erreichte.
Wohl war Stephen Tucher von leidenschaftlicher Liebe für Ursula entflammt gewesen, und in der Trennung von ihr, im neuen Element des selbstgewählten Kriegerlebens hatte sich diese Flamme eine Zeitlang an süssen Erinnerungen und verlockenden Zukunftsträumen wie durch die Briefe der Geliebten genährt. Allein Stephan war eine vorwaltend sinnliche natur und sein feuriges Temperament, durch keine sittlichen Grundsätze oder wenigstens nicht durch eine vorwaltende Stärke derselben genugsam gezügelt, war nicht dazu geeignet, die Treue seiner Liebe in den Prüfungen der Trennung auf die Dauer zu bewähren. Ein Brief von ihm an Ursula, in dem er ihr geschrieben, dass sie ihren nächsten Brief nach Wien adressiren möge, war verloren gegangen; von einem Nürnberger Freund seines Vaters erhielt er die Nachricht, dass Ursula, um ihrem Vater zu gehorchen, ihm entsagen und in ein Kloster gehen wolle: da sie ihm nicht antwortete, erschien ihm dieser Umstand glaubwürdig – ja er glaubte ihm gern, weil eben eine verlockende Wienerin, in allen Stücken das Gegenteil seiner frommen und keuschen Ursula, ihn reizte. Der verführerischen Leidenschaftlichkeit einer üppigen Frau gegenüber erschien ihm Ursula's sittsame Jungfräulichkeit als Kälte und unnatürliche Tugendschwärmerei. Um seine wankende Treue zu rechtfertigen, sagte er sich, dass Ursula keiner wahren Liebe fähig sei, sonst habe sie ihm nicht widerstanden, da er sie entführen wollte, ihn nicht selbst fortgetrieben – jetzt führte sie dieselbe Ueberspannung in ein Kloster; er habe längst vorausgesehen, dass es mit ihr so kommen werde – wer hiess ihn auch eine solche Heilige zu lieben? Da war seine Wienerin ein ganz anderes lustiges Weltkind! In ihren Armen vergass er die stille Ursula und konnte bald darauf jenen Brief an seinen Bruder Anton schreiben, durch den er seiner Familie so viel Freude und seiner Ursula so viel Kummer bereitete – das letztere ebenso wenig ohne Absicht, als das erste; denn er dachte, wenn sie als künftige Nonne höre, wie leicht er sich über sie getröstet, werde dies eine verdiente Strafe für ihre übertriebene eiskalte Strenge sein. Denn mit dem ganzen Egoismus des gewöhnlichen Mannes fand er nun sein Betragen nicht nur ganz gerechtfertigt, sondern bemühte sich auch noch Ursula verdächtigen und verdammen und alle Schuld von sich auf sie wälzen zu können. Sie wandelte auf einem Irrpfad, und er ging allein den richtigen Weg durch's Leben.
Da kam ihm plötzlich die Kunde von dem Reichstag, der nach Nürnberg ausgeschrieben, und dass er mit Andern den König begleiten könne; er freute sich seiner Vaterstadt sich im Glanz der Ritterschaft zu zeigen und von seinen Heldentaten erzählen zu können, denn er hatte sich in der Tat in mehr als einem Gefecht und Sturm durch persönliche Tapferkeit ausgezeichnet. Da er Abschied von seiner schönen Wienerin nehmen wollte, fand er sie in den Armen eines Andern – und jetzt erst erkannte er ganz den Wert einer leidenschaftlichen Frau, die, weil sie dem Einen nicht widersteht, sich Jedem leicht ergiebt – indess Stephan nur seiner Persönlichkeit und einem wahren Liebesfeuer diese Macht über sie zugetraut. Er schied mit Bitterkeit und Zorn im Herzen, die beide um so grösser waren, da er eigentlich auf Niemanden weiter hätte zürnen sollen als auf sich selbst, und doch seinem Gewissen nicht vergönnen wollte, ihm dies mit deutlicher stimme zu sagen.
So kam er nach Nürnberg. Ob er daselbst verbleiben oder dem König Max zu neuen kriegerischen Unternehmungen folgen wollte, war er noch unentschieden. Halb sehnte er sich nach der friedlichen Ruhe daselbst, nach dem weichlicheren Leben und dessen verfeinerten Genüssen, die er in der Vaterstadt zu finden gewohnt war; aber halb verknüpfte sich ihm auch mit diesem Wohnen bei seiner Familie und in der arbeitsamen Reichsstadt ein Gedanke von Langeweile, der ihn abschreckte. Das Kriegerleben hatte seine grossen Gefahren und Strapazen – aber es liess sie in immer wechselnden Bildern vergessen, es gab nicht nur Tage, sondern auch Wochen der Ruhe dazwischen, die in wechselnden Städten Abwechslungen und Genüsse aller Art boten; er wusste, dass er als Krieger sich ungestraft Manches erlauben durfte, was man dem Bürger der Reichsstadt als Vergehen anrechnete – und so wollte er seinen Entschluss noch dem Zufall zur Entscheidung überlassen.
Von seiner Familie ward er ehrenvoll und herzlich empfangen, Niemand sprach mit ihm von Ursula, und er selbst mochte Niemanden nach ihr fragen – er wollte nicht den Unglücklichen spielen um eines Mädchens Willen, das, statt mit ihm zu fliehen, es vorgezogen hatte, die Braut des himmels zu werden.
Nach einigen Tagen traf ihn Herr Christoph Scheurl, der, wie er damals der Vertraute seines Liebesverhältnisses gewesen und es begünstigt hatte, um dem stolzen Loosunger Tucher eine Demütigung zu bereiten, jetzt sein Haupt immer höher hob, da der König bei ihm seine wohnung genommen, dennoch jenen Plan immer noch mehr zu vervollständigen strebte.
"Nun, Herr Stephan," sagte er, "meine Gemahlin hat täglich nach Euch gefragt und erwartet Euch in unserm haus zu sehen, um den König für Euch und Ursula an sein gegebenes Wort zu mahnen."
Da erst klärte es sich für Stephan auf, dass Ursula weder Novize noch Nonne geworden, sondern nur ganz zurückgezogen von dem Weltleben in Treue und Bangen seiner Rückkehr geharrt hatte. Stephan war bestürzt und beschämt – er eilte zu Elisabet. Er beichtete ihr nicht, er schob alle Schuld auf Ursula, die ihm nicht mehr geschrieben, an deren Standhaftigkeit er schon da habe zweifeln müssen, als sie sich geweigert mit ihm zu fliehen; er habe es glauben müssen, dass sie in ein