Vergebung bitten" – sagte Ulrich; "er wollte mir etwas sagen vorgestern Morgen, als man ihn abrief – ich muss es wissen."
"Vielleicht kann es morgen Nacht geschehen – verlass Deine Zelle um Mitternacht, ich will Dich an Deiner Tür abholen, wenn es mir möglich wird, Dich in das unterirdische gefängnis zu führen."
So trennten sie sich, noch aufgeregter als wie sie gekommen.
Zehntes Capitel
Die Juden
Der Jude Ezechiel, der an dem Abend, wo eine Schaar von einer Zeche heimkehrender Handwerksgesellen ihn überfallen und gehänselt und die Baubrüder ihn beschützt hatten, von der Stadtwache mitgenommen und eingesperrt worden war, musste mehrere Tage zur Strafe für seinen gang durch die Stadt zu einer den Juden nicht vergönnten Stunde in einem düstern Loche zubringen, ohne dass sich weiter Jemand um ihn kümmerte.
Es war nicht das erste Mal in seinem Leben, und was ihn dabei jammerte, war nicht sowohl die Haft und der grässliche Aufentalt, als die Zeit, die er dabei für sein Geschäft verlor, und die Voraussicht auf die Schuldbusse, die er für sein Betreten des verbotenen Stadtteils zahlen musste, ganz abgesehen davon, dass er schon auf der Gasse von den Gesellen so gut wie ausgeplündert worden war, und was er von seinen Waaren noch selbst zusammengerafft, das hatte er dennoch nicht gerettet: denn was die Stadtsoldaten und Gefängnisswachen davon für sich verlangten, das musste er ihnen geben, damit sie nur nicht gar zu unglimpflich gegen ihn verfuhren. Ein Trost war es ihm, dass Rachel entkommen und nicht mit ihm eingefangen war; das hübsche Mädchen wäre in diesen Händen wahrscheinlich einer rohen und schimpflichen Behandlung ausgesetzt gewesen. Aber worin dabei die Hauptfreude des Juden bestand, war, dass auf diese Weise doch der kostbarste Gegenstand, den der letzte Handelsgang in seinen Besitz gebracht, gerettet war: ein Ring von Gold mit einem ganzen Kranz herrlicher Edelsteine besetzt, den er seiner Tochter anstecken liess, um ihn so unter deren wollenen Faustandschuhen am sichersten zu wahren. Von dem Ritter von Streitberg, der wieder auf Weispriach's schloss eingekehrt war, ehe er nach Nürnberg kam, hatte er diesen Ring zum Pfand gegen Darleihung einer ziemlich grossen Geldsumme erhalten, die der Ritter bedurfte, um standesgemäss zur Zeit des Reichstags in Nürnberg zu erscheinen. Aber es sollte nur ein Pfand sein, das der Ritter versprochen in vier Wochen wieder einzulösen; bis dahin hoffte er das Geld zu erhalten – wenn nicht durch seine rechtmässigen Einkünfte: durch Strassenraub oder Glücksspiel, denn in dem damals noch nicht lange aufgekommenen Kartenspiel, das, ursprünglich als ein Kriegsspiel, eine beispiellos schnelle Verbreitung fand, wie denn in Nürnberg es bald eine ganze Zunft von Kartenmachern und Malern gab. Der Jude aber hatte schon oft erfahren, dass die Verfallzeit solcher Pfänder kam, ehe sie eingelös't waren, und dass auf diese Weise sich die besten Geschäfte machen liessen. Er hatte dieselbe Hoffnung auch in diesem Falle.
Indess war Rachel in derselben Nacht, in der Ulrich sie beschützt hatte, durch die finstersten Gässlein sich schleichend, wohlbehalten in ihre wohnung gekommen, in der ihr Bruder Benjamin zurückgeblieben. Nicht ohne Mühe hatte sie den Schlafenden erweckt, der nun in dieser Winternacht die Seinen nicht mehr erwartet hatte.
Sie erzählte ihm, was vorgefallen. Der Bruder wunderte sich höchlich, dass sie christliche Beschützer gefunden und noch dazu hochmütige Baubrüder, die da vollends meinten, wie er sich ausdrückte, aus ganz anderem besonderen Teige geschaffen zu sein, denn andere Menschenkinder. Rachel sagte ihm aber nicht die Namen derselben, noch dass sie schon seit früher sie kenne – alles, was sie hierauf bezog, war und blieb ihr geheimnis. – So wenig wie sie, so wenig wusste Benjamin einen Rat für den Vater; da er weiter nichts verbrochen, so hofften sie, dass man ihn nach einigen Tagen wieder entlassen werde, und dass ihnen nichts übrig bliebe, als ruhig auf ihn zu warten.
Erst am Morgen, da sich Rachel auf die Ereignisse der Nacht wieder besann, entdeckte sie mit Schrecken den Verlust des köstlichen Ringes, dessen sorgfältige Bewahrung ihr der Vater auf die Seele gebunden. Vergeblich suchte sie in ihrer wohnung überall danach, wo sie ihre Sachen abgelegt. Hier war er nicht. Unterwegs konnte sie ihn nicht verloren haben, da sie die Handschuhe darüber getragen. Sie besann sich, dass sie diese in der Behausung der Baubrüder ausgezogen und erst an der Haustür wieder an. Dort nur konnte er sein. Was blieb ihr anders übrig, als dort danach zu suchen, zu fragen?
Aber sie durfte sich nicht am Tage dahin wagen, auch hatte sie nicht den Mut, Jemand anders als Ulrich danach zu fragen, und darum musste sie die Stunde des Feierabends abwarten. Indess war es ihr unmöglich den ersten Tag auszugehen, sie fürchtete ihrem Bruder von dem Verlust zu sagen, und ohne genügenden Grund zum Ausgang liess er sie nicht fort; es kamen auch immer Leute, die es verhinderten, Judennachbaren und die ganze Sippe, die sich teilnehmend und wehklagend nach Ezechiel erkundigten. Endlich am zweiten Abend, wo Benjamin auch ausgegangen, konnte Rachel sich fortschleichen.
Aber als sie glücklich das Haus des Rädleinmachers Sebald erreicht und sich im Finstern die Treppe hinaufgeschlichen hatte, nun an der Tür lauschte, die zu den Baubrüdern führte, ob sie dieselben darin sprechen höre und ob sie allein seien – kam Frau Marta aus der entgegengesetzten Tür, einen brennenden Kienspan in der Hand. Als