über welche die Abgehenden in Kähne steigen müssen, die von den kleinern Stationen dem Dampfschiff entgegenkommen.
Manchem schon mochte die Dame wegen des un
ausgesetzten Vorbehaltens ihres blauen Schleiers aufgefallen sein. Ein einfacher gelber Strohhut schützte sie gegen die senkrecht fallenden Strahlen der Augustsonne. Den trotz der Hitze zuweilen heftig aus den Biegungen des Stromes hervorbrechenden Windstössen hielt ein schottischer Mantel Stand von grün und rot carrirtem Muster und leichtem Baumwollzeuge. Neben der schlanken Gestalt stand schon in Bereitschaft ein Koffer von ganz neuem hellbraunen Leder, ein Koffer, der so klein und handlich war, dass er nur auf die notwendigsten Bekleidungsgegenstände schliessen liess; selbst eine Hutschachtel fehlte; man musste annehmen, dass der gelbe Strohhut, den die Dame trug, der einzige war, den sie für ihre Reise nötig hielt. In der Hand hielt sie noch eine kleine buntgewirkte Bügeltasche ...
Frauen und Männer, denen solche indiscrete Prüfungen ebenso nahe lagen wie uns, gab es schon seit einige Stunden genug. Die Dame ass nichts, trank nichts, sah nur starr und stumm in die Abwechselungen der Gegend, setzte sich zuweilen mit grosser Sicherheit auf diejenige Seite des schiffes, die vor der Sonne Schutz bot, und brütete unter ihrem blauen Schleier und schottischem Mantel und Sonnenschirm über Dinge, die schon mancher gern erraten gehabt hätte.
Entgehen konnte niemand, dass die Reisende jung war. Durch den dichten Schleier funkelten sogar zwei brennende Augen von halb scheuer, halb klug prüfender Unruhe. Richtete man dann plötzlich auf sie selber entweder zu lange den blick oder ein Glas, das scheinbar die alten Burgen und Städte, in der Tat aber nur die Züge der seltsamen Unbekannten musterte, so entzog sie sich der Neugier durch eine rasche Wendung, die zugleich verriet, dass sie niemals gänzlich in die Abwesenheit ihrer Gedanken versank, die sie scheinbar zeigte, sondern gegenwärtig blieb allem, was sie rings umgab, vorzugsweise dem Interesse, das sie einflösste.
Die Ungeduld, die die verschleierte Dame bei alledem zu beherrschen schien, war offenbar auf den Augenblick gerichtet, wo sie das Schiff zu verlassen hatte.
Der grösste teil der Passagiere, sass noch an der auf dem Verdeck aufgeschlagenen Tafel und bewunderte gerade beim Dessert – Stachelbeeren, die in dieser himmlisch üppigen Gegend so gross wie Zwetschen gereift waren, als man endlich jene Station erreicht hatte, nach der die Verschleierte schon mehreremal den Steuermann reglementswidrig angeredet und gefragt hatte.
Eine neugebaute Kirche, die auf einem Vorsprung des linken Ufers stand, war schon lange als Merkziel derselben in Sicht. Hier erweiterte sich der Strom und nahm die mildern Linien der Umgebungen eines Sees an.
Endlich hielten die Schaufelräder in ihrem gleichmässigen Takt, das Schiff kam in eine schwebende Bewegung, der Kahn vom jenseitigen Ufer tanzte schon in den aufgeregten Wogen näher, das Seil wurde vom Bord den Schiffern zugeworfen, die brücke herabgelassen und mit sicherer Haltung, den Sonnenschirm einlegend, stieg die Dame in den Kahn. Ein kurzes Brausen der Räder, ein geschicktes Auffangen des nachgeworfenen Koffers, ein Augenblick des bedenklichen Schwankens des noch gleichgewichtlosen Kahns und der Dampfer schoss weiter, der Kahn dem Ufer zu.
Die neugebaute St.-Maximinuskapelle wurde sonst vom Dampfschiff aus stark besucht. Heute traf es sich, dass die Schiffer nur diesen einzigen Passagier ans Ufer setzten.
Wie weit ist es bis St.-Wolfgang? fragte die Reisende, den Sonnenschirm wieder ausspannend und mit einem bestimmten und sichern Tone.
Zwei Stunden!
Bekomm' ich einen Einspänner dortin?
Gewiss!
Wo?
Im Weissen Ross!
Wollen Sie mich ins Weisse Ross führen?
Da liegt's am wasser!
Die kurz angebundene Sprecherin blickte hinüber und sah das Hotel "Au Cheval Blanc" in grossen Buchstaben angekündigt.
Den Schleier hatte sie jetzt zurückgeworfen, den Mantel abgenommen, den ein Schiffer beim Aussteigen über den Arm behielt, während der andere das Kofferchen auf die Schulter lud. Die über ein ausgelegtes Bret behend das Ufer Betretende zeigte sich zu Land und wasser von gleicher Sicherheit.
Der Garten des Weissen Rosses geht fast bis dicht an das Ufer des hier mit besonderer Schönheit sich erweiternden, im Sonnenlicht glänzenden Stromes. Mit wenig Schritten durch den Sand war er erreicht.
Als alle drei in den Garten getreten waren, warteten die Schiffer weiterer Befehle ...
Ein dicht an der Tür auf einer geebneten Terrasse unter einem anmutigen, schattenreichen Baume gelegener Tisch schien diese zu entscheiden.
Die Dame bezahlte, liess den Koffer neben sich hinstellen, befahl aber wegen eines Wagens den Wirt zu rufen. Noch rief sie dem einen der Schiffer, der deshalb ins Haus ging, nach, er möchte ihr auch "eine Kleinigkeit" zu essen bestellen. Sie hatte an der Table d'hôte des Dampfschiffs nicht teilgenommen.
Einige Augenblicke war sie allein. Vor der steinernen Balustrade über die Terrasse auf- und abgehend und jetzt auch den Hut sich freier bindend, um wie von einer langen Gefangenschaft in der himmlischen Luft aufzuatmen, musterte sie die Gegend, die sie ohne Zweifel zum ersten mal sah und vom land aus noch viel entzückender finden musste als vom Dampfschiff, das immer nur Panoramen gibt, in denen man sich, weil man eben zu viel sieht, meist ohne Befriedigung verliert ... Nur die Gegend ist ja schön, die Eines gibt und das Andere ahnen lässt.
Die Schiffer kamen zurück mit dem Wirt.
Es wurde ein Einspänner behandelt, der die Dame nach dem zwei Meilen tiefer ins Innere hinein gelegenen Orte St.-Wolfgang führen sollte