpf trifft mich unverdientich kam um den kostbaren Ring –"

"Spare Deine Lügen, mir machst Du nichts weiss!" eiferte die Alte, "und wenn es wahr wäre, so lass Dir gesagt sein, dass Niemand von uns einen Ring aufheben wird, den Du verlorenwir haben weder Verlangen nach Hexengold, noch nach Sündenlohn. Unterstehst Du Dich wieder zu kommen, so lass' ich Dich vom Meister hinauswerfen und auf die Büttelei schaffenheute will ich's noch selber tun!" Sie riss das Mädchen am arme, gab ihr von hinten einen Fusstritt. der sie einige Stufen der Stiege hinabschleuderte, und spie nach ihr.

So ward Rachel vertrieben.

Das war das Resultat einer Stunde, die sie mit grossen Schwierigkeiten erkauft und auf die sie ganz andere Hoffnungen gesetzt hatte. Die Behandlung, die sie erfahren, erregte ihren ganzen Zorn und alle Bitterkeit und Verzweiflung, über das los voll Schimpf und Qual, dem sie durch ihr ganzes Volk verfallen war, drohte ihr Herz zu zersprengen: dazu kam der Schmerz, dass sie Ulrich nicht wiedergesehen, ihn nie wiedersehen werde, wenn er wirklich in's Kloster gegangen, um ein Mönch zu werden, wie sie denken mussteund dazu kam noch ein anderer unklarer Gedanke, indem hinter einem tiefen Weh doch eine heimliche Freude lauerte: war er in's Kloster gegangenum ihretwillen? um zu büssenoder um sich zu bewahren? – Und diese fragen verscheuchte wieder die Angst: was der Vater sagen werde, wenn sie gestehen musste, dass der Ring verloren.

So waren die verschiedensten Empfindungen in ihr aufgeregt und alle waren sie quälender Art. Da hörte sie, nachdem Benjamin Erkundigungen nach dem Vater eingezogen, dass er zu zwei Wochen gefängnis bei wasser und Brod im finstern Keller und zu einer grossen Geldbusse verurteilt sei wegen nächtlicher Betretung eines um diese Stunde den Juden verbotenen Stadtteils und Beteiligung am nächtlichen Unfug. natürlich war das nur bittere Nachricht für die Kinder, die an dem Vater hingen, und doppelt, weil sie wussten, wie viel er schon unter dem nächtlichen Unfug gelitten und wie wenig er ihn selbst verschuldet. Aber sie waren es schon gewohnt, dass da, wo Juden und Christen zusammen gekommen waren, allemal gegen die Juden entschieden ward, auch wenn das Recht auf ihrer Seite sonnenklar gewesen.

Inzwischen kam die alte Jacobea mehrmals und fragte nach Ezechiel. Rachel hasste die Alte, von der sie wusste, dass sie sich immer nur zu bösen Anschlägen gebrauchen liess, und suchte sie immer kurz mit dem Bemerken abzuweisen, dass ihr Vater wohl noch lange im Gefängnisse schmachten müsse; wenn er frei sei, möge er selbst zu ihr kommen, wenn sie Nötiges mit ihm zu reden habe.

Die Alte, welche dem Mädchen misstraute, ging trotzig fort, und kam dennoch wieder gleich am Tage nach Ezechiel's Freilassung. Rachel hatte nichts von ihr gesagt. Jacobea sagte ihm dies als neuen Beweis, dass seiner Tochter nicht zu trauen seiund drang darum in ihn, mit ihr unter vier Augen zu sprechen und Rachel nicht erfahren zu lassen, was sie jetzt verhandelten.

Dann sagte sie ihm, dass der Ritter von Streitberg bei seinem jetzigen Herritt nach Nürnberg demselben Baubruder, Ulrich von Strassburg, begegnet sei, den er gehofft habe im Kampf um die Frau Scheurl ermordet zu haben. Oder vielmehr, er nannte uns Lügner, die wir ihm die Nachricht von seinem tod gebracht hatten, den wir damals doch wirklich glaubten, oder dann doch wenigstens hofften, dass er an den Wunden auf dem langen Krankenlager sterben, oder doch wenigstens zeitlebens ein Krüppel bleiben werde. Zweimal also hatte er ihn als seinen Beleidiger und als den Beschützer der Scheurl getroffenund jetzt war dieser kaum seiner ansichtig geworden, als er auch schon dem Junker Pirkheimer einen Auftrag an sie gegeben, der es deutlich verraten habe, dass sie in genauen Beziehungen zu einander ständen. Und da ich eingestehen musste, dass es uns voriges Jahr noch nicht gelungen, einen Makel auf seine Geburt und seine Mutter zu werfen, so hat er nun einen neuen Racheplan ausgedacht, Beide zusammen zu verderben: dem Paare gelegenheit zu heimlichen und verbrecherischen Zusammenkünften zu geben, und sie da Beide der Rache des Gatten und der öffentlichen Schande preiszugeben, die für sie doppelt gross ist, mit einem Steinmetzgesellen sich eingelassen zu habenihn aber träfe harte Strafe und wahrscheinlich Ausstossung aus der Bauhütte.

Ezechiel schüttelte den Kopf und meinte, dass dies eine Sache sei, die gar nicht in sein Geschäft schlage, mit der er