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lebte jahrelang neben mir und dem Onkelohne ihres Ruhmes zu begehren –! schaltete Bonaventura ein ...

"Aber, der Gedanke: Die Spur jenes Unglücklichen, für welchen du nun genommen werden wirst, blieb vielleicht den Seinigen auf ewig verlorendu hast ein Verbrechen auf dich geladen, grösser, als dein Selbstmord gewesen wäre! – der verfolgte mich bald mit allen Schrecken eines bösen Gewissens ... Im Portefeuille des toten, für welchen man mich nehmen konnte und sollte, fand ich keinen Namen, nur Höhenmessungen und Zahlenreihen ... Noch im ersten Eifer meiner scheinbaren Selbstvernichtung warf ich diese Anklage gegen mich in die Tiefe eines Waldstroms ... Ringend, mich in die Stimmung meines alten Leichtsinns, meiner romantischen Sorglosigkeit, meiner angebornen lässigen natur zurückkzuschmeicheln, umging ich Turin ... Die Täler, die ich mit meinen neuen Kleidern durchwanderte, waren zufällig Waldensertäler ... Ich kannte die romanische Sprache ... Aber ich floh vor allem, was mich an Religion erinnerte ... Nur mein romantischer Trieb gab mir Kraft, nur jener phantastische Sinn, der dem Schönen und Reizvollen sich ergibt und moralischer Imputationen nicht achtet ... Ich wollte nach Genua, wollte mit dem Rest meiner Baarschaft zu Schiff gehen und mir in Südamerika ein neues Leben begründen ... über Coni hinaus wurde ich krank; seelisch und körperlich angegriffen, schleppt' ich mich jetzt nur noch langsam vorwärts ... Scheu mied ich die grosse Strasse und ruhte mich oft in Wäldern ... Da war es denn, wo ich in einem einsamen Tale aus einem schönen haus einen vollstimmigen Choral vernahm ... Ich trat in einen neugebauten Raum, wo ein Redner geistliche Erweckungen hielt ... Der Gottesdienst war bald zu Ende ... Ich sah eine hohe stolze Dame, der, als sie aus dem haus trat, alle ehrerbietig auswichen, ich grüsste sie und folgte ihr ... Zu meinem Erstaunen sprach sie mit ihrem Diener deutsch ... Ich redete sie in gleicher Sprache an ... Dies getan zu haben, bereute ich freilich sofort, denn ich hörte ihren Namen und musste erstaunen, mich in der Nähe eines entfernten Zweigs meiner eigenen Familie zu befinden ... Entfliehen konnte ich nicht; ich war zu hinfällig, wurde krank, kam dem Tod nahe und befand mich monatelang in einem Zustand fast der Geistesabwesenheit ... Als ich genas, war ich so von Dankbarkeit und Ehrfurcht vor dieser edlen Frau erfüllt, dass ich mich nicht mehr von ihr trennen konnte ... Da ich mich als Katoliken bekannt hatte, durfte sie in meiner Absicht, als Einsiedler in ihrer Nähe zu leben, nichts Auffallendes finden ..."

In Bonaventura's inneren klangen die Lieder des Dichters Novalis ... Sein Vater klagte sich nur allein an ... Was sein träumerischphantastischer Sinn hätte aus dem Geist der Zeit entschuldigen können, ergänzte nur die Liebe und Bildung des Sohnes ...

"Die Gewissensschuld, der Schmerz um meine Tat auf dem Hospiz, die Gewissheit, dass aus meinem geglaubten und bestätigten tod bereits ein neues Leben in der aufgegebenen Heimat erblüht war (die Gräfin erzählte mir von einer Heirat des Präsidenten von Wittekind, eines Cousins der reichen Erbin, mit der sie zu processiren angefangeneine Zeitungsannonce nannte den Namen der Gattin Friedrich's von Wittekind –) alles das gab mir eine tiefe Traurigkeit und mehrte den Abschluss mit dem Leben ... So entstand die Neigung, mich um die Lehre der Waldenser zu kümmern ... Gräfin Erdmute gab mir die alten Schriften, die sie gesammelt hatte und die in ihrem Text vielleicht niemand so verstand, wie ich ..."

Auch Ambrosi war in ein tiefes Erinnern versunken und schien kaum zuzuhören ...

Bonaventura chiffrirte inzwischen für sich weiter und las ...

Die Darstellung des Vaters lenkte jedoch auf jene Empfindungen zurück, die sich in Ambrosi's inneren angesponnen haben mussten; deshalb begann der Freund aufs neue die laute Mitteilung ...

"Ich würde vergebens gerungen haben, aus meinen durch die Ehegesetze geweckten Zweifeln an Roms Hierarchie zu einer Versöhnung mit dem ewigen Grund aller Dinge, der in unserm Gewissen den einzigen Weg zu seiner erkenntnis vorgezeichnet hat, zu gelangen, wenn nicht ein wunderbares Erlebniss mich zum Frieden mit mir selbst gebracht hätte ... Alle Schätze der Erde sind nichts gegen die Seligkeit eines erlösten Schuldbewusstseins ... Dann streckt jubelnd die Dankbarkeit ihre hände gegen Himmel und ruft: Verhängniss, Zufall oder wie dein Name sein mag, ewiges Gesetz des Lebens, ich bringe dir den Dank einer befreiten Seele bis in den Sphärensang der Sterne –! ... Unter den vielen, die in meine Waldhütte kamen, um sich Rats zu erholen, wie ich ihn grade geben konnte, kam auch ein anmutiger Jüngling ... Seine Mienen hatten einen melancholisch trauernden Ausdruck ... Ich konnte ihn nicht sehen, ohne sogleich mit tiefster Wehmut auch deiner zu gedenken ... Es war verboten, dass sich die geistlichen Schüler von Robillante, überhaupt rechtgläubige Seelen meiner Hütte nahtendennoch geschah esich wurde ein Beichtiger wider Willen ... Auch diese Schüler, die sich oft in den Wäldern tummelten, gingen nicht, ehe ich nicht jedem getan oder geraten, wie und was er wollte ... Vielen Umwohnern musst' ich Briefe schreiben, andern über ihre Geldsachen raten,