wichen alle Dämonen und alle Qualen – sein Herz ward gross und ruhig.
Er wusste nicht, ob das Bilder waren einer wachen, zum Fieber erhitzten Phantasie, eines von mannigfachen Eindrücken geängsteten Gemütes, oder eines Traumes, der seinen Schlaf beunruhigt – er ward sich nur bewusst, dass von alledem Elisabet's Bild der letzte und bleibende Eindruck gewesen – der Gedanke an sie war ihm durch die Begegnung mit Streitberg gekommen – und er hing ihm noch nach, um eine Weile Amadeus und seine Worte zu vergessen.
Am folgenden Morgen wohnten die Baubrüder der gemeinschaftlichen Messe mit bei, dann gingen sie still an ihre Arbeit. So verging eine Woche eintönig und ohne Unterbrechung. Amadeus sahen sie nicht, mit Niemand sprachen sie, nur mit Konrad wechselten sie zuweilen einige Worte.
Eines Tages gegen Mittag berief man sie in's Conclave.
Sie fanden alle Klosterbrüder versammelt. Der Abt sass in der Mitte vor einem schwarzbeschlagenen Eichentisch, auf dem sich Schreibgerät und Aktenstükke befanden. Zwei Mönche sassen daran ihm zur Seite, die andern standen.
Als Alle versammelt waren, erhob sich der Abt und sagte: "Ich habe Euch Alle in einer traurigen Angelegenheit berufen müssen. Ein schweres Verbrechen ist in unsern Mauern, in unserer Kirche verübt worden; einer unserer Brüder hat es im Wahnsinn begangen. Höret die Mitteilung." Er winkte dem beisitzenden Mönch, und dieser las nach einer salbungsreichen Einleitung.
"Am ersten Tage des Hornung hatte der Bruder Amadeus die Nachtwache in der Kirche. Nach Mitternacht läutete er im Kloster, wo man läutet, wenn ein Feind in der Nähe ist, oder Feuer, oder dem Kloster irgend eine Gefahr droht. Bleich und zitternd vor Schrecken meldete er, dass während er sich in der Kirche an einem Seitenaltar befunden, plötzlich ein Krachen durch die Wölbung gegangen, alle Türen zusammengeschlagen seien, wie eine Wolke von Staub neben dem Hochaltar aufgestiegen, und er dann hinzueilend gesehen, dass derselbe durch das Herabfallen des oberen Teils des Sacramentshäusleins entstanden. Wir eilten Alle in die Kirche und sahen das Werk der Zerstörung, sonst war nichts darin geschehen und Alles unverändert. Der Novize Konrad stellte auf, dass das Werk nur gewaltsam und von Menschenhand könne abgebrochen sein, aber Niemand konnte dem Glauben schenken. Es ward beschlossen, das Weihbrodgehäuse so schnell und schön als möglich wieder herstellen zu lassen und Einen aus unserer Mitte gegen Nürnberg zu senden zu seiner Hochwürden dem Herrn Propst Anton Kress, uns zwei Baubrüder zu senden. Bruder Amadeus bat um diese Sendung als Gunst, und weil er der Erste gewesen, der die Zerstörung gesehen und den heftigsten Schrecken gehabt, so erhielt er den Auftrag, und da er am Abend zurückkehrte, schien er ihn auf's Beste ausgerichtet zu haben. Da behaupteten die herbeigerufenen Baubrüder, dass die Zerstörung nur von Menschenhand geschehen sein könne; wir beriefen Bruder Amadeus noch einmal genauen Bericht von ihm zu hören. Kein Verdacht hatte sich gegen ihn geregt. Er aber fiel auf seine Kniee und bekannte freiwillig, wie er sagte, durch die Worte Ulrichs von Strassburg im Gewissen getroffen, wie durch die Angst, dass man statt seiner einen Unschuldigen verdächtigen könne, dass er selbst mit eigenen frevelhaften Händen in jener Mitternacht das Kunstwerk herabgerissen und zerschlagen. Nichts hat er angegeben, was ihn zu der ungeheuren, himmelschreienden Tat verleitet haben könne – er hat die Grösse seines Verbrechens eingesehen und ist darauf gefasst, es mit dem tod zu büssen. Da er aber schon früher, besonders vor andertalb Jahren, Spuren und Ausbrüche von Wahnsinn gezeigt, und er sonst nichts begangen, wodurch man ihn einer solchen Versündigung an dem Allerheiligsten für fähig halten könnte, so ist nicht anders anzunehmen, denn dass ihn wieder der Wahnsinn ergriffen hat. Er ist darum in seiner Zelle an die Kette gelegt worden und wird als Wahnsinniger behandelt werden. Alle Tage werden wir für seine Seele beten, damit der böse Geist von ihm weiche."
Wohl Keiner hatte diesen Bericht ohne Schauer vernommen – aber am meisten war Ulrich davon ergriffen. War Amadeus ein Wahnsinniger? war er es nicht?
Gerade jetzt hielt ihn Ulrich am wenigsten dafür. Die Worte, die ihm so erschienen: "Sie holen mich in's Gericht" – und: "ein Mönch, der Euch sein Todesurteil dankt" – die waren nun sehr klar und wahr. Denn war auch hier kein Todesurteil ausgesprochen, so hatte Amadeus doch nach seinem Bekenntniss ein solches erwarten können, und das Schicksal, das ihm nun bereitet war, erschien ihm selbst jedenfalls härter als der Tod. Und waren nun die andern Worte auch klar und wahr: "Aus Liebe zu Dir beging ich den Frevel; ich wollte meine Hand segnend auf Deinen Scheitel legen – es ist meine Sühne, dass ich durch meinen Sohn sterbe!"
Kalte Schauer durchrieselten Ulrich – eine furchtbare Angst kam über ihn, eine grässliche Empfindung, die er noch nie gekannt: vielleicht ein Verbrechen wider die natur begangen zu haben, da er nur meinte, dass er Worte der Gerechtigkeit geredet.
Konnte es denn sein? war denn Amadeus wirklich in einer Beziehung zu seiner Mutter gewesen? war er ihr Entführer vielleicht in jenem Kampfe, der die Mutter dem Sohn geraubt? oder hatten sie noch früher, ehe er denken konnte, ehe er war, einander nahe gestanden – war nicht jener Bauer, den er nie geliebt, sein Vater – war es dieser Mönch? Musste er ihn dann hassen oder lieben? War