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Kloster gegangen, und gestrebt sie zu vergessen, da sie ihm nicht gehören könne.

Elisabet wusste genug von Stephan und war genug Kennerin eines solchen Männerherzens, um zu verstehen, dass es ihm leicht geworden war, sich über Ursula's Verlust zu tröstenund dass er eigentlich weder die treue Liebe der reinsten Jungfrau, noch alle die Tränen verdiene, die sie um ihn geweint, noch alle die Schmerzen und Kämpfe, die sie um seinetwillen ausgehalten, und die ihr doch so schwer geworden, weil sie der eigene Vater ihr bereitet und ihr zartes Gewissen ihr immer vorwarf, dass sie ihm nicht so gehorsam war und ihn nicht so erfreute, wie er es von ihr forderte. Aber Elisabet kannte ebenso wohl Ursula und das liebende Frauenherz. Sie wusste, dass diese nur in Stephan lebte, dass er ihr Ein und Alles war, dass sie selbst ihn niemals lassen werde, ausser wenn er selbst sie von sich stiesse, und dass es kein entsetzlicheres Geschick für sie gab. In dem Gedanken, dass Stephan ihrer Liebe nicht wert sei, würde Ursula am wenigsten Trost gefunden habenviel näher lag ihr der, dass sie nicht seiner wert war, sich selbst würde sie allein alle Schuld beimessen und mit peinvollen Selbstvorwürfen sich zu grund richten. War doch schon jetzt ihre sonst ungestörte Gesundheit dahin und ihr sonst blühendes Ansehen in ein bleiches gewandelt, das deutlich von geknicktem Lebensmute sprach. Darum ward Elisabet Ursula's warme Fürsprecherin. Sie schilderte, was sie gelitten und noch leiden müsse in ihrer unwandelbar treuen Liebeund in Stephan's Herzen wurden die alten Empfindungen wach. Noch mehr! er begriff, welch' andern Wert ein weibliches Gemüt habe, das so immer sich selbst getreu bleibe in seiner stillen, schönen Weise, als jenes leidenschaftliche Erglühen sinnlicher Frauen, das nur den Sinnen gilt und die Gegenstände wechselt. Ja auch der männlich ritterliche Geist wachte in ihm auf, der ihn anspornte, die schon feige aufgegebene Geliebte, die er nicht besitzen sollte, sich nun und plötzlich zu erobern. Schnell und kühn wollte er handeln, und ein Augenblick sollte Alles sühnen, um Ursula und den widerstrebenden Vätern zu zeigen, was er vermöge.

Da kam wie gerufen Kunz von der Rosen zu dieser Unterredung. Er hatte Anfangs seine schöne Wirtin da er sie mit Stephan, dessen Glück bei den Frauen ihm bekannt war, abermals in Verdacht, dass sie wieder eine Prüfung ihrer Treue gegen den ungeliebten alten Gatten zu bestehen habe und Stephan vielleicht minder entschieden zurückweise wie Konrad Celtes. Aber schnell musste er wieder anderer Meinung werden, als sie ihm zurief, er komme zur guten Stunde, um seinen klugen Rat zu erteilen und einem langgeprüften Liebespaar zur schönen Vereinigung zu verhelfen. Nun erzählte sie ihm Allesund wie König Max einst ihr und Ursula versprochen, ihnen beizustehen, wenn sie nach Stephan's Rückkehr dessen bedürfen würden.

Kunz war immer gern bereit mit seinem trefflichen Herzen und klugen kopf, Anderen zu ihrem Glück zu verhelfener sann ein Weilchen nach, und da man ihm die Frage bejahet, ob nicht in wenig Tagen ein Maskenfest stattfände, war er schnell mit seinem Plane zu stand. Stephan sollte am Ende eines Fastnachtsspieles mit der Geliebten vor den König treten und von diesem öffentlich ohne Weiteres verlobt werden. Er selbst wollte vorher Max dafür stimmenund Elisabet, meinte er, brauche ihn nur um seinen Beistand zu bitten oder im Notfall ihm die Nadel zu zeigen, so werde er gern ihren Wunsch erfüllen.

Es war ganz im geist dieser Zeit, die sich um zartere Frauenempfindungen wenig kümmerte, dass somit Ursula ohne ihr Wissen zur Teilnehmerin einer öffentlichen Darstellung gemacht ward, als auch, dass es eine Ueberraschung für sie sein sollte, ihr ersehntes Glück so plötzlich und ungeahnt zu empfangenja Kunz verlangte, sie solle auch bis dahin Stephan gar nicht sehen und im Ungewissen über seine Treue gelassen werden, um dann in ihm mit einem um so glänzenderen Lohn der ihrigen überrascht zu werden.

Allein die feiner fühlende Elisabet drang in Stephan, Ursula wenigstens aus dem qualvollen Zustand zu reissen, in dem sie sich befand, seit sie von seiner Rückkehr wusste, ohne ihn gesehen zu haben, und in dem sie an ihn verzweifeln musste. Und so eilte er heimlich zu ihr, sobald es geschehen konnte, gab ihr neues Leben und neue Hoffnung, ohne die ihr zugedachte Ueberraschung ihr zu verraten.

Lag in dieser plötzlichen Entscheidung auf dem Maskenfest immerhin etwas Gewaltsames, so hatte sie doch gerade für Ursula das Gute, dadurch, dass sie ihr selbst ganz unvorbereitet kam, sie aller Bedenklichkeit überhoben zu haben und auch ihrem Vater gegenüber vor allen Vorwürfen geschützt zu sein, die sie etwa verdient hätte, wenn sie ihm gegenüber in ein solch' heimliches Complot sich eingelassen. Im grund war auch Gabriel Muffel mit der Entscheidung ganz zufrieden, da sie der König herbeigeführt hatte, und dem Vater nichts übrig blieb, als zu gehorchen. Durch diese persönliche Teilnahme des Fürsten am Geschick Ursula's war ja auch ihr Vater geehrt, und keiner der Ratsherren konnte sich rühmen, eine grössere Ehre erfahren zu haben. Er war dadurch gewissermassen an Allen gerächt, die ihm noch immer durch schnöde Zurücksetzungen die Tat und das Geschick seines Vaters wollten entgelten lassen. Der reiche und stolzangesehene Stephan Tucher war ihm ein ganz erwünschter Eidamnur mochte er ihn nicht durch eine Demütigung vor seinem hochfahrenden Geschlechte erringen noch die Geringschätzung seines