vielleicht ein wenig, ganz leise nur und unscheinbar mit dem einen fuss weniger behend durchs Leben schweben; aber was tut das ihrem rosigen Lächeln? Was tut das ihrer neckischen Lust, die einen ganzen Kreis in gleicher Lage Befindlicher ringsum auf den Prokrustesbetten eben zum lachen bringt! Diese schelmischen Augen dort, diese sinnigen hier, diese Rosen auf den Wangen, diese Lilien auf Arm und Nacken, jede eine Knospe voller Hoffnung für die Zukunft, jede so ganz das schöne, liebevolle, reiche geheimnis eines jungen Mädchenlebens! ... Wer kann sonst schon solche junge Mädchen im traulichen Verein spielend, harmlos dem Augenblick dahingegeben sehen, ohne nicht zu gedenken: Was wird euch allen noch einst beschieden sein? Welche Flammen werden in euren Herzen lodern? Wo waltet jetzt wohl die Hand, die liebend einst die eurige erfässt? Vor welchem mund, der von Liebe spricht, wird euer Jugendmut verstummen, und ach! welcher von euch allen sind noch die grössten Leiden aufgespart? Der vielleicht, die jetzt die Glücklichste scheint? Der vielleicht, die ihr alle wie eure Schwester liebt, mit der ihr eure Freuden, eure kleinen Geheimnisse teilt und der ihr, so oft ihr unter den Blumen des Feldes sein dürft, sein könnt, die schönsten bringen müsst, die ihr am Wege gefunden? – bringen selbst dann, wenn der Geliebten ein Fuss nicht so schnell gehorcht wie der andere?
Eine solche Königin unter dem jungen volk, eine schon emporragende Lilie unter Maiblumen und Veilchen, ein Wesen schon voll Seele, während ringsum nur noch Gemüt, Verstand und Phantasie sich entwickelten, war die junge, zu früh emporgeschossene und deshalb in ihrem Wuchse ängstlich überwachte Sechzehnjährige, welche vorzugsweise der Obhut, der Gesellschaft, der Unterhaltung Lucindens angewiesen werden sollte.
Der Vorstand des Instituts hatte die neue Lehrerin und Gesellschafterin des Hauses im Wandeln durch die Säle laut eingeführt. Erst hatte er sie allen flüchtig vorgestellt, dann aber mit besonderm Vorzug einer unter ihnen, die in einem abgesonderten Zimmer lag und von ihm Comtesse Paula von Dorste-Camphausen genannt wurde.
Wie Lucinde auch diesen Namen hörte, erschrak sie. Auch diesen kannte sie ja schon! Es war ja jene Grössere von den Mädchen gewesen, die sie am Weiher im Park von Neuhof beobachtet, jene Gräfin Paula, die reiche Erbin, die Nichte des Kronsyndikus, die vielleicht einst mit jenem österreichischen Offizier vermählt werden konnte, den sie vor zwei Jahren in Kiel gesehen ... Kam das alles hier so wieder zusammen? Wie fügte sich Ring an Ring? Sollte sie die Kette festalten, sich binden, aufs neue sich in das grosse, bewegte, tatsachenreiche Leben um Schloss Neuhof und die uralte Stadt Witoborn hinüberziehen lassen?
Auf einem schrägliegenden Ruhebett, von einigen Gurten und Bandriemen, einigen eisernen Klammern in fester Lage gehalten, lag, weissgekleidet, das schlanke junge Mädchen, eine Gestalt zart, wie durchsichtig, ganz von jenen länglichen Formen, sowohl im Oval des edlen griechischen Profils, wie des Oberkörpers und der hände, die wir gelernt haben als Ausdruck des Seelischen zu nehmen.
Die Comtesse, die ihr eigenes Zimmer hatte, schien zu schlummern.
Der Director sagte leise:
Sie ist krank und mir ganz besonders empfohlen! Sehen Sie nur! ... Sie neigt zum Traumschlafe ... Sie spricht! Ganz deutlich! Und doch schläft sie!
Lucinde trat näher ... Ihr Herz pochte ...
Murmelnd sprach das junge Mädchen Worte, die einem Gebet gleichkamen.
Der Director schloss die Tür, die zu den lauten Sälen führte ...
Nimm hin, sprach das junge Mädchen, leise und langsam betonend, nimm hin – das – priesterliche – Kleid – welches – die Liebe bedeutet! – Gott ist mächtig – genug in dir – die Liebe zu vermehren und sein Werk – zu – vollenden –!
Der Director horchte hoch auf; so zusammenhängend hatte die Kranke noch nie gesprochen.
Lucinde träumte noch von Neuhof, von der Katedrale ...
Die Schläferin schwieg eine Weile, dann fuhr sie deutlich fort:
Du willst, o Herr – diese hände – weihen und heiligen – durch die Salbung – damit alles, was sie weihen – geweiht und geheiligt sei im Namen unsers Herrn!
Dann setzte sie mit einer andern, fast männlichen stimme hinzu:
Amen!
Was mag sie beschäftigen? fragte der Director erstaunt.
Lucinden aber war es, als wäre sie an den Hochaltar zurückversetzt, wo sie Serlo gesehen zu haben glaubte, wie er von den toten erstand.
Der Director winkte, dass sie nicht spräche; eben wollte sie an die Priesterweihe erinnern.
Die Schlafende fuhr fort:
Nimm hin – den Heiligen Geist! Welchen – du die Sünden – erlassen wirst, denen – sind sie erlassen! Welchen – du sie – behalten – wirst, denen – sind – sie – behalten!
Sie spricht dem Bischof nach, der in diesem Augenblick in der Katedrale die Priesterweihe hält! ... flüsterte Lucinde.
Sieh! Sieh! bemerkte jetzt der Director kopfschüttelnd und setzte dann leise und fast lächelnd hinzu: Es ist ein Verwandter ihrer Familie darunter, Zögling des hiesigen Convicts, ein junger ehemaliger Offizier, ... er wird in diesem Augenblick ausgeweiht ...
Ein Herr von Asselyn!
Ganz recht!
Der Director flüsterte nach einer Weile:
Sie hat eine grosse Verehrung vor diesem ihrem
Landsmann ... sie leidet entweder darunter, der Feierlichkeit nicht beiwohnen zu können,