sieht sie aber im geist vor sich ... oder ... sie wünscht wohl gar ...
Auf dieses bedeutungsvoll gezogene: "Wohl gar", in
dem Lucinde die Vermutung erkannte, die Kranke litte darunter, dass der ihr Teuere überhaupt Priester wurde und Frauenliebe nun ein ganzes Leben lang nicht mehr erwidern durfte, schienen plötzlich die Empfindungen der Schlummernden Inhalt und Ausdruck zu verändern. Die Mienen verdüsterten sich, die hände hoben sich als wollten sie irgendetwas Störendes verhindern. Der rücken, den sie nicht bewegen konnte, schien sich erheben zu wollen. Zurückgehalten von dem Mechanismus des Bettes, mehrte sich ihre Angst. Seufzer entrangen sich der Brust, die sich mächtig hob. Der Mund blieb starr geöffnet als wollte er: Nein! Nein! Nein! rufen ...
Da fuhr der Director sanft über ihr Antlitz und
weckte sie.
Befremdet sah sie um sich, als hätte sie hier zu er
wachen nicht vorausgesetzt.
Als dann der Director ihr die neue Pflegerin vorge
stellt hatte, veränderten sich ihre Züge allmählich zur frühern Milde. Sie schien Lucinden nicht von früher kommt aber wohl der Engel, der sich in freundlicher Ihr Kinderseelen ringsum! Mögen lichtgeborene Nachdem sie ihr Zimmer angewiesen erhalten und sechs Wochen später holte sie für ihre neue Stel
Ende des ersten buches.
Zweiter Band
Zweites Buch
1.
Den Strom zu nennen, auf dem ein in erster Morgenfrühe ausgefahrener Dampfer soeben seine schäumenden Furchen zieht, drängt es unser ganzes Herz.
Doch sei von ihm nur gesagt, dass er von den Frage- und Ausrufungszeichen seiner ersten Alpen-Jugend an bis zu den letzten versandenden Gedankenstrichen und Stirnrunzeln des Alters gross und bedeutsam ist wie das Menschenleben selbst ... Wie grüssen uns die Zinnen der Türme, die rings auf deinen Felsenufern ragen, du bei Sonnenschein und Nebel gleich Geliebter! Wie schlägt die Welle an deine Wehre und Buchten! Wie kräuselt sich über gesprengtem Felsenriff in deinem offenen Bett jetzt spielend die Woge, wo sonst die Strömung tödtliche Opfer forderte! ... Und in diese grüne Gegenwart ringsum, diese blaue über uns, in dies Singen und Rufen von den Gestaden, in dies Läuten von uralten Türmen in grauen Städten und Weilern spricht Sage und geschichte herein so lebendig, so gegenwärtig, als wenn auf den Kanten der Felsen immer noch die verlockenden Geisterjungfrauen sässen und ihre goldenen Locken im Mondlicht strählten, auf den Söllern immer noch die Ritterfräulein mit ihren Schärpen winkten, die sie dem Kämpen zum Lohne gestickt, immer noch der schwere Tritt der schellenbehangenen Rosse, der vom Felsen drüben zum Felsen hüben das Echo weckt, kommen könnte von einem Banner Geharnischter, nicht von den Fuhrleuten mit ihren zweirädrigen Karren und den an den Stirnen mit einer grossen roten wollenen Agraffe geschmückten, über den Hufen so langzottig behaarten Tieren, die in unsere Keller nur den Wein verführen! "Nur" den Wein! "Nur" deinen goldensten Hort! ... Wir Undankbaren und so schon durch deinen Reichtum Verwöhnten!
Bunt und lustig drängen sich die Passagiere des Dampfboots ... Nennt ihr den Gehalt der Gegenwart leer und flüchtig, so ist gewiss das Leben auf Eisenbahnen und Dampfschiffen dem kurzen Moussiren zu vergleichen, das die Weinperlen oben zum flüchtigen Kranze vereinigt. Närrische Blasen, die da aufgeworfen werden von Ost und West! Moden, ihr tollen, wer hat euch erfunden! Trägt man die Mützen jetzt so flach, die Burnusse, die Plaids, die Abd-el-Kaders mit dieser kühnen Schwenkung um die Schulter? Was welscht und radebrecht der Zeitgeist im Gespräch zusammen, nicht nur äusserlich barock dem. Ohre nach, auch innerlich dem geist? Sind wir schon auf dem Hudson oder Delaware, dass uns so yankeehaft, zu Mute wird? Und müssen wir wirklich der Versuchung widerstehen, diese Kellner mit ihren carrirten Halsbinden und grotesk gestreiften Inexpressibles nicht für Affen zu halten? grosser Saturn, verspeise deine eigenen Kinder und nimm uns alle hin zu deinen urewigen Frühstücken, wenn diese Reisewelt der Dampfschiffe, Eisenbahnen und Hotels mehr sein wollte, sein dürfte als der kurze Schaum, den unser Zeitalter aufwirft, wenn sein hoffentlich tieferer innerer Gehalt im ersten Anschuss an die Atmosphäre tritt!
Auch auf der "Prinzessin Marianne" – Albums, Panoramas, Plaids, blaue, grüne, rote Schleier, Firnissstiefel, Cotteletts, Beefsteaks ... Schooshündchen ... hinterpommersche Welt- und Zeitansichten ... Dünste und Nebel über Baumwolle, Bundestag, Whigs und Tories, Louis Philippe's neueste bombenfeste Kutschen, Talberg und Liszt ... alles was sich nur dem Streit des Zeitalters der Revolutionen mit dem Horror vacui des immer siegreichern Systems der materiellen Interessen entbinden und entwinden kann ...
Dann aber von Station zu Station scheidet sich von diesem kosmopolitischen Durcheinander doch Sonderleben um Sonderleben ... Die ausgesteckte Fahne auf einem Häuschen am Ufer bringt neue Passagiere, ein Zeichen vom Schiffe kündigt den Nachenführern Abgehende an. Ja, es gibt noch einzelne in der Welt! Man schwimmt und schwatzt oder schweigt nur so eine Weile im Allgemeinen mit. Abseits sich wendend bleibt jedem wieder sein eigenes Herz, sein eigenes Schicksal, sein eigenes angstvolles Mühen, im allgemeinen Drängen sein Ziel nicht zu verlieren.
Schon seit der in den engern Umgebungen des
Stromes abgehaltenen Mittagsmahlzeit hatte eine Dame zu öfterm den Steuermann nach der baldigen Nähe eines Ortes gefragt, wo sie abzusteigen gedachte.
Schon lange stand sie an der kleinen Tür, an wel
cher die Stiege aufgezogen hängt,