Vaters ertragen und sich nachsagen lassen, dass er ihm selbst die Tochter verkuppelt gegen den Willen seiner Familie. Nun waren mit Eins alle diese Bedenken weggefallen, der alte Loosunger musste auch gute Miene zum bösen Spiele machen, und Gabriel Muffel durfte sich freuen, seine einzige Tochter glücklich zu sehen, um die er jetzt immer bekümmert gewesen, wenn er ihr selbst auch oft gezürnt hatte, dass sie – unglücklich war.
So war es Ursula nun, als sei sie aus einem bösen Traum erwacht, als sei eine lange finstere Nacht vergangen und umspiele sie nur ein rosiger Sonnentag. In ihrem Herzen, im haus überall sah sie nur Friede und Freude, wo vorher nichts als Kampf und Schmerz gewesen. Stephan bekannte ihr, dass er die Nachricht von ihrem Entschluss in's Kloster zu gehen, geglaubt und dass er versucht habe, sie in den Armen einer verbuhlten Wienerin zu vergessen – und über diese, wie über andere seiner Verirrungen leicht hinweggehend, machte er nicht nur Ursula sondern auch sich selbst glauben, dass er im grund seines Herzens ihr doch so treu gewesen, wie sie ihm – die keinen Augenblick aufgehört hatte an ihn zu denken und für ihn zu beten.
Ursula glaubte und vergab, und war selig in ihrer Liebe – sie hatte ja den Teuern wieder und war am Ziel ihrer kühnsten Wünsche.
So kam der Hochzeitstag heran.
Es war ein milder Februartag. Schon einige Tage vorher war der Schnee geschmolzen, und wenn es auch über Nacht wieder fror, so schien doch die Sonne schon warm und hell herab, als freue sie sich selbst über den glänzenden Hochzeitstag, dem sie zur herrlichen Sebaldskirche leuchtete. Dergleichen war auch in Nürnberg noch nicht gesehen, wenn schon es immer viel von prächtigen und absonderlichen Aufzügen voraus hatte.
Voran schritten die glänzend geputzten Ceremonienmeister und Stadtmilizen, die dann ausserhalb der Kirche ein Spalier bildeten, dem zug Platz zu machen. Dann kamen zwölf Jungfrauen aus den edelsten Geschlechtern Nürnbergs, die beiden Schwestern Pirkheimer, Beatrix Imhof und Andere – sie waren die Brautjungfern der Braut und trugen ihr brennende schön bemalte Wachskerzen vor. Ihnen folgte die Braut im reichsten Schmucke, den Stephan's Prachtliebe ihr gesendet; sittsam und bescheiden schritt sie einher, nur wissend, wie glücklich und geehrt, aber nicht wie schön und bewundert sie war. Ihren langen Schleppenmantel von schwerer weisser Seide mit Silber gestickt trugen Edelknaben, die ihr der Kaiser selbst gesendet, und ihre Hand ruhte in der des erlauchten Grafen Eberhard von Würtemberg. Mit warmer Leutseligkeit blickte der hohe Herr zu der zarten Jungfrau herab, und ein befriedigtes Lächeln ward trotz seines grossen dunklen Bartes, der ihm den Beinamen gab, bemerkbar. Viel wohler war ihm so bei einem bürgerlichen Familienfeste, das wirklich wenigstens zwei glückliche Herzen selig begingen und das seine Teilnahme ehrte, als bei prunkenden Hofund Siegesfesten, die oft dem volk nur Tränen kosteten oder mit seinem Blute erkauft waren.
Dann kam der stattliche Bräutigam Stephan in flimmernder Rüstung, den König Max noch vor wenig Tagen gleich seinem Wirt Herrn Christoph Scheurl öffentlich zum Ritter geschlagen und ihnen so die Adelswürde verliehen, die Stephan's Vater zwar schon für seine gedruckte Reisebeschreibung über den Orient erhalten hatte, aber doch nur für sich allein, während sie jetzt Stephan und Scheurl auch für ihre Nachkommen erhielten. Ihn geleitete Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, der immer bereit Frieden und Freude zu stiften und das Gute zu fördern, wo er es konnte, auch Stephan mit dem anfänglich grollenden Vater versöhnt hatte und nun durch seine persönliche Teilnahme, als wahrer Freund des Hauses sich zeigte, das er bewohnte.
Ihnen folgte der lange Zug der Verwandten und Gäste. Hans von Tucher führte Elisabet von Scheurl, die als neue Edelfrau zwar weder stolzer noch prächtiger gekleidet einherschritt, als sie schon immer getan, aber heute vielleicht noch schöner war als sonst, weil der Strahl einer milden Rührung auf ihrer Stirn ruhte, mit der sie sich sagte, dass es ihr Werk war, dass die geliebte Ursula dies schöne fest des menschlichen Lebens begehen konnte. Gabriel Muffel führte Frau Eleonore Tucher, Stephan's Schwägerin, und so folgten noch viele Paare, bis die Spielleute kamen, die lustige Weisen aufspielten, indess vom Sebaldsturme alle Glocken feierlich läuteten, bis der Zug durch die herrliche Brauttür die Weihrauch durchduftete, festlich geschmückte erhabene Kirche betreten hatte und Braut und Bräutigam am Hochaltar vor den trauenden Priester knieeten.
Eine grosse Menschenmenge war in der Kirche versammelt, und als Elisabet um sich blickte, gewahrte sie Eberhard von Streitberg mit dem Propste Anton Kress im Gespräch. Sie hatte jenen seit dem Maskenfest nicht wiedergesehen, denn wie schon vor diesem, seit sie nur wusste, dass er hier war, hatte sie jeden Ausgang vermieden, um ihm nicht zu begegnen, und ihn darum auch nicht wiedergesehen, noch von ihm gehört. Was wollte er immer wieder hier, wenn er nicht ihretwillen kam? was musste sie von ihm fürchten? was hatte er mit dem Propst so angelegentlich zu reden und dabei auf sie herabzublicken, als sei sie der Gegenstand des Gespräches? – Ihr grauete, und doppeltes Weh erfasste sie an dieser heiligen Stelle, an der sie selbst ein frevelhaftes Ja zu dem ungeliebten Mann gesprochen, weil jener Einst-Geliebte sie um den Glauben an die Liebe und an die Männer betrogen hatte. Sie war froh, als die Trauung vorüber war und sie sich diesen Basiliskenblicken wieder entziehen konnte.
In ihrem haus ward das glänzende Hochzeitsfest