zu werden und den Wunsch zu haben sie zu trocknen. Hatte er auf den ersten blick doch die holde Tochter des reichen Hauses glücklich gepriesen, in dem Alles strahlte von Glanz und Pracht, von Wohlleben und Kunst, und hatte es ihm doch dann so weh getan, dass sie nicht glücklich schien, trotzdem sie wohl Alles besass, was das Leben schön und heiter machen konnte. Also gab es doch auch Tränen inmitten des Reichtums, und nicht nur die sorge um das tägliche Brod oder die sehnsucht nach höherer Ausbildung, die an den Verhältnissen des materiellen Lebens scheiterten, waren es, welche Tränen erpressten, wie er bisher gemeint.
Unter solchen Gedanken war er, um sich weniger der Gefahr auszusetzen gesehen zu werden, so viel als möglich durch kleine Gässchen und ihm bekannte Durchhäuser gegangen, welche bei der Nürnberger Bauart üblich waren, als er in die Hirschelgasse kam und das erst vor wenig Jahren vollendete Tucher'sche Haus betrachtete. Der Besitzer desselben, Hans von Tucher, zu den ältesten und vornehmsten Geschlechtern Nürnbergs gehörig und um seiner dem Reich geleisteten Verdienste willen vom Kaiser in den Adelstand erhoben, hatte, aus dem gelobten land von einer Pilgerfahrt dahin zurückgekehrt, dies Haus ganz in türkischem Geschmack erbauen lassen. Von Aussen kennzeichneten es die runde Kuppel in der Mitte und die Rundtürme zu beiden Seiten, und gaben ihm fast das Ansehen einer Moschee. Innen war Alles mit orientalischer Pracht eingerichtet, und Albrecht musste gestehen, dass gegen diesen Luxus von gold- und silbergewirkten Teppichen und Tapeten, marmornen und vergoldeten Möbeln, schwellenden Sammtpolstern, schweren Seidenvorhängen u.s.w. die Einrichtung des Muffel'schen Hauses, die er vorhin bewundert, ärmlich erschien. Ja hier wetteiferte die Kunst selbst mit der natur und bemühte sich nicht nur orientalische Pracht, sondern auch orientalische Gewächse zu entfalten. Im Hofraum befand sich unter einer runden Kuppel von buntem Glas ein Gebäude, welches einem Feentempel glich. Hohe Palmen und lauter grossblätterige und wunderbar blühende Pflanzen wuchsen darin, in mussivisch ausgelegten Becken mit klarem wasser spielten goldene Fischlein, und aus zierlichen, von Kupfer getriebenen, aber reich versilberten Figuren sprangen Wasserstrahlen, die Gewächse benetzend oder in silbernen Becken sich sammelnd.
Man wies Albrecht dahinein, als er nach dem jungen Herrn Stephan fragte, denn hier befand sich der Gesuchte und betrachtete eine grosse weisse Blume, die sich eben aus ihrer dichten grünen Hülle entfalten wollte. In seinen Augen schimmerte freilich keine Träne, aber es sprach finsterer Unmut daraus, der eben so sehr mit seiner blühenden, zauberischlächelnden Umgebung contrastirte, wie die Träne Ursulas mit dem Glanz der ihrigen.
Stephan Tucher war ziemlich gross und von stolzer Haltung, die auch in dem weiten faltigen Gewand sichtbar war, das er nach Art der Saracenen trug, um auch den Hausanzug zu dem haus selbst zu passen. Sein dunkles Haar war sorgfältig gepflegt wie der kleine Bart über seinen Lippen und duftete nach köstlichen Oelen. In seinen Augen glühte das Element eines unruhigen Feuers, das sie zu zwingen schien sich immer hin und her zu bewegen und das die hochgeschwungenen Brauen nicht milderten. Seine Nase war stolz gehoben und ein Zug von Eitelkeit spielte um seine an beiden Seiten aufwärts gezogene Oberlippe, unter der grosse, blendendweisse Zähne hervorblitzten. Er galt für einen schönen Mann, schien das sehr wohl zu wissen und grossen Wert darauf zu legen – vielleicht eben deshalb hatte er für den bescheidenen, schwärmerischen Albrecht nichts Anziehendes.
Er grüsste höflich, eilte sogleich auf Stephan zu, der den Gruss nicht erwiderte, sondern den Eintretenden allein mit einer Miene ansah, als wolle er fragen: wer so unverschämt sei ihn zu stören? und die Worte würden wohl auch gefolgt sein, wenn nicht Albrecht sie abgeschnitten, indem er sagte: "Verzeiht, Herr, aber nur wenn ich Euch ganz allein fände, sollt' ich dies Brieflein in Euere hände legen."
Ohne ein Wort der Erwiederung nahm es Stephan und lös'te mit Hast das Siegel, so dass das feine Papier daneben zerriss. Mit flammenden Blicken las er:
"Hochedelgeborner, vielgeliebter Herr! Wenn Euere Minne der meinigen an Grösse gleicht, so könnet Ihr harren und aushalten in Geduld, bis dass die Zeit oder die Heiligen uns helfen den stolzen Sinn der Väter versöhnen. Lasst um meinetwillen nicht Feindschaft werden zwischen Euch und Eurem Vater. Nie werde ich einen andern Mann minnen denn Euch, aber fahret Ihr fort in mich zu dringen das Gebot Gottes und der Menschen zu übertreten, so muss ich in ein Kloster flüchten und den Schleier nehmen, denn auch ich bin zu stolz die Schwiegerin eines Mannes zu werden, der in mir nur die Enkelin eines Hingerichteten verachtet. So vermelde ich Euch meinen Gruss und bleibe Euere vielgetreue Ursula."
Getäuschte Erwartung, leidenschaft und Zorn loderten in Stephan auf, er war in einer furchtbaren Erregung und gab sich keine Mühe dieselbe zu verbergen. Er stampfte mit den Füssen und lief wie ein wütend gewordenes eingesperrtes Raubtier in seinem Käfig hin und her. Albrecht's Gegenwart schien er ganz vergessen zu haben. Endlich fuhr er ihn an:
"Du bist ein Betrüger! wer gab Dir diesen Brief?"
Albrecht schlug die Augen verwundert auf im Bewusstsein seiner Unschuld und sagte: "Den Brief gab mir Jungfrau Ursula Muffel mit eigener Hand und war dabei sehr ängstlich, dass es Niemand erführe."
"Es ist ihre Hand!" sagte Stephan zu sich selbst, "aber wer bist Du? Du gehörst