da ist sein lieber Sohn – er wird erzogen von zwei Müttern statt einer – ... Von Paula und von Armgart ... Letztere ist nun auch schon von grauen und nicht (wie bei ihrem auf Castellungo noch mit dem Vater lebenden streitbar rührsamen Mütterchen) verfrühten Locken ...
Das heutige Opfer der Freundschaft und Dankbarkeit konnte nicht lange währen; denn die bangen weiblichen Herzen entdeckten bald, dass sie zu allein waren in so wildem Kriegerjubel – ... Es war eine Stunde Allerseelen ... Sie gedachten voll Innigkeit aller Todtenhügel, die sich ihnen in der Welt schon erhoben ... In der Ferne das noch immer von Armgart mit Rosen und Vergissmeinnicht umfriedigte Grab des Onkels Dechanten – Benno's – der Tante Benigna, des Onkel Levinus – des Präsidenten von Wittekind – ... Auch in der Nähe gab es trauervolle Erinnerungen ... Nicht weit von hier, auf dem Kirchhof der Laterangemeinde, lag ein Hügel, der die Herzogin von Amarillas bedeckte, von welcher man sagte, dass sie ein Jahr vor ihrem Ende nachts wie ein verstörter Geist in ihren Zimmern umirrte und die Ruhe suchte, die ihr nur noch der Tod geben konnte ... Am Vatican befand sich Lucindens Grab ... Im Inquisitionspalast ein Hügel, der Bonaventura's Vater deckte .... Bruder Hubertus' Asche ruhte auf San-Pietro in Montorio ... Terschka's Ruhestätte kannte man nicht ... Die Frauen suchten und forschten auch nicht nach ihr – ebenso wenig, wie nach den Umständen, unter denen Lucinde, Terschka und Hubertus aus dem Leben gingen ... Es gab darüber grauenvolle Sagen – Armgart und Paula glaubten ihnen nicht; nicht mehr um der Religion willen, sondern deshalb, weil ein weibliches Herz die Schleier böser Dinge ungern gelüstet sieht ... Wo ist der Widerhall zu finden, die ganze Grabesrede, die jedem dieser Menschen gebührte! ... Nur in Gott ruhen sie; nachfühlen und von ihnen träumen mag der Dichter ... Paula und Armgart waren gerechter als andere – was man von Lucinden sprach, erschöpfte selbst ihrem Urteil nicht die volle Wahrheit ...
Oder sollte Lucinde wirklich den Tod gefunden haben, überrascht bei einem Briefe, den sie gerade an Bonaventura schrieb –? ... Vor einem offenen Kästchen, in welchem Documente lagen, die – mit den Schicksalen der Familien Wittekind und Asselyn zusammenhingen, mit Benno's Ursprung, wie man glaubte, mit seines Vaters betrügerischer zweiter Ehe, mit dem scheinbaren Tod des weiland Regierungsrats von Asselyn –! Was liess sich nicht alles an unheimlichen Stellen im Leid dieser Familien auffinden –! ... Oder sollte es wahr sein, dass Fefelotti, das Al-Gesú und Olympia im Bunde jenes Kästchen bei gelegenheit einer Feuersbrunst ebenso wollten verloren gehen lassen, wie die verhängnissvolle falsche Urkunde, die Hammaker geschrieben, einst bei jenem Brande zu Westerhof gefunden wurde –? ... War es wirklich Terschka, der diesen Raub hatte auf sich nehmen wollen – – müssen – ihn schon lange versuchte –? ... Hatte Terschka's Ohr im Inquisitionspalast, in welchen nur die Verschlagenheit des ehemaligen Anwohners der Porta Cavallagieri sich einzuschleichen wusste, die Beziehungen belauschen sollen, die zwischen Bonaventura, und dem deutschen Einsiedler aus dem Silaswald obwalteten –? ... Und hatte die Feuersbrunst zu früh begonnen und der Mönch mit dem Todtenkopf, der alte Freund aus ihrer Jugendzeit, der zwischen Westerhof und Himmelpfort so oft im wogenden Kornfeld traulich mit ihnen plauderte und scherzend ihnen Cyanenkränze wand, seinen seit Jahren gesuchten zweiten Schützling in dem Augenblick wiedergefunden, wo ihn zugleich auch über diesen der Himmel zum Richter machte – freilich mit dem Einsatz seines eignen Endes –? ...
Wandte sich alledem ein grübelndes Forschen und Staunen zu, so liessen die beiden Frauen andere die geheimen Fäden offen und klar darlegen; sie selbst verglichen das Meiste, was im Schoose Gottes ruht, dem stillwaltenden Naturgeheimniss, das oft ein einfaches Summen schwärmender Käfer im heissen Sommerbrand tiefer auszudrücken scheint, als Biblioteken voll Menschenweisheit – ... Mochten sie nicht glauben, dass ein Falter, der von Blume zu Blume fliegt, vom All mehr schon erfahren hat, als wir –? ...
So war es ihnen, wenn man von Lucinde sprach ...
Eine Stunde verging ... Die düstern Vorstellungen schwanden im Hinblick auf die Entüllungen des Conclave ... Bonaventura, der mutige Bekämpfer der jetzt überall aus Italien vertriebenen und nur noch in Spanien und Deutschland nistenden Jesuiten, Bonaventura, der noch immer in Coni wohnende Segner alles dessen, was Fefelotti von Trident und Brixen, zuletzt von Salzburg, Wien und Würzburg verdammte – auch er war eingezogen in den wiederum vermauerten Palast des Quirinal ...
Von ihrer wohnung aus, die sie in Palazzo Ruspigliosi genommen, hatten die Frauen den Einzug der Cardinäle mit angesehen ... Die lange Procession war durch die Krieger hindurchgegangen, deren drohendes Toben der Dictator beschwichtigten musste ... Tausende bis in die höchsten Dächer und Schornsteine hinauf blickten nieder auf die seit lange zum ersten mal wieder zusammengekommenen höchsten Würdenträger der in Auflösung begriffenen Hierarchie ... Noch befanden sich unter ihnen manche der Alten und Unverbesserlichen ... Da eine hagere, leichenfahle Gestalt, gebeugt von der Last der Jahre, aber funkelnden ehrgeizigen Auges ... Dort eine beleibte, freundlich lächelnde, selbst mit dem Bäuchlein grüssende