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Bruder Amadeus gefragt?" begann Hieronymus nach einer Pause; "der Abt sagte ja, dass dieser noch einmal Bericht über das zerstörte Tabernakel ablegen sollteund sagtest Du nicht, dass er an Geistesstörungen leiden solle?"

Ulrich antwortete: "Ich sprach nichts mit Konrad, was Du nicht gehört." Nach einigem Besinnen fügte er hinzu: "Ich traf Amadeus in der Kirche und wollte ihm das Kreuz geben; da rief man ihn abich konnte nicht wagen weiter mit ihm zu sprechener schien mir allerdings nicht recht bei Sinnen zu sein."

Hieronymus sagte nur noch unter Gähnen: "Die Rätsel werden sich wohl lösen, es kommt ja immer Alles an den Tagich bin zu müde, um mir jetzt noch lange den Kopf darüber zu zerbrechen." Bald darauf liess er ein lautes Schnarchen hören und bewies, dass der ermüdete Körper den Schlaf gefunden, den er bedurfte.

Ulrich bedurfte ihn wohl nicht minder, aber ihm blieb er fern. Er setzte sich in seinem Lager auf, stützte den wirren Kopf in die Hand, den Ellenbogen auf eine Strohschicht gestemmt, ob so vielleicht das emporgehobene Haupt ihm leichter werde und der Alp weiche, der auf seiner Brust zu ruhen schien. Das Bild seiner Mutter Ulrike, die er über Alles geliebt, stand vor ihm. Er rief es sich zurück in all' der zarten sorge, mit der sie über seine Kindheit gewacht; er hatte den sanften schmerzlichen Zug der Entsagung nicht vergessen, der ihrem edlen Antlitz seinen eigentümlichen Ausdruck gab, noch die ganze stille Würde ihres Wesens, mit der sie sich vor den andern Bäuerinnen seines Heimatdorfes auszeichnete, trotzdem sie die niedrigsten arbeiten verrichtete gleich ihnen, ja oft das Schwerste vollbrachte, indess der Vater ein faules Leben führte, ihr keine Arbeit erleichterte und nur tat, was er musste. Dieser war ein gewöhnlicher roher Bauer, der die Mutter mit Härte und den Sohn mit Gleichgültigkeit behandelte, oder sich gar nicht um ihn kümmerte. Es war darum doppelt natürlich, dass dieser nur an der Mutter hing, es herausfühlte, dass sie unglücklich war, und darum, als ihm beide Eltern verschwunden, den Verlust des Vaters leicht verschmerzte, über den der Mutter aber lange Zeit untröstlich war. Sie war es auch gewesen, die ihn als Hirtenknaben dem Kloster zugeführt und immer gewünscht hatte, dass er von den weisen Benediktinermönchen mehr lernen möge, als ausserhalb des Klosters dem kind eines Dorfes möglich war, in dem es keine Schule gab, noch sonst Jemanden, ein Kind zu unterrichten. Ihr eigenes sinniges Gemüt nur, das aus allen Werken und Walten der natur das Schöne mit offenem Auge herausfand, hatte auch schon früh die Augen des bildsamen Knaben dafür geöffnet und damit den ersten Grund schon unbewusst gelegt zu seiner Liebe für die Kunst. Sechszehn Jahre waren nun seit der Trennung von dieser teuern Mutter vergangen. Man hatte ihn erst lange mit der Hoffnung hingehalten, dass sie wohl wiederkehren werde, und er hatte es sich selbst für unmöglich gedacht, dass sie ihn verlassen und nie wieder nach ihm fragen könneund da es nicht geschah, nahm er an, sie sei tot, und wenn er dann betete, richtete er seine Gebete, statt an die Mutter Gottes, an seine eigene verschwundene Mutter, die sich ihm zur Heiligen verklärt hatte.

Da musste ihm, als er aus dem Kloster in die Bauhütte zu Strassburg ging, der Benediktinermönch Anselm den doppelten Glauben an seine Mutter durch das Gelübde zu rauben versuchen, das er ihm abnahm: nie nach seiner Mutter zu forschen, weil man Unwürdiges von ihr gesagt. Er hatte diesen Schwur gehalten, die Kunst selbst war ihm sein Alles; Mutter, Heilige, Geliebte, war seine Religion geworden; er hatte sich losgerissen von allen irdischen Banden, von allen Wünschen, Plänen und Hoffnungen, die nicht Hand in Hand gingen mit seinem kunstgeweihten Strebenund nun, seit er hier in Nürnberg war, kamen diese Mahnungen an seine Vergangenheit, an seine Mutter.

Der Propst Kress und Amadeus sprachen von ihr wie von einer Unglücklichen, Verirrten, noch LebendenAmadeus nannte ihren Namen Ulrike. So gab es zwei Wesen auf der Welt, die dem Sohn von der Mutter Auskunft geben konntenund vielleicht hatte er diese Auskunft zu scheuen, vielleicht weihete sie ihn der Schande, ward ihm zum Fluch! Was war denn Amadeus seiner Mutter, was war er denn ihm? Was redete er denn zu ihm von Liebe zu ihm, die ihn zu einem Frevel getriebenvon Vatermord und Gericht? War es Wahnsinn? und war nicht etwas Ansteckendes in diesem Wahnsinn?

Als strecke der Wahnsinn in einer grausen Gestalt seine Krallen nach Ulrich, als setze er sich auf sein Lager, rückte ihm näher und näher und schaue unverwandt auf ihn mit hohlen Augen, aus denen rotglühende Blitze schossenund als wandele er sich dann in die Gestalt des Mönches Amadeusso war es Ulrich! Dann wieder sah er seine Mutter vor sich, die frommen Augen auf ihn gerichtet, segnend und betend, aber dann war er in der Bauhütte, die schwarz ausgeschlagen war; die Baubrüder umstanden ihn und spieen ihn an, und der Hüttenmeister zerbrach das Richtscheit über ihm, indess der Pallirer sein Monogramm aus den Steinen kratzteund dann hing sich Rachel, das Judenmädchen, an ihnplötzlich erschien die stolze Elisabet Scheurl und neigte sich über ihnda war es, als