manchen lehrte ich die Sprachen, auch deutsch – Knaben wie Mädchen ... Jener Schüler aus Robillante wollte Deutsch lernen ... Die Gabe der Sprachen schien dem jungen Novizen versagt; desto reger war sein Forschereifer in Aufgaben der Phantasie und des Gemüts ... Vincente Ambrosi wollte Mönch werden; ich tat nichts, um ihn in diesem Entschluss wankend zu machen, kämpfte auch nicht gegen seinen Glauben, den er mit Hingebung und innerlich ergriff ... In ihm liebte ich dich ... Schon lange bewohnte ich meine einsame Hütte und war noch ohne Seelenruhe, immer noch gefoltert vom Hinblick auf den sankt-Bernhard und meinen Betrug ... Meine Tränen feuchteten oft mein nächtliches Lager ... Oft trieb es mich, nach dem Hospiz zurückzukehren und nach allem zu forschen, was seiter dort geschehen war ... Aber die Vorstellung: Deine Gattin hat sich mit dem Freund vermählt und darf nicht in Bigamie leben! schreckte mich; man konnte mich erkennen; diese einsam wohnenden Mönche behalten die wenigen Eindrücke, die ihnen werden, desto lebhafter ... Immer und immer aber sah mein gefoltertes Gewissen die grössten Verwickelungen entstanden aus den verwechselten Portefeuilles, aus dem Hinlegen meines Ringes unter die Sachen, die einem andern gehörten, dessen Spur nun verloren und der, für mich geltend, begraben wurde ... Was half mir das Glück meines äusseren Schicksals, die liebevolle sorge und der Schutz meiner Gräfin – ... Mir fehlte Seelenfriede ... Diesen fand ich erst, als mich wieder jener Priesterzögling besuchte, der oft in diese Gegend Almosen zu suchen ausgeschickt wurde ... Er klagte über die Nichtbefriedigung seines inneren und erschloss mir zum ersten mal, warum sein Gemüt stets so krank, sein Sinn so traurig war ... Er hatte bei unsrer ersten Begegnung früher Deutsch von mir lernen wollen, weil er nur zu sehr bedauerte, es in einer ernsten Sache, von der er damals nicht sprach – es liess sich an den Selbstmord des Vaters denken – nicht verstanden zu haben ... Er wäre das einzige Kind seiner älteren; seine Mutter, eine Frau von hoher Bildung, wäre eben aus dem Leben geschieden gewesen, sein Vater, Lehrer der Matematik am Colleg zu Robillante, um sich in seinem tiefen Schmerz aufzurichten, hätte ihn ins Seminar gegeben und eine Fussreise in die Alpen angetreten ... Um die Savoyer und Deutschen Alpenzu vergleichen, hätte er vier Wochen ausbleiben wollen und wäre nicht zurückgekehrt ... Da alle Nachforschungen ohne Resultat blieben, machte sich nach einigen Monaten der Sohn auf den Weg, um wenigstens Einiges über des Unglücklichen Schicksal in Erfahrung zu bringen ... Der Vater war die Strasse über den kleinen Bernhard, den Bernhardin, gegangen, hatte von da aus die Walliser, die Berner Alpen besucht – überall fand er des Vaters Spuren, auch auf der Heimkehr noch am Genfersee, noch in Martigny, ja bis zum Hospiz hinauf ... Da war dann plötzlich derjenige, von welchem er geglaubt hatte, dass es unfehlbar nur sein unglücklicher Vater hätte sein müssen – ein anderer, den gleichfalls der Schneesturm überfallen, ein von einem deutschen Domherrn und seinem Diener damals erst vor einigen Wochen in Saint-Remy begrabener, ein Deutscher, Friedrich von Asselyn genannt – Den Namen hatte er deutlich und richtig aufgeschrieben; er stand in Saint-Remy auf meinem vom Bruder Franz gesetzten Grabstein – ..."
Die Freunde konnten an dieser Stelle nichts tun, als sich gerührt die hände drücken ...
"Weinen durfte ich bei der Erzählung des Jünglings – denn sein Leid hätte jeden gerührt ... Mein Weinen war aber ein Weinen der Freude, das der junge Geistliche nicht begreifen konnte ... Ich rief ihm, da mein Entschluss, mein geheimnis zu hüten, so lange deine Mutter lebte, feststehen sollte: Ich kann dir nicht sagen, mein Vincente, dass dein Vater lebt; aber glaube mir, die Stunde der Trauer, als alles dir zu sagen schien: Du findest ihn, wenn auch im schreckhaftesten Bild des Todes, und du sahst dich dann doch in deiner schmerzlichen Hoffnung getäuscht – diese Stunde, mein Sohn, wird dir gelohnt werden mit ewigen Himmelskronen! ... Der Jüngling deutete alles im Bilde ... Ich wurde ihm näher verbunden und tiefer verloren wir uns in die grossen Aufgaben des Lebens ... Von dieser Zeit an erhob sich mein Inneres zum Dank gegen Gott ... Denn Dank gegen Gott, das ist das Gefühl, dessen Ausdruck wir tausendmal im mund führen und doch nur selten verstehen, selten in die Ursachen seiner wahren Beseligung zergliedern können ..."
Wieder hielten die Freunde inne ... Wieder besiegelte ihr Händedruck den gottgeschlossenen Bund ihres Lebens ...
"Nun wagte ich, auch an die Läuterung Anderer, an die der Kirche zu denken ... Gräfin Erdmutens Glaube überträgt unser Glück auf die Wohltat der Erlösung durch die Gnade ... Dies Bild der Gnade begriff ich und pries am Glauben der Protestanten, dass sie, die so Vieles aufgaben, was sie noch wie andere Christen hätten hüten und tragen sollen, sich das Bewusstsein einer fast persönlichen Wahl und Führung Gottes gewonnen hatten ... Ich sah die Hand der Vergebung vor mir, ich fühlte an mir selbst die wider Verdienst geschenkte Gnade des grossen Erlösungswerkes ... Nun verstand ich die reinen, andächtigen Bücher der Waldenser,