1858_Gutzkow_031_99.txt

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Bis zum Anspannen wünschte die Reisende ein mässiges Mahl zu nehmen, dann die St.-Maximinuskapelle zu besuchen und von dort mit dem Wägelchen abgeholt zu werden. Sie erkundigte sich genau nach den üblichen Preisen, bedingte sich das, was sie zahlen wollte, mit grosser Bestimmteit und erklärte, das kleine Mahl, das sie in allen Einzelheiten specificirte, unter dem "schönen fruchtbeladenen Apfelbaum da" und "an jenem Tisch" einnehmen zu wollen.

Der Wirt ging. Die Reisende nahm jetzt den Hut vollends ab und warf ihn auf den ehemals weiss angestrichen gewesenen Tisch. Ihr Antlitz glühte. Mantel und Hut und Schleier hatten ihr heiss gemacht. Mit der ganzen Behaglichkeit, sich allein zu wissen, warf sie sich auf die harte Bank. Einem auf schwellender Ottomane Ruhenden konnte es nicht bequemer sein.

An die Reize der natur schien sie sich bald gewöhnt zu haben, von einem langen Erstaunen überhaupt nicht viel zu halten. Nur zur Maximinuskapelle warf sie zuweilen einen prüfenden blick. Dazu las sie, doch ohne besonderen Eifer, dasjenige aus einem Führer, den sie aus ihrer kleinen, jetzt aufgeschlossenen Handtasche nahm, was über die Oertlichkeit, auf der sie sich befand, dort gesagt sein mochte.

Das Haupt aufstützend, zuweilen umblätternd, zuweilen nach einem gegenstand auf dem Flusse, zuweilen rückwärtsblickend, wo ein Tellergeklapper die Anstalten zu ihrem Mahle verriet, erkennen wir sie. Es ist Lucinde ... drei Jahre älter, als wir sie verlassen haben.

Sie trägt das dunkle Haar in Flechten wie sonst, aber mit einem hohen Turm, wie eine Krone; ihr Wuchs ist hoch wie sonst, aber elastischer in der Haltung; ihre Augen sind glühdunkel, doch etwas spitz und stechend; ihr Lächeln verschönt noch immer die frühern plastischen Formen der Nase, der Lippen, des Kinns, aber zuletzt verliert es sich in eine Bitterkeit um die Mundwinkel; ihr Unternehmungsgeist scheint wiedergekehrt, wie in der Zeit, wo sie zu Pferde sass; das ganze Wesen hat die alte Unreife und Unfertigkeit verloren, womit freilich auch der Reiz des Mädchenhaften abgestreift ist. Lucinde ist eine Dame geworden, zu deren Erscheinung unzertrennbar die Glacéhandschuhe zu gehören scheinen, die sie selbst während des Essens nicht abzieht.

Mit einer an ihr uns ganz neuen Versunkenheit in sich selbst, die auf eine mächtige innere Gedankenarbeit schliessen lässt, hat sie bald das bestellte und von Kellnern gebrachte Mahl mechanisch eingenommen.

Zur letzten Schüssel war der Wirt zurückgekehrt und hatte auch den verlangten Wagen in Aussicht gestellt.

kennen Sie den Pfarrer von St.-Wolfgang? fragte sie.

Von St.-Wolfgang? Gewiss!

Es ist ein Herr von Asselyn?

Von Asselyn!

Was wissen Sie von ihm?

Man nennt ihn einen Heiligen ...

Ist er's nicht?

Einen jungen Mann kann noch keiner einen Heili

gegen nennen!

Warum nicht? Wer heilig genannt werden will,

muss sich's in der Jugend verdienen; im Alter sind wir alle Heilige!

Ein curioses Gespräch, das den Wirt lachen mach

te.

Der Wirt sprach fort, nur um zu sprechen oder die

Fremde ferner so spasshaft antworten zu machen. Er erzählte, dass die Dame in St.-Wolfgang zu einem Leichenbegängnisse ankommen würde.

Kein gutes Omen! Wer ist gestorben? fragte sie.

Ein Häusler, den die Leute in der Gegend für reich

hielten, ohne dass er einen Pfennig mehr hinterlassen hat, als zu seinem Begräbniss nötig sein wird.

So werden an seinem grab keine lachenden Erben

stehen!

Lucinde war mit ihren speisen schon fertig und

wählte sich bereits von dem schönen Obst aus, das ihr auf einigen Tellern zum Dessert gebracht worden war.

In der kurzen, ihr jetzt eigenen inquisitorischen Art

fragte sie, eine Birne schälend:

Wie konnte man einen Häusler für reich halten?

Man schickte ihm, erzählte der Wirt, was er brauchte, aus Welschland oder der Schweiz. Das übertrieben dann die Leute! Er hinterliess nichts als einen Sarg, den er sich selbst gezimmert hat. Er war nur in die Sechzig gekommen.

Seinen eigenen Sarg? fragte Lucinde und biss in die Birne.

Man erzählt's, berichtete der Wirt. Den Sarg hat der alte Mevissen, so hiess er, in St.-Wolfgang in seiner eigenen stube gehabt, hat auch drinnen schon seit Jahren geschlafen. Der Pfarrer hat ihm feierlich versprechen müssen, ihn auch in diesem Sarge zu begraben und zu weihen. Er hat ihn wirklich sich selbst gezimmert! Da nichts Unheiliges dabei sein soll, so wird er wohl heute gegen Abend in die Erde kommen in diesem seinem selbstgezimmerten Sarge.

Hm! Hm! Ei! Ei! sagte Lucinde.

Der Wirt bemerkte, dass sie ein scharfes Lächeln durch ihre Mienen spielen liess.

Warum lachen Sie? fragte er.

Wenn der Mann vermögend war und sich um keine Erben kümmern wollte, so würde' ich die Wände des Sarges untersuchen lassen. Es gab schon manchen Geizhals, der seinen Mammon in die andere Welt auf diese Art mit hinübergenommen hat!

Damit wählte sie zum Schälen eine zweite Birne. Sie warf sie weg, weil sie darin einen Wurm fand. Als sie von Würmern murmelte, konnte es ebenso sein als sagte sie: Die andere Welt ... ich meine die Würmer!

Der Wirt musste seine Teller, die er eben wegnehmen wollte, niedersetzen vor Befremden über diese Erklärung wegen des Sarges. Der Einfall der so kurz angebundenen Dame kam ihm nicht