, dass sie in ihrer neuen Lage die ihr mangelnde und von ihr als unwesentlich vorausgesetzte Bedingung ganz verschwiegen hatte, wollte das geistige wenigstens am Geschmack versuchen und trat in die Katedrale ein.
Das Innere derselben war trotz der Sonne von Kerzen erhellt, mit Blumenkränzen durchzogen, von Orgelklängen durchbraust; Stimmen redeten laut und so voller neugierig sich drängender, auf den Zehen stehender Menschen war der Raum, dass Lucinde nur auch sogleich von dem, was vorging, angezogen wurde und der Betrachtung des Baues selbst, seiner hohen Gewölbe, seiner bunten Fenster, seiner Kapellen und Grabmäler sich jetzt nicht widmen konnte.
Die heilige Handlung war schon in vollem Gange. Der Bischof stand am Hochaltar in prächtigen Gewändern. Rings um ihn her eine Reihe junger Priester niederkniend, vor ihm drei andere, die, welche eben die letzten Weihen empfingen.
Eben redete der Archidiakon den Bischof mit den Worten an:
Die heilige Mutter Kirche verlangt, dass die gegenwärtigen Diakonen zur Würde des Priestertums geweiht werden!
Der Bischof sprach:
Weisst du, dass sie würdig sind?
Der Archidiakon erwiderte:
Soweit es die menschliche Gebrechlichkeit zu erkennen vermag, weiss ich es und bezeug' es!
Nun wurden die Namen der drei zu Weihenden genannt, die mit Kerzen in der Hand vor dem Bischofe standen:
Joseph Niggl, Beda Hunnius, Bonaventura von Asselyn.
Der letzte Name machte die Hörerin lebhafter aufblicken. Dieser Name Asselyn war auf Schloss Neuhof nicht selten genannt worden. Der Sohn des Kronsyndikus, der Oberregierungsrat, hatte die Witwe eines Herrn von Asselyn geheiratet. Sie erinnerte sich, dass sein mitübernommener Stiefsohn Bonaventura von Asselyn genannt wurde, doch war er für den Militärstand bestimmt gewesen und hätte jetzt Offizier sein müssen.
Sie blickte näher ...
Jetzt überfiel sie ein Schauer ...
Alle ihre Umgebungen wandten sich, als sie einen zwar unterdrückten, aber doch genugsam hörbaren ängstlichen Schrei ausstiess ...
Das ist ... hatte sie erst ganz laut gesagt, ... leiser aber und schon verklingend auf ihren plötzlich erbleichenden Lippen hinzugefügt: ja – Serlo!
Der Bischof sprach soeben von der Bürde und Würde des geistlichen Amtes ...
Lucinde hielt sich an einen der dicht besetzten Kirchenstühle im inneren des Schiffes. Sie starrte auf den jungen Priester, den man Bonaventura von Asselyn genannt hatte. Er war wie Serlo! Serlo, wie er vor zehn Jahren hier hätte können gestanden haben! Derselbe schlanke Wuchs, dieselbe würdige Haltung, dieselben, als er sich wandte, ganz sichtbaren edlen Gesichtszüge, derselbe feine Schwung des Profils, dieselben dunkeln Augen, das Haar, das schon die Tonsur empfangen und ringsum rabenschwarz war ...
Aller Augen teilten das Interesse für diesen jungen Novizen des Priestertums. Wäre dies nicht gewesen, die Unruhe, die Lucinde verriet, hätte noch störender auffallen müssen.
In der Litanei der Heiligen, die jetzt vom Bischof vor den niederknienden Priestern und während er selbst kniete, begonnen wurde und deren wiederholtes: Bitte für uns! die dichte Menschenmasse volltönend und durch die nicht endende Gleichmässigkeit fast die Sinne verwirrend nachmurmelte, fand Lucinde Zeit sich zu sammeln und die krankhafte Aufregung ihrer Gefühle zu beschwichtigen.
Als sich endlich die Betenden erhoben und wieder die lange schlanke Gestalt Serlo's wie aus dem grab erstanden vor ihre fieberhaft erregte Phantasie getreten war, hätte sie sich den mit Blumen bestreuten Aufgängen zum Hochaltar noch mehr genähert, wenn nicht einige das Gewölbe mächtig durchdröhnende Schläge der Turmuhr sie zur Besinnung gebracht hätten. Neun schlug es, die Stunde, wo sie schon im Institut erschienen sein sollte.
Noch einmal sah sie an den Hochaltar, dann ringsum ... es waren Hunderte von jugendlich erblühenden Mädchen anwesend, ganze schulen, ganze Pensionate, ... konnte nicht auch jenes Institut ... nein, sie besann sich, die künftigen Pfleglinge, zu denen sie eilen musste, führten ein Leben, das dem der andern nicht glich ... sie lagen auf Betten, bewegten sich in Bändern und Maschinen ... diese arme Kinder fehlten.
Nun riss sie sich los. Noch im Gehen war sie nur zu dem Priester hingewandt, der ihr Serlo schien ... Serlo, wie er einst gewesen sein konnte, sein musste!
Eben streckte der Bischof die Hand über die zu Weihenden aus, sprach Worte des Segens, begann die Ceremonieen an dem ersten der drei, indem er die Stola, die er als Diakon von der linken Schulter zur rechten trug, ihm kreuzweise über die Brust hängte und dann sprach:
Nimm auf dich das Joch des Herrn! Denn sein Joch ist süss und seine Bürde ist leicht!
Wie sie, mit dem Nachklang dieser Rede, der Anstalt zuflog und dort glücklicherweise noch nicht verspätet ankam, wusste sie kaum ...
Das grosse Gebäude des ortopädischen Instituts nahm sie auf. Es war geschmackvoll und sogar luxuriös eingerichtet. Hinterwärts hatte man den blick in einen Garten, wo der Rasen schon in üppigem Grün stand. Durch eine geöffnete Glastür trat man in einen grossen Saal, den zierliche Treibhauspflanzen schmückten ... Dann freilich kamen die trübern Eindrücke ... Saal an Saal ... Bett an Bett. Kinder darunter, die die Hoffnung ihrer Mütter auf Schönheit ganz betrogen hatten; aber doch viele auch, die sie wohl noch einst erfüllen werden ... Ein Jahr, und eine Neigung der Hüfte oder der kaum sichtbare ungleiche Wuchs einer Schulter ist geheilt! Einige dieser jungen ringsum liegenden Mädchen werden