kindliche Hingebungen an die Schrift ... Die Bibel wurde mir ein Buch göttlich geführter Menschenschicksale ... Liebe, Glaube und Hoffnung wurde mein Evangelium ... – Warum mehr? Und wozu irgend etwas, was nicht auf diesem grund ruht? ... So lehrte ich an manchen Tagen unter meinen alten Eichen und die Menschen kamen von nah und von fern, bis die Verfolgungen sie hinderten ... Da hätt' ich denn schon den wirklichen Tod suchen können, wenn in dieser Welt auf solchen Drang der Tod gesetzt ist ... Immer entschlossener teilt' ich die überzeugung der Gräfin, dass das Verderben der Welt der Stuhl des Antichrists in Rom ist ... Die Fortschritte der Bibelverbreitung, das Wirken englischer Missionäre gerade auf italienischem Boden, die enge Verbindung zwischen Politik und Religion gerade in diesem land, der erwachende Freiheitsdrang Italiens, der nur allein über die Zerstörung der Priesterherrschaft Roms hinweg sein ersehntes Ziel des Volksund Bürgerwohls erringen kann, alles das erfüllte mich mit hoher Spannung ... Ja, in einer solchen Stunde kam mir der Gedanke, nicht allein meinen zweiten Sohn, Vincente Ambrosi, für die Sache einer grossen Reform zu gewinnen – ihn nannt' ich auch in diesem Sinn schon mein – sondern auch meinen ersten, der, wie ich hörte, in die Netze der Römlinge gefallen war ... Noch schob ich es auf, bis ich hörte, dass sich Dein Wahn sogar an den Unternehmungen jenes Kirchenfürsten beteiligte, von denen mir die Gräfin in höchster Aufregung leidenschaftlichster Parteinahme für den gekrönten Vorkämpfer des Protestantismus in Deutschland erzählte ... Da schrieb ich dem Bruder Franz und dir, Bonaventura, sub sigillo confessionis eine Aufforderung zu einem Tag des Concils unter den Eichen von Castellungo ... Es war eine Tat, die selbst die Möglichkeit, mich, deine Mutter, uns alle zu beschämen, nicht scheute, eine Tat der Uebereilung gewiss, geschehen in jener alten Hast, die ich noch nicht ganz überwunden hatte – Ach, es sollten Prüfungen kommen, die mein Blut in ruhigere Wallung, mein Denken in kühlere Erwägung brachten – ..."
Cardinal Ambrosi musste bestätigen, dass Bonaventura's Vater schon damals von seiner baldigen Entfernung aus Castellungo gesprochen ...
Die Geständnisse kehrten auf den in heftigste Erregung geratenen, auf und niederschreitenden Vincente selbst zurück ...
"Wie aber erreicht man ein allgemeines Concil? Wie setzt man die Majestät dreier Jahrhunderte des Lichts zum Richter über das Concil von Trident? arme Mönche und Landpfarrer haben keine stimme im Rat der Kirche! Ein Cardinal, ein Papst muss es sein, der dem Schöpfer das Wort nachstammelt: 'Es werde Licht!' Und wie wird man Cardinal, wie Papst –!– So sprach mein Schüler eines tages mit bebender stimme. 'Dazu sind alle Wege offen!' erwiderte ich lächelnd. 'Keiner ist freilich sicher!' Einer, setzte ich hinzu, wäre neu, der: In Rom ein Mönch im alten Sinn der Väter zu sein! 'Werde ein Heiliger, mein Sohn!' sprach ich ... Das will ich werden! antwortete Vincente ... Ich erschrak, ergriff seine Hand und fuhr fort: Mein Sohn, kein Urteil über die Menschen und Dinge dieser Erde darf dann früher über deine Lippen kommen, bis die kühle Erde oder der Purpur deine Stirn bedeckt! 'Das schwör' ich zum dreieinigen Gott!' sprach Vincente Ambrosi und ging nach Rom – ..."
Ambrosi hatte sich niedergelassen, legte sein Haupt auf den Tisch und faltete die hände ...
Auch Bonaventura's Schweigen war ein Gebet ...
Nach einer feierlichen Stille sagte er:
Und ich, ich musste dir das letzte Wiedersehen deines Vorläufers und Apostels rauben –! Den blick – der Bewunderung –! ...
Er ist jetzt unter uns! sprach Ambrosi mit verklärtem blick gegen Himmel ... Und wie bald – einigt uns alle – das grosse Gottesherz –! ...
Eine lange Pause trat ein ...
Dann mahnte Ambrosi selbst, dass der Freund fortfuhr ...
Dieser las: "Als mein treuer Schüler nach Rom zu den strengen Alcantarinern gepilgert war, hätte ich in hoher, göttlicher Freude in meiner Klause leben können, wenn ich mich nicht einige Jahre später hätte zu jenen Briefen hinreissen lassen ... So lebte ich mit Zittern und Zagen unter den Eichen von Castellungo, hoffend und wieder erbangend, erbangend, dass meine Entdeckung nahe war ... Mevissen musste tot sein – ich hörte nichts von ihm ... So ging noch ein Jahr, noch ein zweites hin ... Da kam plötzlich die Nachricht, dass mein eigener Sohn als Bischof in Robillante erwartet wird –! ... Ich wusste nichts vom Zusammenhang dieser wunderbaren Wendung, ich sah nur die wirkung meiner Mahnung an die Eichen von Castellungo ... Dein Denken, dein Fühlen entnahm ich aus dem, was ich allein von dir wusste ... Es war mir verhasst; ich hätte fürchten müssen, dich in die traurigsten Conflicte zu verwickeln ... So entfloh ich ... Ich bot alles auf, dir, deiner Mutter, deinem zweiten Vater die volle Freiheit eueres Lebens zu lassen, mir nur den Schein meines Todes ... Ambrosi wurde der treue Vermittler zwischen deiner Liebe und meiner Furcht ... Ich hörte von deiner veränderten Richtung, von deinen Kämpfen